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25. Jahrgang Heft 12 Dezember 2007

Editorial
Dr. Susanne Heinzl


Neue Arzneimittel in der Diskussion
Roland Büttner, Regensburg, Annemarie Musch und Susanne Heinzl, Stuttgart
Dipeptidylpeptidase-4-Inhibitor für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2
Sitagliptin ist der erste Vertreter einer neuen Stoffgruppe zur Behandlung von Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2, den Dipeptidylpeptidase-4-Inhibitoren. Sitagliptin hemmt den Abbau der Inkretine GLP-1 und GIP und verstärkt so in Abhängigkeit von der Glucosekonzentration die Insulinsekretion aus den Betazellen der Langerhans-Inseln.
Sitagliptin kann aufgrund seiner langen Halbwertszeit von 12 Stunden einmal täglich eingenommen werden. Zugelassen ist Sitagliptin in Deutschland bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 zur Verbesserung der Blutzuckerkontrolle in Kombination mit Metformin oder einem Thiazolidindion, wenn Diät und Bewegung plus Metformin bzw. Thiazolidindion den Blutzucker nicht ausreichend senken. Sitagliptin ist gewichtsneutral und gut verträglich.


Übersicht
Ingo Stock, Brühl bei Köln
Epidemiologie, Eigenschaften und neue Behandlungsoptionen
Viele Koagulase-negative Staphylococcus-Arten sind als natürlicher Bestandteil der menschlichen Hautflora seit langem bekannt. Zahlreiche Spezies sind darüber hinaus aber auch für eine Reihe nosokomialer und allgemein erworbener Infektionen verantwortlich, die vor allem alte Patienten, Kinder und Neugeborene betreffen. Koagulase-negative Staphylokokken sind die häufigste Ursache der nosokomialen neonatalen Sepsis und häufige Erreger anderer Blut- und Fremdkörperinfektionen. Zahlreiche Endokarditiden, Meningitiden, Wund-, Weichgewebe- und Harnwegsinfektionen sowie Erkrankungen der Haut und des Auges gehen ebenfalls auf diese Bakterien zurück. Neben Staphylococcus epidermidis werden vor allem S. hominis, S. haemolyticus, S. warneri, S. lugdunensis und S. saprophyticus als Ursache dieser Erkrankungen gefunden. Ein besonderes Problem für die Therapie stellen Erreger da, die eine Resistenz gegenüber Antiinfektiva verschiedener Substanzgruppen erworben haben. Multiresistente Koagulase-negative Staphylokokken sind häufig gegenüber Beta-Lactamen, Aminoglykosiden, Chinolonen, Makroliden, Lincosamiden und anderen antibakteriellen Wirkstoffen resistent. Ein weiteres Problem sind die bei Fremdkörperinfektionen von den Bakterien gebildeten Biofilme, die einen gewissen Schutzmechanismus gegenüber Antiinfektiva darstellen. Neue Wirkstoffe mit einer Aktivität gegen multiresistente sowie in Biofilmen vorkommende Staphylokokken sind daher dringend erforderlich. Zu den derzeit Erfolg versprechenden Substanzen gehören Linezolid, Tigecyclin und Ceftobiprol sowie die Glykopeptide Dalbavancin, Oritavancin und Telavancin.


Consensus
Bernd Salzberger, Regensburg, Martin Däumer, Köln, Peter Gute, Frankfurt, Hans Jäger, München, Heribert Knechten, Aachen, Jan van Lunzen, Hamburg, Stefan Mauss, Düsseldorf, Christoph Mayr, Arend Moll, Berlin, Andreas Plettenberg, Hamburg, Jürgen Roc
Konsensus-Empfehlung einer deutschen Expertengruppe
Hintergrund: Die EU-Zulassung von Enfuvirtid (Fuzeon®) wurde im Mai 2003 auf Basis der 48-Wochen-Daten der TORO-1- und TORO-2-Studien erteilt. Die Zulassung sieht die Anwendung von Enfuvirtid für vorbehandelte HIV-Patienten mit Dreiklassen-Erfahrung vor, die ein Therapieversagen gezeigt oder die die vorangegangenen antiretroviralen Behandlungsregime nicht vertragen haben.
Aktuelle Studien mit den neuen Proteaseinhibitoren Tipranavir und Darunavir (RESIST- und POWER-Studien) zeigen, dass eine hohe Rate von mehrfach vorbehandelten HIV-Patienten mit Enfuvirtid plus einem dieser neuen geboosterten Proteaseinhibitoren (PI/r) und einem optimierten Hintergrundregime eine Viruslast-Senkung unter die Nachweisgrenze erreicht [1].
Die internationale AIDS-Society (IAS-USA Panel) hat ihre Therapieleitlinien vor dem Hintergrund dieser neuen Datenlage aktualisiert und empfiehlt für mehrfach vorbehandelte HIV-Patienten den Einsatz eines antiretroviralen Therapieregimes, das mindestens zwei aktive Substanzen enthält, davon eine mit einem neuen Wirkungsmechanismus. Als neues Therapieziel gilt auch für mehrfach vorbehandelte Patienten mit fortgeschrittener HIV-Erkrankung: Reduktion der Viruslast unter die Nachweisgrenze von 50 Kopien/ml. Die IAS stellt fest, dass die Wahrscheinlichkeit für das Erreichen dieses Therapieziels höher ist, wenn Enfuvirtid eine der beiden aktiven Substanzen ist [2].
Zielsetzung: Zielsetzung des Treffens eines deutschen Expertengremiums war, die aktuelle Datenlage zu diskutieren und in aktualisierte deutsche Konsensus-Empfehlungen für die Anwendung von Enfuvirtid bei Therapieumstellungen mehrfach vorbehandelter HIV-Patienten umzusetzen.
Methoden: Die Konsensus-Empfehlungen basieren auf publizierten Daten aus kontrollierten randomisierten klinischen Studien sowie auf den Expertenmeinungen der Diskutanten.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen: Die Konsensus-Empfehlungen wurden entwickelt, um praxisrelevante standardisierte Empfehlungen zur Auswahl geeigneter Patienten für eine Enfuvirtid-Therapie und das Management dieser Patienten zu geben. Dabei sind Aspekte wie prädiktive prognostische Faktoren, Krankheitsstadium, Auswahl des optimierten Hintergrundregimes, frühe Indikatoren eines Ansprechens auf Enfuvirtid sowie therapiebegleitende Schulungsmaßnahmen berücksichtigt. Der Einsatz von neuen Proteaseinhibitoren oder anderen noch verbleibenden aktiven Substanzen sollte bei stark vorbehandelten Patienten in Kombination mit Enfuvirtid erfolgen, um mindestens zwei aktive Substanzen in einem solchen Salvage-Regime zu ermöglichen.

Arzneimitteltherapie 2007;25:454–62.


Klinische Studien
Dr. med. Julia Hofmann, Grafing
Monotherapie mit Bivalirudin Reduziertes Blutungsrisiko
Bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom, die eine frühe invasive Behandlung erhielten, wirkte eine begleitende Monotherapie mit dem Thrombininhibitor Bivalirudin vergleichbar gut wie die Gabe einer Kombination aus Heparin und Glykoprotein-IIb/IIIa-Inhibitor, senkte jedoch das Blutungsrisiko signifikant. So das Ergebnis einer offenen, randomisierten Studie.


sh
Imatinib als adjuvante Therapie bei GIST
Der Tyrosinkinase-Hemmer Imatinib (Glivec®) ist in einer Dosierung von 400 mg täglich über ein Jahr in der adjuvanten Therapie von Patienten mit gastrointestinalem Stromatumor (GIST) gut verträglich, durch die Therapie wird die rückfallfreie Überlebenszeit erhöht. Die Gesamtüberlebenszeit wurde bislang nicht verändert. Dies zeigen die Ergebnisse einer Interimsanalyse einer Phase-III-Studie.


Referiert & kommentiert
Dr. Susanne Heinzl
Sorafenib verlängert Überlebenszeit bei Leberkrebs

Die Therapie mit dem Tyrosinkinase-Hemmer Sorafenib (Nexavar®) kann die Gesamtüberlebenszeit von Patienten mit Leberzellkarzinom (HCC) oder primärem Leberkrebs um 44 % verlängern. Dies ergab die SHARP-Studie (Sorafenib HCC assessment randomized protocol), eine internationale randomisierte, Plazebo-kontrollierte Phase-III-Studie.



Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Therapievorteile durch Ranolazin?

