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29. Jahrgang Heft 11 November 2011

Editorial
Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg


Übersichten
Wolfgang Schütte, Halle/Saale

Der niedermolekulare EGFR-Tyrosinkinaseinhibitor Gefitinib war auf der Basis von Phase-II-Studiendaten zunächst in mehreren asiatischen Ländern und in den USA für die Therapie des fortgeschrittenen nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC) zugelassen worden. In weiteren Studien an unselektionierten Patienten zeigte sich eine Wirksamkeit von Gefitinib, allerdings waren die Ergebnisse uneinheitlich. In daraufhin durchgeführten Biomarkeranalysen konnte der EGFR-Mutationsstatus als molekularer Prädiktor für den Nutzen der Gefitinib-Therapie identifiziert werden: Patienten mit aktivierender EGFR-Mutation profitierten von Gefitinib in Bezug auf das Therapieansprechen und das progressionsfreie Überleben. Daraufhin wurde Gefitinib im Jahr 2009 in Deutschland zur Behandlung erwachsener Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem nichtkleinzelligem Lungenkarzinom mit aktivierender EGFR-Mutation zugelassen. Durch die EGFR-Mutationsanalyse ist beim NSCLC erstmals ein personalisiertes Vorgehen aufgrund von molekularen Markern möglich. Die EGFR-Mutationsanalyse ist daher vor der Entscheidung zur Erstlinientherapie des fortgeschrittenen NSCLC durchzuführen.

Treatment of advanced non-small cell lung cancer with gefitinib

The low molecular weight EGFR-tyrosine kinase inhibitor gefitinib was approved in a number of Asian countries and in the United States to treat non-small cell lung cancer (NSCLC) based on phase II trial results. In additional studies of unselected patients efficacy was shown but the results were inconsistent. At subsequently performed biomarker analyses the EGFR mutation status could be identified as a molecular predictor for the benefit of gefitinib therapy. Patients with certain EGFR mutations have benefit from gefitinib related to response and progression free survival. Thereupon gefitinib was approved 2009 in Germany for treatment of adult patients with locally advanced or metastatic non-small cell lung cancer with active EGFR mutation. Because of EGFR mutation analyses, a personalised approach is possible initially in treatment for NSCLC based on molecular markers.Therefore the EGFR mutation status has to be tested before taking a decision of first-line treatment of advanced NSCLC.

Key words: Gefitinib, tyrosine kinase inhibitor, non-small cell lung cancer, EGFR mutation

Arzneimitteltherapie 2011;29:331–5.



Henrike Ruschewski, Viola Andresen und Peter Layer, Hamburg

Das Reizdarmsyndrom (RDS, Colon irritabile, Irritable bowel syndrome) ist eine der häufigsten funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen und geht in der Regel – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – mit chronischen Beschwerden einher. Betroffen sind mehr Frauen als Männer. Es bestehen sowohl Überlappungen mit der funktionellen Dyspepsie als auch mit Erkrankungen des psychiatrischen Formenkreises. Aufgrund der Chronizität der Beschwerden ist das Reizdarmsyndrom von hohem sozioökonomischem Interesse. Da die Beschwerden für die Betroffenen häufig sehr quälend sind und somit zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen können, werden an den behandelnden Arzt bezüglich der Therapie oft hohe Erwartungen herangetragen. Es gibt beim Reizdarmsyndrom eine Reihe wirksamer, allerdings in Deutschland in dieser Indikation teilweise nicht zugelassener Arzneistoffe. Die medikamentöse Therapie sollte in Abhängigkeit von der vorherrschenden Symptomatik erfolgen. In einigen Fällen sind die Beschwerden jedoch auch spontan regredient, wobei die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Beschwerdebesserung negativ mit der Dauer der Erkrankung korreliert.

Der nachfolgende Beitrag wurden in Anlehnung an die aktuelle S3-Leitlinie zur Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Reizdarmsyndroms der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) erstellt [1].

Irritable bowel syndrome: Current treatment options

The irritable bowel syndrome (IBS) is one of the most common functional gastrointestinal disorders. Due to its chronic course, IBS is of high socioeconomic interest. As the symptoms may have a high impact on the patients’ quality of life, treating physicians are often faced with high patient expectations. In order to exclude relevant differential diagnoses, it is important to perform an obligate baseline diagnostic workup in every patient. The diagnostic workup should then be extended individually depending on dominating symptoms and on the individual patient’s situation. In the lack of any causal or standard therapy in IBS, the development of a bond of trust between physician and patient is essential. It is also important to provide the patient with further information about the disease IBS including the benign but mostly chronic course. In addition to general therapeutic measures such as avoidance of individual symptom triggers, IBS therapy is mainly symptom oriented. It is therefore helpful to identify the predominant bowel subtype (e.g. diarrhea-predominant, constipation-predominant, mixed bowel habits) and other dominant symptoms such as pain or flatulence. A variety of effective drugs may be used for the treatment of IBS symptoms. However, each therapeutic approach must be regarded as a test and should be continued or discontinued depending on the individual treatment response and/or tolerability. It is an important problem that several drugs have never specifically been tested in IBS patients and/or that they are not approved and available in Germany. Hence, it may become necessary to prescribe drugs as an off-label use.

