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25. Jahrgang Heft 4 April 2007

Editorial
Susanne Heinzl


Neue Arzneimittel in der Diskussion
Bernd Salzberger, Regensburg, und Susanne Heinzl, Stuttgart
Zyklisches Lipopeptid zur Behandlung von Haut- und Weichgewebeinfektionen
Daptomycin ist der erste Vertreter der neuen zyklischen Lipopeptide, einer neuen Antibiotika-Klasse. Es wirkt ausschließlich gegen grampositive Bakterien, einschließlich gegen andere Antibiotika mehrfach resistenter Stämme. Indiziert ist es zur Behandlung komplizierter Haut- und Weichgewebeinfektionen. Nicht wirksam ist es bei Atemwegsinfektionen. Da zu Beginn der klinischen Entwicklung vermehrt Muskelsymptome beobachtet wurden, sind entsprechend disponierte Patienten sorgfältig zu überwachen.


Michael Manns, Katja Deterding, Hannover, und Annemarie Musch, Stuttgart
Neues Nucleosid-Analogon zur Therapie der chronischen Hepatitis-B-Virus-Infektion
Entecavir (Baraclude®) ist ein neues Virustatikum, das seit dem 26. Juni 2006 zur Behandlung chronischer Hepatitis-B-Virus(HBV-)-Infektionen zugelassen ist. Das Nucleosid-Analogon hemmt selektiv die HBV-Polymerase und damit die DNS-Synthese und die Replikation des Hepatitis-B-Virus in infizierten Zellen.
Entecavir ist zugelassen zur Behandlung von Erwachsenen mit chronischer HBV-Infektion – sowohl Wildtyp-Virus-Infektion (= HBeAg-positiv) als auch Infektion mit der Prä-Core-Mutante des Virus (= HBeAg-negativ). Entecavir zeichnet sich durch eine hohe antivirale Wirksamkeit und ein im Vergleich zu Lamivudin und Adefovir deutlich besseres Resistenzprofil bei nicht vorbehandelten Patienten aus.


Übersicht
Susanne Liptay und Stefan Burdach, München
Therapeutische Möglichkeiten
Spucken als Zeichen eines gastroösophagealen Refluxes ist ein häufiger, physiologischer Prozess bei Säuglingen im 1. Lebensjahr. Nur ein kleiner Prozentsatz der Kinder mit gastroösophagealem Reflux (GÖR) entwickelt eine gastroösophageale Refluxkrankheit (GÖRK) mit möglichen Komplikationen. Da es Hinweise gibt, dass eine GÖRK im Säuglingsalter einen Risikofaktor für eine GÖRK im Erwachsenenalter darstellt, ist es einerseits wünschenswert, diese Kinder zu identifizieren und zu behandeln, ohne andererseits der großen Mehrzahl der spuckenden Säuglinge eine unnötige Diagnostik und Therapie zuzumuten. Die Identifizierung dieser Kinder ist jedoch bislang nicht sicher möglich, da es keine gute Korrelation zwischen klinischen Symptomen, 24-Stunden-pH-Metrie und endoskopisch-bioptisch gesicherter Refluxösophagitis gibt.
Bei einem spuckenden, gut gedeihenden Säugling ohne weitere Symptome ist ein abwartendes Verhalten gerechtfertigt. Eine ausführliche Beratung über den meist selbstlimitierenden Verlauf des GÖR im ersten Lebensjahr kann eine vielfach unnötige Diagnostik und Therapie vermeiden. Nur wenige therapeutische Interventionen haben einen gesicherten Stellenwert. Bei ausbleibender Besserung ist ein Versuch mit einer kuhmilcheiweißfreien Ernährung gerechtfertigt. Das Andicken der Nahrung mit Johannisbrotmehl, Reisstärke oder die Gabe von speziellen Anti-Reflux-Formulanahrungen sollte nur in Ausnahmefällen unter ärztlicher Überwachung erfolgen.
Eine GÖRK erfordert eine medikamentöse Behandlung. Protonenpumpenhemmer sind Mittel der ersten Wahl. Die MUPS-Zubereitung von Omeprazol ist in Deutschland das einzige Medikament mit Zulassung zur Therapie der GÖRK bei Kindern über einem Jahr. Für Kinder unter einem Jahr gibt es kein zugelassenes Medikament. Bei Unverträglichkeit von Protonenpumpenhemmern stehen H2-Rezeptorantagonisten als Alternative zur Verfügung. Ihre Wirksamkeit wurde bei Kindern nachgewiesen, eine Zulassung für Kinder besteht jedoch für kein Präparat dieser Substanzklasse. Metoclopramid ist für Kinder über zwei Jahre zugelassen, eine Reduktion von GÖR bei Kindern konnte nachgewiesen werden. In Anbetracht der hohen Nebenwirkungsrate muss die Indikation zur Therapie jedoch sehr sorgfältig gestellt werden. Domperidon ist für Kinder ab 12 Jahren zugelassen, eine Wirksamkeit gegen Erbrechen konnte nur bei einer kurzfristigen Anwendung gezeigt werden.
Arzneimitteltherapie 2007;25:132–9.


