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24. Jahrgang Heft 10 Oktober 2006

Editorial
Ergebnisse der LA-MED-Studie 2006


Diskussionsforum Arzneimitteltherapie
Hartmut Lode, Berlin, und Susanne Heinzl, Stuttgart
Neues Breitspektrum-Antibiotikum zur Therapie komplizierter Infektionen
Tigecyclin ist ein Glycylcyclin-Antibiotikum, das von den Tetracyclinen abgeleitet ist. Es wirkt wie die Tetracycline bakteriostatisch und erfasst ein breites Spektrum grampositiver und gramnegativer, auch multiresistenter Erreger. Eine Wirkungslücke besteht bei Pseudomonas aeruginosa.
Bei den pharmakokinetischen Parametern ist die lange Halbwertszeit von 42 Stunden auffallend, dennoch wird das Antibiotikum aus Verträglichkeitsgründen nach einer initialen Dosis von 100 mg zweimal täglich in einer Dosierung von 50 mg infundiert. Da das Glycylcyclin vorwiegend über die Galle und die Fäzes ausgeschieden wird, ist bei ausgeprägten Leberfunktionsstörungen eine entsprechende Dosisanpassung erforderlich.
Bislang ist Tigecyclin zur Behandlung von komplizierten intraabdominalen und Haut- und Weichgewebeinfektionen zugelassen. In diesen Indikationen konnte in Phase-III-Studien eine vergleichbare Wirkung wie mit Imipenem/Cilastatin oder Vancomycin plus Aztreonam erreicht werden. Häufigste Nebenwirkungen waren Übelkeit und Erbrechen.
Fazit: Auf der Basis der bisherigen Daten und der nicht ganz niedrigen Tagestherapiekosten sollte dieses neue, innovative Antibiotikum möglichst gezielt bei Patienten mit Risikofaktoren für die genannten resistenten Erreger und auf der Basis von Resistenzergebnissen bei schweren nosokomialen Infektionen eingesetzt werden.


Hendrik Streeck und Jürgen Kurt Rockstroh, Bonn
Die Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) zur Behandlung der HIV-Infektion hat die Prognose und das Langzeitüberleben HIV-Infizierter dramatisch verbessert. Ungenügende virale Suppression, mangelnde Compliance und Therapieunterbrechungen führen jedoch zu einer zunehmenden Resistenzentwicklung gegen verschiedene antiretrovirale Medikamente oder ganze Substanzklassen. Seit Oktober 2005 ist mit Tipranavir (Aptivus®) ein neuer Proteasehemmer zur Behandlung antiretroviral vorbehandelter HIV-Patienten zugelassen, der aufgrund seiner Struktur zum Teil auch noch bei Viren wirksam ist, die gegen andere Proteasehemmer resistent sind. In der nachfolgenden Übersicht werden die pharmakodynamischen Besonderheiten von Tipranavir sowie das pharmakokinetische Profil, Medikamenteninteraktionen und die wichtigsten Studienergebnisse zu Wirksamkeit und Verträglichkeit des neuen Proteasehemmers vorgestellt.


Übersichten
Aktueller Stand Positionspapier eines interdisziplinären Expertengremiums*
Der Zoster (Herpes zoster, Gürtelrose) wird verursacht durch die Reaktivierung des latent in den Ganglienzellen persistierenden Varicella-Zoster-Virus (VZV). Die Erstinfektion, die sich klinisch als Windpocken (Varizellen) manifestiert, findet in über 90 % der Fälle im Kindesalter statt. Dem gegenüber ist der Zoster eine typische Erkrankung älterer Menschen.
Gefürchtet sind vor allem die mit der Gürtelrose assoziierten Schmerzen sowie mögliche schwerwiegende Komplikationen. Die sehr schmerzhafte und schwer therapierbare postzosterische Neuralgie (PZN) beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen stark. Das Risiko, als Folge des Zoster eine PZN zu entwickeln, nimmt mit dem Alter deutlich zu. Steigende Lebenserwartung und die wachsende Zahl älterer Menschen in der Bevölkerung machen den Zoster und die PZN zu einem Problem mit zunehmender gesundheitspolitischer Bedeutung. Die frühzeitige Behandlung mit systemischen Virustatika und Analgetika kann die Schwere und Dauer der Akuterkrankung sowie das Komplikations- und PZN-Risiko mindern. Aber selbst bei optimaler Therapie ist eine PZN häufig nicht zu verhindern.
Durch eine Impfung älterer Menschen mit einem hochdosierten VZV-Impfstoff lassen sich Häufigkeit und Schwere des Zoster sowie das Risiko einer PZN mehr als halbieren. Dies belegt eine Plazebo-kontrollierte Doppelblindstudie mit mehr als 38 000 über 60-jährigen Menschen in den USA. Auf Basis dieser Studienergebnisse ist die Zosterimpfung als Primärprävention für diesen Personenkreis zu empfehlen.
Arzneimitteltherapie 2006;24:351–5.


Martin Max, Marburg
Das Ziel der Immunonutrition ist die Beeinflussung systemischer, inflammatorischer Reaktionen wie sie bei kritisch kranken Patienten im Rahmen schwerer Infektionen und Erkrankungen oder nach großen, chirurgischen Eingriffen oder Polytraumatisierung auftreten. Zu den Nährstoffen, die in diesem Zusammenhang untersucht wurden, gehören Aminosäuren wie Glutamin und Arginin, mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren, Nucleotide und verschiedene Antioxidanzien. Der Nutzen einer solchen Therapie bleibt jedoch vielfach noch ungeklärt, da die vorhandenen Studien klein, in Design und eingeschlossener Patientenpopulation heterogen sind und in der Regel Kombinationspräparate verwenden, bei denen eine Differenzierung der Effekte verschiedener Bestandteile nicht möglich ist. Da auch die verfügbaren Metaanalysen nicht in der Lage sind, die offenen Fragen zur Zielgruppe, Dosierung, Applikationsart und -dauer umfassend zu beantworten, sind die Empfehlungen verschiedener Fachgesellschaften meist vage und ungeeignet, um Rückschlüsse für den Einsatz der Immunonutrition bei kritisch Kranken im Allgemeinen zu ziehen.


