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27. Jahrgang Heft 11 November 2009

Editorial
Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg


Übersichten
David Pfister, David Thüer und Axel Heidenreich, Aachen
Die medikamentöse oder chirurgische Androgendeprivation stellt die Standardtherapie des systemischen Prostatakarzinomrezidivs nach lokaler Primärtherapie oder des metastasierten Prostatakarzinoms dar. Die therapeutischen Ansprechraten liegen bei > 90 %, das mittlere Überleben bei 3 bis 4 Jahren, in Abhängigkeit vom Abfall des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) innerhalb der ersten 6 Monate nach Therapie kann das mittlere Überleben bei 8 bis 10 Jahren liegen. Gonadoliberin-(GnRH-)Analoga in Form der intermittierenden Androgendeprivation haben sich als Therapie der Wahl durchgesetzt. Die Erstgabe der GnRH-Analoga ist mit einem Testosteron-Flare-up-Phänomen vergesellschaftet, so dass in aller Regel eine vorübergehende Testosteron-Rezeptorblockade durch Antiandrogene notwendig ist, um Komplikationen zu vermeiden. Jede 3- bis 6-monatige Neuapplikation eines GnRH-Analogons ist mit einem Testosteron-Minisurge vergesellschaftet, dessen onkologische Bedeutung derzeit noch unklar ist. Die vermeintlichen Nachteile der GnRH-Analoga (langsamer Testosteronabfall, Testosteron-Flare-up, Minisurges) haben zur Entwicklung von GnRH-Antagonisten (Abarelix, Degarelix) geführt, die eine der Orchiektomie ähnliche Testosteronkinetik induzieren. Degarelix weist anders als Abarelix keine anaphylaktoiden Reaktionen auf und ist deshalb zu bevorzugen. Die Ergebnisse aktueller klinischer Phase-II- und Phase-III-Studien zeigen eine gegenüber der Orchiektomie identische onkologische Effektivität. Erste Daten vergleichender klinischer Studien weisen darauf hin, dass das progressionsfreie Überleben unter den GnRH-Antagonisten verbessert ist. Langzeitstudien müssen zeigen, ob dies einen Einfluss auf das Gesamtüberleben nimmt. Die systemischen Nebenwirkungen unterscheiden sich weder in Bezug auf Häufigkeit noch Art von den GnRH-Analoga; es werden jedoch signifikant häufiger lokale Beschwerden an der Einstichstelle unter den GnRH-Antagonisten beschrieben.


Elisabeth Lippert und Esther Endlicher, Regensburg
Die gastroösophageale Refluxerkrankung (gastrooesophageal reflux disease, GERD) ist eine häufige und weltweit verbreitete Erkrankung mit einer Prävalenz von 10 bis 20 % in den westlichen Ländern. Bei etwa 20 bis 40 % der Erwachsenen treten wiederkehrende Refluxsymptome auf, wobei die Definition der Refluxerkrankung das Vorliegen einer signifikanten Störung des gesundheitsbezogenen Wohlbefindens infolge von Refluxbeschwerden und/oder eines Risikos für organische Komplikationen durch einen gesteigerten gastroösophagealen Reflux beinhaltet. Unter dem Begriff GERD werden verschiedene Manifestationen zusammengefasst: nichterosive Refluxkrankheit, bei endoskopisch fehlendem Nachweis von entzündlichen Schleimhautveränderungen (NERD), erosive Ösophagitis mit Nachweis entzündlicher Schleimhautläsionen verschiedener Schweregrade (ERD), Barrett-Ösophagus und extraösophageale Manifestationen. Um eine einheitliche Terminologie und Klassifikation mit Verbesserung des therapeutischen Managements zu erreichen, wurde von einer internationalen Konsensusgruppe 2006 die Montreal-Definition und -Klassifikation entwickelt. Nach Ausschluss von Komplikationen einer GERD (Ösophagusstriktur, Ulzerationen, Barrett-Ösophagus, Adenokarzinom) besteht die langfristige Therapie in einer Kontrolle des Reflux. Dies ist in einem sehr hohen Prozentsatz entweder medikamentös mit Protonenpumpeninhibitoren (PPI) oder chirurgisch (laparoskopische Fundoplicatio) möglich. Beide Therapieverfahren sind im Langzeitverlauf als nahezu gleich effektiv anzusehen und müssen hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile individuell mit dem Patienten diskutiert werden. Endoskopische Therapieverfahren haben sich nicht bewährt.


Sylvia Meske und Hans-Jürgen Hesselschwerdt, Bad Krozingen
Seit 1948 ist die Gabe von Glucocorticoiden Standardtherapie zur Beherrschung der rheumatoiden Arthritis im Schub, der komplizierten rheumatoiden Arthritis und der milde verlaufenden Form im Senium. Die aktuellen Leitlinien empfehlen zur Minimierung von Krankheitsschüben, zum Erhalt der biosozialen Fähigkeiten der Betroffenen und zur sicheren Vermeidung von organischen Spätschäden die Kombination einer DMARD-Therapie mit einer Low-Dose-Glucocorticoid-Therapie. Ein rationaler Glucocorticoid-Einsatz ist nur möglich, wenn die Entwicklung unerwünschter Arzneimittelwirkungen gegen mögliche gravierende Gesundheitsschäden durch den Spontanverlauf der rheumatoiden Arthritis individuell und krankheitsadaptiert abgewogen wird. Die Dosierung sollte nach dem Grundsatz „so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich“ gewählt werden.


Referiert & kommentiert
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Wie hoch ist das teratogene Risiko?
Kinder, deren Mütter in der frühen Schwangerschaft mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt worden waren, zeigten in einer großen dänischen Kohortenstudie ein leicht erhöhtes Risiko für Septumdefekte im Herzen. Dies galt insbesondere für die Einnahme von Sertralin und Citalopram. Das höchste Risiko wurde bei Verschreibungen von mehr als einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer beobachtet.


Prof. Dr. Wolfgang Kämmerer,
Arzneimittelinteraktionen aktuell
An dieser Stelle informieren wir Sie kurz über aktuelle Veröffentlichungen zu therapierelevanten Arzneimittelwechselwirkungen


Prof. Dr. Hans Christoph Diener,
Clopidogrel und Protonenpumpenhemmer vertragen sich doch
Die Ergebnisse einer großen prospektiven Studie bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom zeigen, dass die Interaktion zwischen Protonenpumpenhemmer und Clopidogrel oder Prasugrel die Wirksamkeit der beiden Thrombozytenfunktionshemmer nicht beeinflusst.


Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Dabigatran ist effektiver und sicherer als Warfarin
Patienten mit Vorhofflimmern und einem zusätzlichen Risikofaktor für eine Hirnembolie benötigen eine orale Antikoagulation. Bisher stehen dafür nur Vitamin-K-Antagonisten zur Verfügung. Nach den Ergebnissen der RE-LY®-Studie, die im August 2009 auf einer Pressekonferenz der Firma Boehringer Ingelheim im Rahmen des Europäischen Kardiologen-Kongresses in Barcelona vorgestellt wurden, können mit dem oralen direkten Thrombin-Inhibitor Dabigatranetexilat im Vergleich zu Warfarin mehr embolische Ereignisse verhindert und Blutungskomplikationen reduziert werden.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Rituximab verlangsamt Progression bei Patienten mit früher rheumatoider Arthritis
Bei Patienten mit früher, nicht mit Methotrexat behandelter rheumatoider Arthritis (RA) kann ein Behandlungszyklus aus zwei Rituximab-Infusionen (MabThera®) zu 1 000 mg im Abstand von 24 Wochen die Gelenkdestruktion nach einem Jahr signifikant verlangsamen. Dies ergab die von Professor Peter Paul Tak, Amsterdam, beim EULAR 2009 vorgestellte IMAGE-Studie.


Dr. Tanja Liebing, Stuttgart
Zulassung des neuen TNF-a-Inhibitors Golimumab
Am 6. Oktober 2009 erhielt der neue rekombinante humane TNF-α-Inhibitor Golimumab (Simponi®) von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) die Zulassung zur Behandlung von Patienten mit rheumatoider Arthritis, Psoriasis-Arthritis und ankylosierender Spondylitis. Auf der Launch-Pressekonferenz, veranstaltet von Essex Pharma, München, wurden die Ergebnisse des Phase-III-Studienprogramms vorgestellt.


Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Eculizumab reduziert Hämolyse und Thromboembolien
Die paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH) ist eine sehr seltene erworbene, genetisch determinierte Erkrankung. Klinisch wird das Krankheitsbild charakterisiert durch die Trias hämolytische Anämie, Thrombophilie und Zytopenie. Mit dem monoklonalen Antikörper Eculizumab (Soliris®) steht jetzt eine spezifische Therapie zur Verfügung, so das Fazit eines am 19. Juni 2009 von der Firma Alexion in Duisburg veranstalteten Symposiums.


Dagmar Jäger-Becker, Rodgau
Morbus Niemann-Pick Typ C: selten, aber behandelbar
Morbus Niemann-Pick Typ C (NPC) wird durch den gestörten intrazellulären Transport von Lipiden mit nachfolgender Akkumulation von Cholesterol und Sphingolipiden in den Lysosomen verursacht. Mit Miglustat (Zavesca®) steht seit Januar 2009 das einzige Arzneimittel zur Therapie progressiver neurologischer Manifestationen bei erwachsenen und pädiatrischen NPC-Patienten zur Verfügung. Daten zur Therapie des Morbus Niemann-Pick Typ C wurden auf einem von der Firma Actelion Pharmaceuticals anlässlich des 115. DGIM(Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin)-Kongresses im April 2009 veranstalteten Satelliten-Symposium in Wiesbaden vorgestellt.


Dr. Tanja Liebing, Stuttgart
Zulassung von Fentanyl-Nasenspray
Am 20. Juli erteilte die Europäische Arzneimittelagentur (EMEA) die Zulassung für Instanyl®, ein Fentanyl-Nasenspray zur Behandlung von Durchbruchschmerzen bei Krebspatienten. Zulassungsrelevante Daten wurden bei der Einführungspressekonferenz am 9. September 2009 in Frankfurt vorgestellt.


Christine Vetter, Köln
CD20-Antikörper verlängert signifikant das progressionsfreie Überleben
Dem Ergebnis einer großen internationalen Studie zufolge bewirkt der CD20-Antikörper Rituximab (MabThera®) in Kombination mit dem herkömmlichen Zytostatika-Regime eine Steigerung der Rate kompletter Remissionen und eine Verlängerung des progressionsfreien Überlebens gegenüber der Chemotherapie mit Fludarabin und Cyclophosphamid. Diese Daten wurden auf einer von der Roche Pharma AG veranstalteten Post-ASH-Pressekonferenz im Januar 2009 in Köln vorgestellt und waren Grundlage der Zulassung von Rituximab in Kombination mit einer Chemotherapie zur Anwendung bei Patienten mit nicht vorbehandelter CLL im Februar 2009.