Durch die zusätzliche Gabe von Ranolazin zur Standardbehandlung des akuten Koronarsyndroms ohne ST-Streckenhebung konnte die Häufigkeit schwerer kardiovaskulärer Ereignisse nicht gesenkt werden. Das Risiko für Todesfälle oder dokumentierte symptomatische Arrhythmien wurde durch Ranolazin nicht negativ beeinflusst.



Dr. Annemarie Möritz, Sursee, Schweiz
Bevacizumab bei Patienten mit Rezidiv oder fortgeschrittener Erkrankung

Durch die Hinzunahme von Bevacizumab zu einer Chemotherapie mit Paclitaxel und Carboplatin konnte gegenüber der alleinigen Gabe der beiden Zytostatika eine signifikant bessere Überlebensrate bei Patienten mit rezidiviertem oder fortgeschrittenem nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom erreicht werden. Es zeigte sich jedoch, dass dies mit einem erhöhten Risiko für behandlungsbedingte Todesfälle einherging. Dies sind die Ergebnisse einer Phase-III-Studie der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG) in den USA.



Dr. Annemarie Musch
„Add-on“ statt „Switch“ bei Resistenzen!

Treten bei der Therapie chronischer Hepatitis-B-Virus(HBV)-Infektionen mit Nucleosid- oder Nucleotidanaloga Resistenzen auf, sollte die Therapie mit einer Kombination von zwei antiviralen Arzneistoffen fortgesetzt werden (add-on). Idealerweise kommt hierbei ein Wirkstoff aus der jeweils anderen Wirkstoffklasse zum Einsatz, um möglichen Kreuzresistenzen zuvorzukommen – z. B. Zusatz eines Nucleotidanalogons bei Resistenz gegen ein Nucleosidanalogon. Diese Empfehlungen wurden in der im Januar 2007 aktualisierten nationalen Konsensus-Leitlinie zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der HBV-Infektion formuliert.
Die Resistenzselektionierung als Problem und Risiko bei der Therapie chronischer HBV-Infektionen mit Nucleos(t)idanaloga sowie die aktuellen Empfehlungen wurden bei einem interaktiven Medienseminar, das von Gilead in München am 12. Juli 2007 veranstaltet wurde, vorgestellt und diskutiert.



Dr. Barbara Bornkessel, Bremen
CD20-Antikörper Rituximab nach Versagen von TNF-α-Inhibitoren

Patienten mit fortgeschrittener aktiver rheumatoider Arthritis profitieren nach Versagen von TNF-α-Inhibitoren von einer selektiven B-Zell-Depletion mit Rituximab (MabThera®). Der in dieser Indikation seit Juli 2006 zugelassene CD20-Antikörper ist auch bei wiederholten Behandlungskursen effektiv und sicher, wie die beim europäischen Rheumatologen-Kongress präsentierten Daten zeigen, die im Rahmen einer Pressekonferenz der Firma Roche Pharma am 26. Juni 2007 vorgestellt wurden.



Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Docetaxel wirkt unabhängig vom Estrogenrezeptor-Status

Durch eine adjuvante Chemotherapie können die Heilungschancen beim Mammakarzinom signifikant verbessert werden. Das Taxan Docetaxel (Taxotere®) gehört sowohl in der adjuvanten als auch in der palliativen Situation zu den am stärksten wirksamen Substanzen. Die Wirksamkeit ist unabhängig von der Anzahl der befallenen Lymphknoten und dem Estrogenrezeptor-Status, so das Fazit auf einer von der Firma Sanofi-Aventis veranstalteten Fachpressekonferenz am 6. Juli 2007.



Arndt Krödel, Leipzig
Dexrazoxan schützt Mammakarzinom-Patientinnen

Anthracycline zählen seit über 30 Jahren zu den erfolgreichsten Zytostatika in der Behandlung solider und hämatologischer Tumoren, insbesondere des Mammakarzinoms. Ein entscheidender Nachteil ist ihre Kardiotoxizität: Bereits mit der ersten Dosis können myokardiale Schäden auftreten, die irreversibel sind und sich mit jeder weiteren Dosis intensivieren. Klinische Studien haben gezeigt, dass das Risiko einer Herzinsuffizienz in Folge einer Anthracyclin-Therapie durch das Kardioprotektivum Dexrazoxan deutlich gesenkt werden kann. Dabei wird die antineoplastische Wirksamkeit von Anthracyclinen nicht beeinträchtigt. Aktuelle Daten wurden bei einem von Novartis veranstalteten Pressegespräch Anfang Juli 2007 zusammengefasst.