Referiert & kommentiert
Dr. Barbara Kreutzkamp, München
Trastuzumab-Applikation und Kardiotoxizität
Die adjuvante Docetaxel-Gabe, gefolgt von einem Fluorouracil-Epirubicin-Cyclophosphamid(FEC)-Regime, verbesserte das Rückfall-freie Überleben bei Frauen mit frühem Brustkrebs im Vergleich zu Vinorelbin plus FEC-Schema. Durch die Gabe des HER2-Antikörpers Trastuzumab bei Frauen mit HER2/neu-überamplifizierenden Tumoren war eine zusätzliche Verbesserung möglich. Bei Gabe von Trastuzumab jeweils vor den anderen Chemotherapeutika wurde keine Verminderung der linksventrikulären Auswurffraktion beobachtet.


Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Mycophenolatmofetil wirksamer als Cyclophosphamid
In einer 24-wöchigen randomisierten, offenen Studie mit Patienten mit Lupus-Nephritis erwies sich Mycophenolatmofetil im Vergleich zu Cyclophosphamid als wirksamer und sicherer.


Prof. Dr. med. H. C. Diener, Essen
Was ist beim neuropathischen Schmerz wirksam?
In einer umfangreichen Metaanalyse randomisierter Studien konnte gezeigt werden, dass eine Reihe medikamentöser Therapien mit unterschiedlichen Angriffspunkten beim chronischen neuropathischen Schmerz wirksam ist.


Prof. Dr. med. H. C. Diener, Essen
Orale Antikoagulation bleibt Therapiestandard
Eine orale Antikoagulation mit INR-Werten zwischen 2 und 3 ist bei Patienten mit Vorhofflimmern signifikant wirksamer als eine Behandlung mit Clopidogrel plus Acetylsalicylsäure.


Therapie von Tumorerkrankungen


Dr. Susanne Heinzl
Lapatinib verlängert progressionsfreies Überleben
Der orale Tyrosinkinase-Inhibitor Lapatinib (Tykerb®) verlängert bei Patientinnen mit fortgeschrittenem HER-2-überexprimierendem Mammakarzinom das progressionsfreie Überleben signifikant. So das Ergebnis einer internationalen randomisierten Phase-III-Studie, das beim ASCO 2006 im Mai in Atlanta vorgestellt und auf einer Pressekonferenz von GlaxoSmithKline diskutiert wurde.


Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Neue Behandlungsmöglichkeiten mit Natalizumab
Natalizumab ist ein selektiver Adhäsionsmolekül-Inhibitor, und zwar ein rekombinanter, humanisierter monoklonaler Antikörper gegen Alpha-4-Integrin. In verschiedenen Studien wurde die Wirksamkeit von Natalizumab bei der schubförmig-remittierenden multiplen Sklerose (MS) belegt. Nach Analyse von über 3 000 Patientenakten kann das Risiko für eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie als gering erachtet werden. Natalizumab wurde deshalb wieder zur MS-Therapie zugelassen. Die Ergebnisse der klinischen Studien und der Risikobewertung wurden auch bei der (Wieder-)Einführungspressekonferenz der Firma Biogen Idec Mitte Juli in Frankfurt vorgestellt.


Dr. Barbara Kreutzkamp, München
RANKL-Antikörper reduziert Knochenabbau
Der monoklonale Antikörper Denosumab bindet an den Receptor activator of nuclear factor-kappaB ligand (RANKL) und verhindert damit die Osteoklasten-Differenzierung. In einer Phase-II-Studie konnte mit subkutanen Denosumab-Gaben alle drei oder alle sechs Monate der Knochenabbau bei postmenopausalen Frauen mit niedriger Knochenmasse verringert werden.


Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Neue Empfehlungen zur Antikoagulation bei Endoskopie
Die Amerikanische Gesellschaft für Endoskopie hat neue Leitlinien für die Antikoagulation im Rahmen endoskopischer Eingriffe herausgegeben. Dabei werden die Risikobedingungen für ein thromboembolisches Ereignis gegenüber dem Risiko des Eingriffs abgewogen.


Andrea Warpakowski, Itzstedt
Kausale Therapie verfügbar
Der rekombinante Keratinozyten-Wachstumsfaktor Palifermin verringert Inzidenz und Dauer der schweren oralen Mukositis nach myelosuppressiver Chemo- und Radiotherapie mit autologer Stammzelltransplantation sowie den Bedarf an Opioiden. Diese Daten wurden auf einer von der Firma Amgen veranstalteten Pressekonferenz im März 2006 in Hamburg vorgestellt.


Bettina Schmitt-Hönl, Furtwangen
Weniger Brustkrebs nach alleiniger Estrogen-Therapie bei hysterektomierten Frauen?
Frauen, die nach einer Hysterektomie ausschließlich Estrogene als Hormonersatztherapie in den Wechseljahren erhalten, haben meist kein erhöhtes Risiko an Brustkrebs zu erkranken. Bei Behandlung mit konjugierten equinen Estrogenen (CEE) zeigte sich tendenziell sogar eine Reduktion des Brustkrebsrisikos. Auffällige Mammographie-Befunde waren jedoch bei mit Estrogen behandelten Frauen häufiger als unter Plazebo.


Dr. Annemarie Musch
Aktualisierte Leitlinie der CDC veröffentlicht