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29. Jahrgang Heft 12 Dezember 2011

Editorial
Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg


Übersichten
Benjamin Heidrich und Heiner Wedemeyer, Hannover

Die chronische Hepatitis-D-Virusinfektion gilt als die am schwersten verlaufende Virushepatitis. Schätzungen zufolge sind weltweit etwa 15 bis 20 Millionen Menschen von einer Hepatitis-D-Virusinfektion betroffen. Das Hepatitis-D-Virus (HDV) ist mit seinen etwa 1 700 Basen das bisher kleinste bekannte humanpathogene Virus und wurde erstmals 1977 von dem Italiener Mario Rizzetto beschrieben [1, 2]. Er konnte in Hepatozyten von Patienten mit besonders schwer verlaufender chronischer Hepatitis B ein neues Antigen, das sogenannte Delta-Antigen, isolieren. In den folgenden Jahren stellte sich heraus, dass das Antigen zu einem neuen Virus, dem Hepatitis-D-Virus, gehört. Nicht durch Zufall wurde das Delta-Antigen häufig bei Patienten mit schwer verlaufender Hepatitis B gefunden: HDV ist ein defektes Virus und benötigt für eine erfolgreiche Infektion von Hepatozyten das Hüllprotein HBsAg (Surface-Antigen) des Hepatitis-B-Virus (HBV). Daher sind Patienten, die an einer HDV-Infektion leiden, grundsätzlich auch mit dem Hepatitis-B-Virus infiziert, wobei eine Simultan- oder eine Superinfektion mit dem Hepatitis-D-Virus vorliegen kann. Die Unterscheidung kann für den klinischen Alltag von Bedeutung sein, allerdings ist eine Simultaninfektion äußerst selten und eine sichere Unterscheidung oft nicht möglich. Die beste Methode, sich gegen eine HDV-Infektion zu schützen, ist eine erfolgreiche Hepatitis-B-Impfung – in diesem Fall ist eine Infektion mit dem Hepatitis-D-Virus nicht möglich. Des Weiteren sollten alle Betroffenen darüber aufgeklärt werden, dass die Infektion unter anderem sexuell übertragen werden kann und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen daher essenziell sind. Bei chronischer Hepatitis D hat sich bisher nur Interferon (in konventioneller und pegylierter Formulierung) als wirksam erwiesen. Allerdings können nur etwa 25 bis 30 % der Patienten erfolgreich mit Interferon behandelt werden [3, 4].

Chronic hepatitis delta: natural course and therapy

Chronic hepatitis D virus (HDV) infection is known as the most severe form of viral hepatitis. It is estimated that worldwide about 15 to 20 million people are coinfected with the hepatitis D virus. The virus was discovered by Mario Rizzetto and colleagues in the late 1970s. They isolated an unknown antigen in hepatozytes of patients with severe course of chronic hepatitis B virus (HBV) infection. The new antigen is known as the delta antigen. In the following years the delta antigen was identified as part of a new so far unknown virus, the hepatitis D virus. The antigen was not found by chance in hepatocytes of patients with severe course of chronic HBV infection as it is known that HDV causes the most severe form of viral induced chronic hepatitis. The virus consists of only 1.7 kb and is the smallest human pathogen so far known.

HDV is an incomplete virus and therefore needs the surface antigen of HBV (HBsAg) for transmission. Therefore, patients infected with HDV are always coinfected with HBV. There are two different ways of infection. First of all patients can be infected simultaneously by both viruses and secondly patients chronically infected with HBV can be infected with HDV later on. It is important to differentiate between both forms of infection due to different clinical courses. Simultaneously infected patients show more often an acute hepatitis with spontaneous clearance but higher rate of fulminant courses whereas superinfected patients almost always develop chronic hepatitis. The best way to prevent an infection with HDV is vaccination against HBV as HDV is dependent on HBsAg. So far the only way to treat patients with chronic hepatitis delta infection is interferon (conventional or pegylated). However, even with interferon only 25 to 30 % can be cured of HDV infection.

Key words: Hepatitis D, HDV, hepatitis B, HBV, HDV therapy

Arzneimitteltherapie 2011;29:367–74.



Hans-Peter Lipp, Tübingen
Gemeinsamkeiten, Unterschiede und aktuelle Überlegungen

Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktoren (G-CSF) sind zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Supportivtherapie in der klinischen Onkologie geworden. Anhand von neuen Erkenntnissen aus klinischen Studien wurden die nationalen und internationalen Leitlinien kontinuierlich überarbeitet. Neben klinisch relevanten Indikationen für die Gabe von G-CSF wurden auch die jeweils neuesten Erkenntnisse zur optimalen Dosierung und Therapiedauer zu allgemein gültigen Empfehlungen zusammengetragen. Dadurch wurde die Anwendung von Wachstumsfaktoren auch hinsichtlich pharmakoökonomischer Gesichtspunkte optimiert. Allerdings zeigen Erhebungen, dass selbst heute noch beachtliche Abweichungen zwischen leitliniengerechten Empfehlungen und der täglichen Anwendungspraxis existieren können. Während Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierende Faktoren (GM-CSF) eine immer geringere Rolle gegenüber G-CSF-Präparaten spielen, gewinnt Pegfilgrastim zunehmend an Bedeutung. Ob sein Einsatz möglicherweise dadurch noch optimiert werden kann, dass seine Applikation nicht an Tag 2 sondern an Tag 4 nach Chemotherapie (Tag 1) erfolgt, bedarf noch weitergehender Untersuchungen.

Granulocyte-colony-stimulating factors: similarities, differences and current considerations

Granulocyte-colony-stimulating factors (G-CSF) have become an indisputable tool in the area of supportive agents in clinical oncology.

Ongoing experience based on clinical trials has resulted in continuous revision of national and international guidelines in order to justify the use of G-CSF-preparations according to clinical and pharmacoeconomic reasons. However, current surveys reveal considerable deviations between general recommendations and everyday clinical practice.

In contrast to GM-CSF, pegfilgrastim plays an increasing role as supportive growth factor. Whether its use can be further optimized by application on day 4 rather than day 2 after chemotherapy (day 1) needs further investigation.

Key words: G-CSF, guidelines, current practice, GM-CSF, pegfilgrastim, optimization

Arzneimitteltherapie 2011;29:377–86.



Klinische Studie
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Wirksamkeit und Sicherheit von Belimumab

Mit dem monoklonalen Antikörper Belimumab wurden bei Patienten mit systemischem Lupus erythematodes in einer Phase-III-Studie signifikant höhere Ansprechraten erzielt als mit Plazebo. Der Antikörper bindet an den löslichen B-Lymphozyten-Stimulator (BLyS) und verhindert so dessen biologische Aktivität. Das Immunsuppressivum ist seit Juli 2011 zugelassen für die Zusatztherapie bei erwachsenen Patienten mit aktivem, Autoantikörper-positivem systemischem Lupus erythematodes, die trotz Standardtherapie eine hohe Krankheitsaktivität aufweisen.



Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Apixaban zur Schlaganfallprävention bei Patienten mit Vorhofflimmern

Bei Patienten mit Vorhofflimmern führte eine Prophylaxe mit dem oralen Faktor-Xa-Antagonisten Apixaban im Vergleich zu einer Antikoagulation mit Warfarin zu einer Reduktion der Rate an Schlaganfällen und systemischen Embolien. Darüber hinaus waren unter Apixaban auch die Sterblichkeit sowie die Rate an schwerwiegenden Blutungskomplikationen signifikant geringer.



Referiert & kommentiert: Therapiehinweise
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Therapietreue bei der medikamentösen Behandlung der arteriellen Hypertonie

Im klinischen Alltag gibt es bei der medikamentösen Behandlung der arteriellen Hypertonie relevante Unterschiede in der Therapietreue: Am schlechtesten schnitten Diuretika und Betablocker ab, eine vergleichsweise gute Therapietreue wurde für Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten und ACE-Hemmer festgestellt. Ungeachtet der Arzneistoffklassen war die Adhärenz allerdings insgesamt nicht gut.



Rosemarie Ziegler, Albershausen
Ticagrelor auch bei Patienten ohne geplante Invasivbehandlung besser als Clopidogrel

Ebenso wie im Gesamtkollektiv der PLATO-Studie war Ticagrelor Clopidogrel auch in der Subgruppe der Patienten, bei denen initial keine invasive Behandlung vorgesehen war, im primären Endpunkt (kardiovaskulär bedingter Tod, Myokardinfarkt oder Schlaganfall) überlegen. Schwere Blutungen waren unter Ticagrelor numerisch häufiger, der Unterschied war jedoch nicht statistisch signifikant.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Andrea Warpakowski, Itzstedt
Der Proteasehemmer Telaprevir erhöht die Heilungsraten

Für therapienaive und vorbehandelte Patienten mit chronischer Hepatitis-C-Infektion vom Genotyp 1 steht eine neue Therapieoption zur Verfügung: Mit dem Proteasehemmer Telaprevir (Incivo®) in Kombination mit einer Standardtherapie erhöht sich die Heilungsrate bei therapienaiven Patienten auf bis zu 79 % und bei vorbehandelten Patienten je nach Vortherapie auf bis zu 84 %. Die Zulassungsstudien sowie das Therapiemanagement und die „Stoppregeln“ für eine Telaprevir-haltige Therapie wurden am 28. September 2011 auf einer Veranstaltung des Unternehmens Janssen-Cilag in Düsseldorf vorgestellt.



Dr. Andreas Häckel, Frankfurt am Main
Die Therapie wird immer erfolgreicher, aber auch komplizierter

Neue Tripeltherapien mit Proteasehemmern wie Boceprevir (Victrelis®), das seit dem 18. Juli 2011 EU-weit in Kombination mit Peginterferon alfa und Ribavirin zugelassenen ist, bessern die Heilungsraten der chronischen Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus vom Genotyp 1 deutlich. Zugleich lässt sich durch eine am Ausmaß des frühen Therapieansprechens orientierte Strategie bei vielen Patienten die Behandlungsdauer praktisch halbieren. Voraussetzung für hohe Heilungsraten ist allerdings neben einer guten Therapieadhärenz und einer intensiven ärztlichen Betreuung der Patienten auch die Beachtung von „Stoppregeln“ zur Verhinderung der Resistenzentwicklung. Dies wurde beim „Victrelis®-Launch-Symposium“ des Unternehmens MSD am 23.09.2011 in Berlin berichtet.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Pemetrexed/Cisplatin zur Erstlinientherapie bei älteren Patienten

Mit der Kombination Pemetrexed/Cisplatin steht eine wirksame und vergleichsweise gut verträgliche Erstlinientherapie für Patienten mit fortgeschrittenem nichtplattenepithelialem nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) zur Verfügung. Von der Behandlung profitieren Patienten aller Altersstufen in gleichem Ausmaß; insbesondere für ältere Patienten ist die Kombination aufgrund ihrer guten Verträglichkeit eine Option, wie bei einem Workshop der Firma Lilly im Oktober 2011 erläutert wurde.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau