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26. Jahrgang Heft 1 Januar 2008

Editorial
Annemarie Musch, Stuttgart


Neue Arzneimittel in der Diskussion
Wiebke Schrempf und Tjalf Ziemssen, Dresden*
Eine neue Option bei multipler Sklerose
Die Entwicklung monoklonaler Antikörper zur zielgerichteten Blockade einzelner pathophysiologisch relevanter Moleküle hat die Behandlungsmöglichkeiten zahlreicher neoplastischer und auch chronisch-entzündlicher Erkrankungen deutlich erweitert. Als erstes erfolgreiches Beispiel in der Behandlung der schubförmigen multiplen Sklerose kann Natalizumab (Tysabri®; Biogen Idec/Elan) genannt werden, ein humanisierter monoklonaler Antikörper gegen Alpha-4-Integrin. Die Behandlung mit Natalizumab führte in Phase-II-Studien zu einer signifikanten Reduktion Kontrastmittel(Gadolinium)-aufnehmender T1-Läsionen im MRT, aber auch zur Reduktion des Volumens von Kontrastmittel-aufnehmenden Herden. In der Phase-III-Studie AFFIRM konnte im Vergleich zu Plazebo eine deutliche Reduktion der Schubzahl während der Monotherapie mit Natalizumab bei Patienten mit einer schubförmig remittierenden multiplen Sklerose (RRMS) nachgewiesen werden. Allerdings erkrankten insgesamt drei mit Natalizumab behandelte Patienten an einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML), einer ZNS-Infektion, die durch das JC-Virus, ein Virus der Polyoma-Gruppe, in der Regel nur unter Immunsuppression ausgelöst wird. Das Präparat wurde daraufhin vorübergehend vom Markt genommen, jedoch unter Auflagen wieder zur Behandlung der hochaktiven schubförmigen multiplen Sklerose (RRMS) als Monotherapie zugelassen. Langzeituntersuchungen sind notwendig, um die Risiken und Nebenwirkungen neuer Therapien bei der Behandlung chronischer Erkrankungen wie der multiplen Sklerose einzuschätzen und Risiken sowie Nutzen gegeneinander abzuwägen. Die Behandlung mit Natalizumab sollte Zentren mit besonderer Erfahrung in der Behandlung der multiplen Sklerose zunächst vorbehalten bleiben.


Rieke Alten, Berlin, und Annemarie Musch, Stuttgart
Rheumatoide Arthritis
Abatacept (Orencia®) wurde in Europa am 21. Mai 2007 als erster Vertreter der neuen Arzneistoffklasse der T-Zell-Kostimulationsmodulatoren zur Therapie der rheumatoiden Arthritis zugelassen. In einem umfangreichen Studienprogramm wurden die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie mit Abatacept bei Patienten gezeigt, die zuvor nicht ausreichend auf die Therapie mit „Disease modifying antirheumatic drugs“ (DMARD) und hierbei mindestens auf einen TNF-α-Blocker angesprochen haben oder aber diese nicht vertrugen.


Übersicht
Christoph F. Schorn und Hans Christoph Diener, Essen
Ein Antikonvulsivum zur Kopfschmerzprophylaxe
Mit dem Antikonvulsivum Topiramat steht eine weitere Substanz der ersten Wahl zur Prophylaxe der Migräne entsprechend den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN, Stand Mai 2005) zur Verfügung. Der zugrunde liegende multifaktorielle Wirkungsmechanismus ist nicht vollständig geklärt. Die empfohlenen Tagesdosen liegen zwischen 50 und 100 mg. Ein Wirkungseintritt ist in etwa zwei Monaten zu erwarten. Die wichtigsten – meist transienten – Nebenwirkungen sind Parästhesien, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, Müdigkeit und Stimmungsschwankungen. Dabei nimmt deren Wahrscheinlichkeit mit steigender Dosierung zu. Eine wichtige Kontraindikation ist eine aktuelle oder eine in der Vergangenheit erlittene Nephrolithiasis. Wirksamkeit, Sicherheit und gute Verträglichkeit des Präparates sind durch eine Vielzahl an Studien belegt worden. Die klinische Erfahrung zeigt, dass bei einem Teil der Patienten mit chronischer Migräne, einem Medikamenten-induzierten Dauerkopfschmerz sowie Cluster- und Spannungskopfschmerz Topiramat ebenfalls wirksam ist und somit zu einer mindestens 50%igen Reduktion der Attacken und Kopfschmerztage führt.


Pharmakovigilanz
Silke Reddersen, Patty Hirsch, Eric Stricker, Jörg Zieger und Marcus Rall, Tübingen


Fragen aus der Praxis
Gerd Luippold, Tübingen
Eine 69-jährige Patientin mit arterieller Hypertonie erhält einen Calciumkanalblocker vom Dihydropyridin-Typ. Nach einer Woche klagt die Patientin über zunehmende, beidseitige Knöchelödeme. Eine chronisch-venöse Insuffizienz oder eine pulmonale Hypertonie als Ursache der Ödeme kann ausgeschlossen werden.


