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28. Jahrgang Heft 10 Oktober 2010

Editorial
Prof. Dr. med. Clemens Unger, Freiburg
Vision oder bereits Realität?


Übersichten
Florian Custodis, Jan-C. Reil, Ulrich Laufs und Michael Böhm, Homburg/Saar
Die Herzfrequenz basiert auf der spontanen Aktivität des Sinusknotens und wird entscheidend durch den Schrittmacherstrom I(f) bestimmt. Durch den I(f)-Kanal-Inhibitor Ivabradin (Procoralan®) kann die Herzfrequenz ohne Einfluss auf die kardiale Kontraktionskraft und ohne Blutdrucksenkung reduziert werden. Die Herzfrequenz stellt einen unabhängigen kardiovaskulären Risikofaktor und – vor allem bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) – ein potenzielles therapeutisches Ziel dar. Klinische und experimentelle Arbeiten weisen darauf hin, dass die Herzfrequenz selbst, ohne andere Effekte autonomer Regulationsvorgänge, direkte Wirkungen auf strukturelle und funktionelle Eigenschaften des Herz-Kreislauf-Systems, vor allem auf das Gefäßsystem, ausübt. Tierexperimentelle Untersuchungen zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen der Herzfrequenz und dem Ausmaß atherosklerotischer Gefäßläsionen. In verschiedenen klinischen Studien konnten eine antiischämische und antianginöse Wirkung von Ivabradin sowie eine Gleichwertigkeit von Ivabradin bei der symptomatischen Behandlung der stabilen KHK im Vergleich zu Betablockern und Calciumantagonisten gezeigt werden. Eine Kombinationsbehandlung mit Ivabradin und Betablockern ist sicher und bietet gegenüber einer reinen Beta-Rezeptorenblockade einen additiven symptomatischen Vorteil. Die Ergebnisse der BEAUTIFUL-Studie zeigen, dass eine Herzfrequenz von ≥ 70 Schlägen pro Minute bei Patienten mit einer ischämischen Kardiomyopathie das Risiko für koronare Ereignisse erhöht. In der Gesamtstudienpopulation hatte Ivabradin keinen Effekt auf den primären klinischen Endpunkt. In der Subgruppe der KHK-Patienten mit einer Ruheherzfrequenz von ≥ 70 Schlägen pro Minute verbesserte Ivabradin jedoch die Prognose durch Reduktion der Klinikaufnahmen aufgrund eines Myokardinfarkts sowie der erforderlichen Revaskularisierungsmaßnahmen. Die Daten der SHIFT-Studie belegen den Stellenwert der Herzfrequenz als Risikofaktor und Therapieziel für Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Zusätzlich zu einer leitliniengerechten medikamentösen Therapie reduzierte Ivabradin bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz die Häufigkeit von Klinikeinweisungen aufgrund einer klinischen Verschlechterung und durch Herzinsuffizienz bedingter Todesfälle.


Marc-Steffen Raab und Hartmut Goldschmidt, Heidelberg
Die Wechselwirkungen zwischen den malignen Plasmazellen (Myelomzellen) und der Knochenmarkumgebung spielen eine wesentliche Rolle bei der Pathogenese des multiplen Myeloms. Diese Erkenntnis hat zur Entwicklung neuer Behandlungsoptionen beigetragen. Die für die Therapie des multiplen Myeloms in den letzten Jahren zugelassenen Substanzen Thalidomid, Bortezomib und Lenalidomid beeinflussen sowohl die Myelomzellen als auch die Knochenmarkumgebung. In ersten Studien konnte die Wirksamkeit der drei Substanzen beim rezidivierten/refraktären multiplen Myelom belegt werden. Inzwischen zeigte sich, dass sich durch die drei Wirkstoffe auch in der Primärtherapie eine verbesserte Ansprechrate und ein längeres progressionsfreies sowie Gesamtüberleben erreichen lassen. Die vielversprechenden neuen Therapieoptionen, sowohl die Tumorzellen als auch ihre Mikroumgebung anzugreifen, lassen zukünftig noch bessere Behandlungsergebnisse erwarten – nicht nur beim multiplen Myelom, sondern möglicherweise auch bei anderen hämatologischen Neoplasien und soliden Tumoren.


Klinische Studie
Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Dasatinib in der Erstlinientherapie wirksamer als Imatinib
Beim direkten Vergleich von Dasatinib und Imatinib in der Erstlinientherapie von Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML) in der chronischen Phase führte Dasatinib schneller und häufiger zum kompletten zytogenetischen sowie zum guten molekularen Ansprechen. Bei weniger Patienten der Dasatinib-Gruppe kam es zur Progression der Erkrankung.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Rituximab als Erhaltungstherapie bei Patienten mit follikulärem Lymphom
Bei Patienten mit follikulärem Lymphom wird durch die kontinuierliche Gabe von Rituximab (MabThera®) die Wahrscheinlichkeit für ein Rezidiv um die Hälfte verringert. Dies ergab die Phase-III-Studie PRIMA (Primary rituximab and maintenance), in die 1 217 Patienten mit follikulärem Lymphom aufgenommen worden waren.


Referiert & kommentiert
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Keine Besserung durch Lithium-Zusatztherapie
In einer doppelblinden Plazebo-kontrollierten Studie ergab sich keine Wirksamkeit von Lithium in Kombination mit Riluzol bei Patienten mit amyotropher Lateralsklerose.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Fortschritt für Patienten mit malignem Melanom?
Vorbehandelte Patienten mit fortgeschrittenem malignem Melanom, die mit dem monoklonalen Antikörper Ipilimumab ohne oder mit gp100-Vakzine behandelt wurden, lebten signifikant länger als nur mit der Vakzine behandelte Patienten. Dies ergab eine multizentrische, internationale Phase-III-Studie mit 676 Patienten.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Ermutigende Ergebnisse mit irreversiblem Tyrosinkinasehemmer BIBW 2992
Erstmals konnten mit einem Tyrosinkinasehemmer, nämlich BIBW 2992, bei Patienten mit metastasierten Kopf-Hals-Tumoren im Trend bessere Wirkungen als mit Cetuximab gesehen werden. Dies belegen die vorläufigen Ergebnisse einer noch laufenden Phase-II-Studie.


Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Behandlungserfolge mit Alglucosidase alfa bei der späten Krankheitsform
Bei Patienten mit einer späten Form der Pompe-Krankheit konnte in einer randomisierten Doppelblindstudie eine Behandlung mit Alglucosidase alfa über einen Zeitraum von 18 Monaten die Gehfähigkeit verbessern und die Lungenfunktion stabilisieren.


Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Adjuvante Chemotherapie verbessert 5-Jahres-Überleben
Patienten mit operablem nichtkleinzelligem Lungenkarzinom profitieren von einer adjuvanten Chemotherapie beziehungsweise von einer adjuvanten Chemo- plus Strahlentherapie. Dies ergaben zwei Metaanalysen mit Patientendaten aus Studien seit 1965.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
FOLFIRINOX verlängert Überleben auf über elf Monate
Mit Fluorouracil/Leucovorin, Irinotecan und Oxaliplatin (FOLFIRINOX) in der Erstlinientherapie konnte in einer französischen Phase-III-Studie eine unerwartet gute Verlängerung des Gesamtüberlebens von Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom erreicht werden. Die hohe Toxizität der Kombination erfordert allerdings eine sehr sorgfältige Auswahl und eine intensive Betreuung der Patienten.


Bettina Christine Martini, Legau
Pazopanib – neuer Tyrosinkinasehemmer bei Nierenzellkarzinom
Der Multi-Tyrosinkinasehemmer Pazopanib (Votrient®) erweitert das Spektrum therapeutischer Optionen bei lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Nierenzellkrebs. Im Vergleich zu Plazebo konnte das progressionsfreie Überleben signifikant verlängert werden. Potenzielle Unterschiede im Verträglichkeitsprofil zu bisher bekannten Substanzen erweitern die Möglichkeiten bei der individuellen Therapieentscheidung. Die Studiendaten wurden bei einem von der Firma GlaxoSmithKline veranstalteten Satellitensymposium im Rahmen der Gemeinsamen Tagung der Bayerischen Urologenvereinigung und der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie im Juni 2010 in München vorgestellt. Am 15. Juni 2010 wurde Votrient® in Europa zugelassen.


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Besseres Ansprechen bei immunologischer Reaktion
Patienten, die gegen den trifunktionalen murinen Antikörper Catumaxomab (Removab®) Anti-Maus-Antikörper bilden, zeigen ein signifikant verlängertes Überleben, wie eine Post-hoc-Analyse der für die Zulassung relevanten Phase-II/III-Studie zeigte, die beim ASCO 2010 als Poster präsentiert wurde.


Dr. med. Claudia Borchard-Tuch,
Roflumilast: PDE-4-Inhibition als neues therapeutisches Prinzip
Mit Roflumilast (Daxas®) wurde im Juli 2010 ein neuer oraler Entzündungshemmer zur Therapie der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) zugelassen. Roflumilast ist zur Dauertherapie bei Erwachsenen mit schwerer COPD und chronischer Bronchitis sowie häufigen Exazerbationen in der Vorgeschichte zusätzlich zu einer bronchodilatatorischen Therapie indiziert. Bei diesen Patienten erreicht der Wirkstoff eine Reduktion der Exazerbationsrate sowie eine zusätzliche Verbesserung der Lungenfunktion. Zu beachten ist, dass Roflumilast kein direkter Bronchodilatator und daher nicht als Notfallmedikament geeignet ist. Im Rahmen eines von der Firma Nycomed veranstalteten Symposiums im Juli 2010 in Baden-Baden wurden die Daten der zulassungsrelevanten Studien vorgestellt.