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27. Jahrgang Heft 9 September 2009

Editorial
Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen
Auf die Blutdrucksenkung selbst kommt es an


Neue Arzneimittel in der Diskussion
Carsten Bokemeyer und Gunter Schuch, Hamburg
Antikörper-basierte intraperitoneale Therapie bei malignem Aszites
Der bispezifische trifunktionale Antikörper Catumaxomab (Removab®) ist das erste von der EMEA zugelassene Arzneimittel zur Behandlung von malignem Aszites infolge epithelialer Tumorerkrankungen. Catumaxomab bindet mit seinen Antigen-Bindungsstellen einerseits an T-Zellen, die wichtigsten Antitumor-Effektorzellen, und andererseits an EpCAM-positive Tumorzellen; zusätzlich können über die intakte Fc-Region akzessorische Zellen gebunden werden. Durch die Rekrutierung von Immunzellen zum Tumorherd wird eine komplexe und zielgerichtete Immunreaktion induziert, die wiederum eine Reduktion EpCAM-positiver Tumorzellen bewirkt. In der Zulassungsstudie wurde der klinische Vorteil der intraperitonealen Catumaxomab-Therapie gegenüber der Standardbehandlung Parazentese bei Patienten mit malignem Aszites infolge verschiedener Primärkarzinome untersucht. Die Zeit bis zur nächsten therapeutisch notwendigen Parazentese beziehungsweise bis zum Eintreten des Todes konnte durch die Catumaxomab-Therapie unabhängig von der zugrunde liegenden Krebserkrankung signifikant verlängert werden, was für die Patienten einen deutlichen klinischen Vorteil gegenüber der alleinigen Parazentesebehandlung darstellte.


Übersichten
Hans-Peter Volz, Werneck
Datenlage und Einsatz in der Praxis
Vor bald fünf Jahren wurde Duloxetin zur Behandlung von depressiven Erkrankungen (Episoden einer Major Depression) in Deutschland eingeführt. Inzwischen besitzt die Substanz aber eine Reihe weiterer Indikationen, so im Bereich der Psychiatrie die Pharmakotherapie der generalisierten Angststörung (GAS) und im Bereich der Neurologie die Behandlung von Schmerzen bei diabetischer Polyneuropathie bei Erwachsenen. In dieser Arbeit soll es um die klinische Bewertung dieses Medikaments ausschließlich im Rahmen der Depressionstherapie einige Jahre nach der Zulassung gehen. Hierbei werden zunächst die Daten im Überblick dargestellt, wobei die Einzelstudien nur als Tabelle aufgenommen, die mittlerweile vorliegenden Metaanalysen etwas detaillierter dargestellt werden. Sodann wird auf die Evidenz zur Verträglichkeit eingegangen. Daten zur Pharmakologie werden nur sehr kurz am Anfang erwähnt.


Doris Hillemann, Sabine Rüsch-Gerdes und Ulf Greinert, Borstel
MDR- und XDR-Tuberkulose
Mycobacterium-tuberculosis-Stämme, die gegenüber einer zunehmenden Zahl von Antibiotika Resistenzen aufweisen, sind weltweit ein wachsendes Problem in der Bekämpfung der Tuberkulose (TB). In den letzten zwei Jahrzehnten war es vor allem die multiresistente (MDR) Tuberkulose, definiert als Resistenz gegenüber mindestens Isoniazid (INH) und Rifampicin (RMP). Die Behandlung von MDR-TB erfordert den Einsatz von sogenannten Zweitrang- (oder auch „Second-Line“-) Medikamenten (SLDs), die weniger effektiv, mit mehr Nebenwirkungen behaftet und auch teurer sind als Erstrang- („First-Line“-) Medikamente. Die neueste Entwicklung ist das Auftreten von extensiv-resistenter TB (XDR-TB), die als spezielle Form der MDR-TB definiert ist, mit zusätzlichen Resistenzen gegenüber den Fluorchinolonen und mindestens einem der injizierbaren Medikamente, die in der TB-Therapie verwendet werden: Amikacin, Kanamycin oder Capreomycin. Patienten mit XDR-TB haben weniger Heilungschancen aufgrund begrenzter Therapieoptionen und sind über längere Zeiten infektiös. Hohe HIV-Koinfektionsraten und überforderte Gesundheitssysteme haben zur Entstehung von XDR-TB beigetragen. Um ein weiteres Fortschreiten der MDR- und der nahezu unbehandelbaren XDR-TB zu verhindern, sind Verbesserungen in der Überwachung der TB, Ausweitung der Laborkapazitäten zur schnelleren Detektion der resistenten Stämme und bessere Infektions- und Therapiekontrollen notwendig.


Referiert & kommentiert
Prof. Dr. Hans Christoph Diener,
Alemtuzumab versus Interferon beta-1a in frühen Stadien der multiplen Sklerose
In einer randomisierten, doppelblinden Phase-II-Studie verhinderte Alemtuzumab, ein monoklonaler Antikörper, der an CD52 auf Lymphozyten und Monozyten bindet, bei schubförmig remittierender multipler Sklerose neue Schübe besser als Interferon beta-1a. Eine schwerwiegende Nebenwirkung war das Auftreten einer immunthrombozytopenischen Purpura.


Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen
Intravenöse Desmoteplase innerhalb 3 bis 9 Stunden nicht besser als Plazebo
In einer großen prospektiven Plazebo-kontrollierten Dosisfindungsstudie [1] waren zwei Dosierungen von Desmoteplase gegeben in einem Zeitfenster von 3 bis 9 Stunden bei Patienten mit ischämischem Insult und Mismatch nicht wirksam.


Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
CYP2C19*2-Genvariante als häufige Ursache für Therapieversagen
Etwa 30 % der europäischen Bevölkerung haben Polymorphismen des Cytochrom-P450-Enzyms CYP2C19. Dieses Enzym ist an der Metabolisierung von Medikamenten beteiligt. Unter anderem wird es benötigt, um den Plättchenhemmer Clopidogrel in seine aktive Form zu überführen. Bei Personen mit einem CYP2C19-Polymorphismus erfolgt dies nur unzureichend. Die Folge ist eine Verminderung der Wirksamkeit von Clopidogrel. Entsprechend haben Patienten mit akutem Koronarsyndrom bei Vorliegen dieses Polymorphismus trotz ausreichend hoch dosierter Clopidogrel-Therapie ein deutlich erhöhtes Risiko für erneute ischämische Ereignisse.


Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Indikation für Protonenpumpenhemmer streng stellen
Patienten mit akutem Koronarsyndrom erhalten bei ihrer Krankenhausentlassung zusätzlich zur thrombozytenfunktionshemmenden Therapie häufig auch einen Protonenpumpenhemmer (PPI) zur Prophylaxe von gastrointestinalen Blutungen. Die Wirksamkeit von Clopidogrel scheint aber durch PPI beeinträchtigt zu werden, so das Ergebnis einer großen Kohortenstudie. Bei Patienten mit Clopidogrel-Medikation sollte daher die Indikation für einen zusätzlichen PPI streng gestellt werden.


Prof. Dr. Wolfgang Kämmerer, Wiesbaden
Arzneimittelinteraktionen aktuell
An dieser Stelle informieren wir Sie kurz über aktuelle Veröffentlichungen zu therapierelevanten Arzneimittelwechselwirkungen.


Rosemarie Ziegler, Albershausen
Verbesserungen durch Angiotensin-II-Rezeptor-Blockade
Die Behandlung mit dem Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten Candesartan kann bei Diabetes mellitus Typ 1 die Inzidenz der diabetischen Retinopathie reduzieren und in Frühstadien einer diabetischen Retinopathie bei Typ-2-Diabetes eine Rückbildung der Retinaveränderungen fördern. Das zeigen die Ergebnisse der drei randomisierten, Plazebo-kontrollierten, doppelblinden DIRECT-Studien.


Gabriele Blaeser-Kiel, Hamburg
Patienten profitieren von frühzeitigem Wechsel auf eine Sirolimus-basierte Immunsuppression
Der mTor-Inhibitor Sirolimus steht zwar schon seit acht Jahren als Basisimmunsuppressivum nach Nierentransplantation zur Verfügung, doch noch immer besteht Unsicherheit über den optimalen Zeitpunkt des Therapiebeginns. Hilfestellung bieten die Ergebnisse der SMART-Studie, die bei einer Pressekonferenz der Firma Wyeth Pharma im November 2008 in Bochum anlässlich der 17. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesell-schaft (DTG) vorgestellt wurden.


Gabriele Blaeser-Kiel, Hamburg
Selektiver Adenosin-A1-Rezeptorantagonist mit Angriffspunkt an der Niere
Mit Rolofyllin, einem selektiven Adenosin-A1-Rezeptorantagonisten, befindet sich eine Substanz in der klinischen Entwicklung, die geeignet erscheint, die Situation von Patienten mit akuter Herzinsuffizienz in der kritischen Phase der Volumenüberlastung unter einer Diuretika-Therapie nachhaltig zu verbessern. Erste Daten wurden bei der 37. MSD-Diskussion im Rahmen der 115. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin am 19. April 2009 in Wiesbaden vorgestellt.


Dr. med. Peter Stiefelhagen,
Differenzialtherapie bei nicht vorbehandelten Patienten
Die Einführung von Nucleos(t)idanaloga hat die Therapiemöglichkeiten bei der chronischen Hepatitis B wesentlich bereichert. In mehreren klinischen Studien konnte Tenofovir (Viread®) seine sehr hohe antivirale Potenz und seine gute Verträglichkeit belegen, so das Fazit eines im Oktober 2008 von der Firma Gilead im Rahmen der 63. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) in Berlin veranstalteten Satellitensymposiums.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Bevacizumab in der adjuvanten Therapie des Kolonkarzinoms
Bei fortgeschrittenem Dickdarmkrebs ist die Behandlung mit Bevacizumab (Avastin®) etabliert. Erste Ergebnisse zum Einsatz von Bevacizumab in der Adjuvanz lieferte die amerikanischen Phase-III-Studie C-08, in der aber das krankheitsfreie Überleben nach drei Jahren nicht signifikant verbessert wurde. Möglicherweise muss Bevacizumab über einen längeren Zeitraum als in dieser Studie gegeben werden. Die Ergebnisse dieser Studie wurden bei der 45. Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Bevacizumab verlängert PFS bei Frauen mit HER2-negativem Mammakarzinom
Der Angiogenesehemmer Bevacizumab (Avastin®) verlängerte, zusätzlich zur Standardchemotherapie als Erstlinienbehandlung bei Frauen mit HER2-negativem metastasiertem Mammakarzinom gegeben, das progressionsfreie Überleben (PFS). Die Wirkung war unabhängig von der jeweiligen Chemotherapie. Dies zeigte die RIBBON-1-Studie, die bei der 45. Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt wurde.