Klinische Studie
Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen
Niedermolekulares Heparin versus Acetylsalicylsäure

Eine Behandlung von Patienten mit Makroangiopathie und ischämischem Insult mit niedermolekularem Heparin war der Gabe von Acetylsalicylsäure nicht überlegen, so das Ergebnis einer randomisierten Studie aus China.



Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen
Aggressive Therapie der Hyperglykämie beim akuten Schlaganfall nicht wirksam


Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen
Enoxaparin-Natrium zur Prophylaxe wirksamer als unfraktioniertes Heparin

Bei Patienten mit akutem ischämischem Insult und Parese im Bein bzw. Immobilität ist Enoxaparin-Natrium besser wirksam als unfraktioniertes Heparin, um venöse Thromboembolien zu verhindern.



Referiert & kommentiert
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Neue Therapiemöglichkeiten mit HDL?

Bei Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom ließen sich mit Kurzzeitinfusionen aus rekonstituiertem High-Density-Lipoprotein(HDL)-Cholesterol im Vergleich zu Plazebo zwar günstige vaskuläre Effekte, aber noch keine signifikante Wirkung auf das Atherom- und Plaquevolumen nachweisen.



Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen
Behandlung der schmerzhaften diabetischen Polyneuropathie: Systematische Übersicht

Die Behandlung der schmerzhaften diabetischen Polyneuropathien sollte mit trizyklischen Antidepressiva gefolgt von traditionellen Antikonvulsiva wie Carbamazepin, dann neuen Antikonvulsiva wie Pregabalin oder Gabapentin erfolgen, wie in einem systematischen Review gezeigt wurde. Wenn diese Arzneistoffgruppen nicht wirksam sind, kommen selektive Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wie Duloxetin zum Einsatz.



Dr. Susanne Heinzl, Stuttgart
Verhindert Flush bei Niacin-Therapie

Die Erhöhung einer zu niedrigen HDL-Cholesterol-Konzentration im Serum verlangsamt das Fortschreiten einer koronaren Herzkrankheit und vermindert kardiovaskuläre Ereignisse. Am häufigsten verwendet werden zur HDL-Cholesterol-Erhöhung Nicotinsäure-Derivate wie Niacin, die als Nebenwirkung jedoch zu Flush und Hitzegefühl führen. Diese Nebenwirkung soll mit dem neuen Prostaglandin-Rezeptorantagonisten Laropiprant verhindert werden. Aktuelle Daten wurden im Rahmen eines von der Firma MSD veranstalteten Satellitensymposiums beim Europäischen Kardiologen-Kongress in Wien im September 2007 präsentiert.



Dr. Susanne Heinzl, Stuttgart
Losartan verringert linksventrikuläre Hypertrophie

Eine weitere Auswertung der LIFE-Studie (Losartan intervention for endpoint reduction in hypertension trial) zeigte, dass eine linksventrikuläre Hypertrophie und ein vergrößerter linker Vorhof auf ein hohes kardiovaskuläres Risiko hinweisen. Die Behandlung mit Losartan verringerte die Hypertrophie und das Volumen des linken Vorhofs stärker als die Behandlung mit Atenolol. Diese Daten wurden auf einem von der Firma MSD veranstalteten Satellitensymposium im Rahmen des Europäischen Kardiologen-Kongresses in Wien im September 2007 vorgestellt.



Dr. Susanne Heinzl
Neues Echinocandin zur Behandlung systemischer Kandidosen

Mit Anidulafungin (Ecalta®) steht nun nach Caspofungin (Cancidas®) ein weiteres Echinocandin zur Behandlung systemischer Kandidämien zur Verfügung. Anidulafungin ist für erwachsene Patienten ohne Neutropenie zugelassen.



Dr. Annemarie Musch, Stuttgart
Immunmodulatorische Therapie mit Lenalidomid

Patienten mit myelodysplastischem Syndrom, die einer Niedrigrisiko-Gruppe zugeordnet werden (Patienten mit del5q-Anomalie), sprechen auf die Therapie mit Lenalidomid an: Ein Großteil der behandelten Patienten erreichte mit der täglichen Einnahme von 10 mg Lenalidomid das angestrebte Therapieziel für diese Risikogruppe, die Transfusionsfreiheit, so das Ergebnis einer Phase-II-Studie. Eine Zusammenfassung der aktuellen Datenlage zur Therapie mit Lenalidomid wurde auf einem von Celgene veranstalteten Satellitensymposium im Rahmen der Gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Fachgesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Basel im Oktober 2007 gegeben.



Dr. Susanne Heinzl, Stuttgart
Primärer Einsatz verringert febrile Neutropenie

Die primäre Prophylaxe mit dem Wachstumsfaktor Pegfilgrastim (Neulasta®) verringert Krankenhausaufnahmen wegen febriler Neutropenie und bedingt, dass die Chemotherapie-Dosierung seltener reduziert werden muss. Dies ergab eine integrierte Analyse (NeuCuP) mit den Daten von 2 282 Patientinnen mit Brustkrebs. Die Ergebnisse der NeuCuP-Analyse wurden auf einer von der Firma Amgen veranstalteten Pressekonferenz im Rahmen der European Cancer Conference in Barcelona im September 2007 vorgestellt.