Fragen aus der Praxis
Gerd Luipppold, Tübingen
Ein 64-jähriger Patient hat unter einer Therapie mit niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (100 mg, 1–0–0) eine gastrointestinale Ulkusblutung erlitten. Zur Sekundärprävention einer bestehenden koronaren Herzerkrankung soll der Patient weiterhin antithrombotisch behandelt werden.


Klinische Studien
Dr. Susanne Heinzl
5-Jahres-Ergebnisse belegen hohe Wirksamkeit von Imatinib

Die Behandlung von Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie mit Imatinib über 5 Jahre führte bei einem hohen Anteil der Patienten zu einem dauerhaften Ansprechen.



Dr. Birgit Schindler, Freiburg
Chemotherapie kann Überlebenszeit nicht verlängern

Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, wie lassen sich die besten Behandlungsergebnisse erzielen? Erwiesen ist, dass durch eine Bestrahlung vor der chirurgischen Entfernung eines Rektumkarzinoms lokale Rezidive reduziert werden können. In einer großen Studie wurde nun gezeigt, dass eine zusätzliche Chemotherapie zwar lokale Rezidive noch effektiver verringern kann, das Gesamtüberleben der Patienten durch diese Behandlung aber nicht verlängert wird.



Rosemarie Ziegler, Albershausen
Orales Ondansetron bei akuter Gastroenteritis

Bei Kindern mit Exsikkose durch Magen-Darm-Entzündung lindert eine Einzeldosis Ondansetron das Erbrechen und erleichtert so die orale Rehydratisierung auf der Notfallstation.



Referiert & kommentiert
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Kosten-Nutzen-Verhältnis bei der Osteoporose-Therapie

Bei postmenopausalen Frauen mit hohem Osteoporose-Risiko zeigte die alleinige Gabe von Alendronsäure einen besseren Kosten-Nutzen-Effekt als die Monotherapie mit Teriparatid oder eine sequenzielle Therapie mit Teriparatid plus Alendronsäure.



Dr. Annemarie Musch
Thrombozytopenie

Nachfolgend werden zwei viel versprechende neue Ansätze zur Behandlung von Patienten mit Thrombozytopenie vorgestellt, die sich durch einen neuen Wirkungsmechanismus auszeichnen und sich bereits in Phase II bzw. III der klinischen Prüfung befinden.



Dr. Birgit Schindler, Freiburg
T-Zell-gerichtete Therapie mit Fingolimod

Gibt es bald neben Natalizumab eine weitere neue Therapieoption zur Behandlung der schubförmig-remittierenden multiplen Sklerose? In einer Plazebo-kontrollierten Phase-II-Studie wurde gezeigt, dass Fingolimod (FTY720) die Anzahl neuer Läsionen und die Schubrate deutlich senkt. Fingolimod ist oral verfügbar und hemmt die Migration von T-Lymphozyten.



Bettina Martini, Memmingen
Nilotinib wirksam bei Imatinib-Resistenz

Nilotinib (vorgesehener Handelsname Tasigna®) hemmt wie Imatinib die BCR-ABL-Tyrosinkinase, die bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML) hochreguliert ist. Die neue Substanz wirkt aber auch bei Imatinib-refraktären Patienten. Die Verträglichkeit des neuen Tyrosinkinase-Hemmers ist gut. So die Ergebnisse einer Phase-I-Studie.



Dr. Barbara Kreutzkamp, München
Thalidomid verbessert Ergebnis gegenüber Standardtherapie

Bei Patienten mit neu diagnostiziertem multiplem Myelom, die für eine Stammzelltransplantation nicht in Frage kommen, ergeben sich durch die zusätzliche Gabe von Thalidomid zum Standardregime Melphalan plus Prednison Vorteile bei den Ansprechraten und beim ereignisfreien Überleben. Schwere Nebenwirkungen sind aber bei der Dreifach-Kombination häufiger.



Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Kein erhöhtes Risiko für Depressionen nach einem Herzinfarkt

Bei Patienten, die nach einem Herzinfarkt Betablocker erhielten, wurde im ersten Jahr nach dem Ereignis kein erhöhtes Auftreten von depressiven Symptomen oder Störungen beobachtet.



Dr. Barbara Kreutzkamp, München
Amiodaron zusätzlich zu Betablockern reduziert Schockrate

Patienten, die aufgrund von Kammertachykardien oder Kammerflimmern einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) erhalten, werden durch Amiodaron plus einer Standardtherapie mit Betablockern besser vor Defibrillator-ausgelösten Schocks bewahrt als durch eine Betablocker-Monotherapie. Die dadurch gesteigerte Lebensqualität der Patienten muss gegen die Nebenwirkungen einer Amiodaron-Gabe vor allem auf Schilddrüse und Lunge abgewogen werden.



Dr. Barbara Kreutzkamp, München
Hoher Bias in offenen Verfahren

Werden wissenschaftliche Abstracts für die Präsentation auf einem US-amerikanischen Kongress in einem offenen Verfahren begutachtet, werden Arbeiten aus Ländern wie den USA und anderen englischsprachigen Nationen sowie Arbeiten aus angesehenen Forschungseinrichtungen bevorzugt. In verblindeten Begutachtungen reduziert sich dieser Bias deutlich.



Dr. Susanne Heinzl
Weniger Pneumokokken-Infektionen bei Kindern

Eine Impfung mit dem 7-valenten Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff (Prevenar®) kann mehr als 70 % der invasiven Pneumokokken-Infektionen bei Kindern unter fünf Jahren in Deutschland verhindern. Dies ergab eine prospektive aktive Surveillance-Studie, die 1997 begonnen wurde.



Dr. Susanne Heinzl
Welche Patienten profitieren von Glykoprotein-Rezeptorantagonisten?

Von einer Therapie mit dem Glykoprotein-IIb/IIIa-Rezeptorantagonisten Tirofiban profitieren insbesondere Patienten mit akutem Koronarsyndrom und hohem Risiko. Derzeit wird untersucht, ob eine so genannte Downstream-Dosierung mit Tirofiban die Therapieergebnisse im Vergleich zur bisherigen Upstream-Dosierung verbessert, wie bei einem MSD-Satellitensymposium auf dem World Congress of Cardiology 2006 Anfang September in Barcelona berichtet wurde.



Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Frühe Abnahme der Virusmenge unter Telbivudin

Mit Telbivudin steht ab 2007 vermutlich ein neues Nucleosidanalogon zur Therapie der chronischen Hepatitis B zur Verfügung, mit dem eine stärkere frühzeitige Senkung der Virusmenge erreicht werden kann, so das Ergebnis eines von Novartis Pharma GmbH und Idenix Germany GmbH veranstalteten Pressegesprächs im Rahmen der DGVS-Tagung im September 2006 in Hannover.