Key words: Irritable bowel syndrome, chronic symptoms, bowel subtypes

Arzneimitteltherapie 2011;29:336–42.



Pharmakovigilanz
J. Farzan, Langen

Mit dem ersten Teil des Pharma-Pakets hat die Europäische Union 2010 wichtige Neuregelungen zur Pharmakovigilanz bei Humanarzneimitteln verabschiedet. Die neuen Bestimmungen der Richtlinie 2001/83/EG finden nach Umsetzung in das Arzneimittelgesetz bis spätestens Juli 2012 in Deutschland Anwendung. Die Änderungen betreffen unter anderem einen erweiterten Nebenwirkungsbegriff, die Meldung auch nicht schwerwiegender Nebenwirkungen und die Neuregelung von nichtinterventionellen Unbedenklichkeitsstudien. Erreicht wird hierdurch eine Harmonisierung und Zentralisierung der Pharmakovigilanz und eine größere Transparenz des Systems.



Klinische Studie
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Längere Überlebenszeit mit Abirateron

Die Hemmung der Androgenbiosynthese mit Abirateron verlängerte die Überlebenszeit von Männern mit metastasiertem, kastrationsresistentem Prostatakarzinom, das nach Chemotherapie mit Docetaxel fortgeschritten war. Die zulassungsentscheidende Phase-III-Studie wurde wegen des eindeutigen Ergebnisses einer geplanten Interimsanalyse vorzeitig entblindet.



Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung
Dr. Katja Noack, Schwieberdingen
Schützt Triptorelin vor Chemotherapie-bedingter Menopause?

Der Verlust der Ovarfunktion und Fertilität durch Zytostatikatherapie stellt für Frauen im gebärfähigen Alter eine enorme Einschränkung der Lebensqualität dar. Eine pharmakologische Option zur Ovarprotektion könnten Gonadoliberin-(GnRH-)Analoga sein. Die Ergebnisse einer italienischen Phase-III-Studie zeigen, dass Triptorelin bei Brustkrebspatientinnen mit adjuvanter oder neoadjuvanter Chemotherapie eine vorzeitige Menopause verhindern kann; Ergebnisse zu tatsächlichen Schwangerschafts- und Geburtsraten sowie zum Verlauf der Brustkrebserkrankung liegen aber noch nicht in ausreichendem Maße vor.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Faktor-Xa-Inhibitor bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom

Der neue Faktor-Xa-Inhibitor Darexaban erhöhte bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom bei zusätzlicher Gabe zu einer dualen Antikoagulation wie erwartet dosisabhängig das Blutungsrisiko. Die Rate kardialer Ereignisse nahm nicht ab, die Untersuchung der Wirksamkeit war jedoch nicht das primäre Studienziel der RUBY-1-Studie, die Ende August 2011 beim ESC-Kongress in Paris vorgestellt wurde.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Starke regionale Unterschiede bei der Behandlung von Vorhofflimmern

Patienten mit Vorhofflimmern werden im Krankenhaus in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich behandelt. Eine elektrische Kardioversion wird beispielsweise in Schweden bei 96 % der Patienten eingesetzt, in Spanien werden dagegen 94 % der Patienten pharmakologisch kardiovertiert. Dies ergab unter anderem das internationale Register zur Kardioversion bei Vorhofflimmern (RHYTHM-AF), wovon erste Daten beim ESC-Kongress Ende August 2011 in Paris vorgestellt wurden.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Vernakalant wirkt rasch

Die pharmakologische Kardioversion ist bei Patienten mit Vorhofflimmern rasch und relativ einfach anwendbar. Mit Vernakalant (Brinavess®) steht ein neuer Multikanalblocker zur Verfügung, der sich für eine frühzeitige pharmakologische Kardioversion anbietet. Die Ergebnisse der AVRO-Studie wurden auf dem diesjährigen ESC-Kongress in Paris vorgestellt.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Kardiovaskuläre Krankheiten in der Schwangerschaft

Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der European Society of Cardiology (ESC) hat die Leitlinien zu kardiovaskulären Erkrankungen in der Schwangerschaft aktualisiert. Nun liegt erstmals eine Leitlinie mit abgestuften Empfehlungen und Angaben zu Evidenzgraden vor. Diese wurde im Rahmen des ESC-Kongresses in Paris vorgestellt.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Mipomersen bei Patienten mit familiärer Hypercholesterolämie

Mit Mipomersen befindet sich ein Antisense-Molekül in der klinischen Entwicklung, das eine starke Wirkung auf erhöhte LDL-Cholesterolwerte hat. Aktuelle Studienergebnisse wurden auf einem Symposium der Firma MSD Sharp & Dohme im Rahmen des ESC-Kongresses in Paris vorgestellt.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Erstmals Leitlinien zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen publiziert

Die European Society of Cardiology (ESC) und die European Atherosclerosis Society (EAS) haben erstmals Leitlinien publiziert, die sich ausschließlich mit der Behandlung von Fettstoffwechselstörungen befassen. Die aktuellen Empfehlungen wurden auf einem von MSD Sharp & Dohme veranstalteten Symposium im Rahmen des diesjährigen ESC-Kongresses in Paris vorgestellt.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Zwei Jahre duale Antikoagulation nicht besser als sechs Monate

Eine duale Antikoagulanzien-Therapie über 24 Monate wirkt bei Patienten nach Stentimplantation nicht besser als eine Behandlung über 6 Monate, sie beinhaltet aber eine höheres Blutungsrisiko. Dies ergab die randomisierte, multizentrische, offene Studie PRODIGY (Prolonging dual antiplatelet treatment after grading stent-induced intimal hyperplasia study), deren Ergebnisse beim ESC-Kongress 2011 Ende August in Paris vorgestellt wurden.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Antiischämische Therapie für KHK-Patienten

Mit dem Piperazinderivat Ranolazin (Ranexa®) steht ein Medikament zur Behandlung von Patienten mit chronischer stabiler Angina pectoris zur Verfügung, das eingesetzt werden kann, wenn Standardmedikamente nicht ausreichen. Ranolazin hemmt den langsamen Natriumioneneinstrom in die Muskelzelle während des Aktionspotenzials und hat keinen relevanten Einfluss auf Blutdruck und Herzfrequenz. Aktuelle Studienergebnisse wurden bei einem Minisatellitensymposium der Firma Menarini auf dem diesjährigen ESC-Kongress in Paris vorgestellt.



Bettina Christine Martini, Legau
Enzym löst überschüssiges Kollagen auf

Mit einer lokalen Injektion von mikrobieller Kollagenase aus Clostridium histolyticum direkt in einen Dupuytren’schen Strang kann die Struktur des Strangs aufgebrochen werden. In einer großen Phase-III-Studie wurde durch die Kollagenase bei 64 % der Patienten eine Verringerung der Kontraktur auf 5° oder weniger erreicht. Das neue Arzneimittel ist zugelassen zur Behandlung der Dupuytren’schen Kontraktur mit tastbarem Strang. Es wurde bei einem Pressegespräch der Firma Pfizer Pharma vorgestellt.



Simone Reisdorf, Erfurt-Linderbach
Asenapin erweitert die therapeutischen Möglichkeiten bei Manie

Bei Patienten mit manischen oder gemischten Episoden einer bipolaren Störung wird mit den bisherigen Therapien oft keine ausreichende Symptomkontrolle erreicht. Das atypische Antipsychotikum Asenapin lindert die manischen Symptome rasch und ist gut verträglich. In klinischen Studien wurde es mit Plazebo und Olanzapin verglichen. Das neue Arzneimittel wurde bei einer Pressekonferenz der Firma Lundbeck vorgestellt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Verlängertes Gesamtüberleben mit Eribulin

Nach dem Versagen von Anthracyclinen und Taxanen, die meist auch schon in der adjuvanten Situation eingesetzt werden, stehen für die Therapie des metastasierten oder fortgeschrittenen Mammakarzinoms nur noch wenige Zytostatika zur Verfügung. Eribulin zeigte in der Drittlinientherapie noch eine Überlebensverlängerung. Schon vor der europäischen Zulassung im März 2011 wurde die Substanz in die aktuelle AGO-Leitlinie als Option für Einzelfälle aufgenommen. Eribulin wurde bei einer Pressekonferenz von Eisai vorgestellt [1].



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Neues Chemotherapie-Regime bei ALL

Ein Chemotherapie-Regime mit hoch dosiertem Methotrexat erhöhte im Vergleich zu einem etablierten Methotrexat-haltigen Schema das 5-Jahres-Überleben bei Hochrisikopatienten mit akuter lymphatischer B-Zell-Leukämie (B-ALL). Die Ergebnisse der Studie der Children’s Oncology Group wurden beim diesjährigen Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau