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30. Jahrgang Heft 1 Januar 2012

Editorial
Prof. Dr. med. Frank Lammert, Homburg
Auf dem Weg zur Interferon-freien Therapie?


Übersichten
Robert Dinser und Ulf Müller-Ladner, Bad Nauheim

Beim systemischen Lupus erythematodes (SLE) handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die durch ein variables klinisches Erscheinungsbild charakterisiert ist: Neben allgemeinen Symptomen wie Fieber, Schwäche und Gewichtsverlust können Muskel- und Gelenkbeschwerden, Hauterscheinungen, Blutbildveränderungen und Organmanifestationen im Bereich des Herzens (z. B. Perikarditis), der Lunge (z. B. Pleuritis), der Niere (Lupus-Nephritis) oder des Nervensystems auftreten. Die Inzidenz liegt bei 5–10/100 000 pro Jahr; Frauen sind etwa 10-mal häufiger betroffen als Männer. Im vorliegenden Beitrag werden neuere Entwicklungen in der Behandlung des systemischen Lupus erythematodes dargestellt, wobei zunächst auf die Behandlung mortalitätsassoziierter Faktoren und Manifestationen des systemischen Lupus erythematodes und anschließend auf die Behandlung relevanter morbiditätsassoziierter Faktoren eingegangen wird. Antimalariamedikamente werden zunehmend großzügig angewendet. Eine für die Klinik zufriedenstellende Wirksamkeit der Zytokin- und Zell-inhibierenden monoklonalen Antikörper konnte bisher noch nicht belegt werden.

Developments in the treatment of systemic lupus erythematosus

Recent developments in the treatment of systemic lupus erythematosus (SLE) are discussed with respect to their influence on mortality associated manifestations and other morbidities. The central message is the increasing role of antimalarials. The size effect of the cytokine- and cell-inhibiting monoclonal antibodies is currently not sufficient in routine clinical settings.

Key words: Systemic lupus erythematosus, treatment, antimalarials, biologics

Arzneimitteltherapie 2012;30:3–7.



Georgios Grammatikos und Christoph Sarrazin, Frankfurt am Main

Die chronische Hepatitis-C-Virus-(HCV-)Infektion ist eine der häufigsten weltweit verbreiteten chronischen Lebererkrankungen und geht mit schwerwiegenden Komplikationen wie Leberzirrhose und hepatozellulärem Karzinom einher. Unter der antiviralen Therapie mit pegyliertem Interferon alfa und Ribavirin können Patienten, die mit dem in Europa und Nordamerika am häufigsten vorkommenden Genotyp 1 infiziert sind, nur in ungefähr 40 bis 50 % der Fälle geheilt werden. Zusätzlich zu der beschränkten Eradikationseffizienz spielen therapieassoziierte Nebenwirkungen unter der bis zu 72 Wochen dauernden Therapie eine wichtige Rolle bei der Adhärenz der behandelten Patienten. Zahlreiche direkt antiviral wirksame Medikamente befinden sich aktuell in präklinischer und klinischer Entwicklung. Die ersten, im Juli bzw. September 2011 zugelassenen NS3/4A-Protease-Inhibitoren Boceprevir und Telaprevir führen in Kombination mit der bisherigen Standardtherapie zu einer deutlichen Verbesserung der viralen Eradikationsraten um 25 bis 30 Prozentpunkte im Vergleich zur alleinigen Standardtherapie. Allerdings ist die Wirksamkeit von Telaprevir und Boceprevir im Wesentlichen auf den Genotyp 1 beschränkt, so dass es bis zur Zulassung weiterer direkt antiviral wirksamer Substanzen mit breiterem Wirkungsspektrum für Patienten mit anderen HCV-Genotypen zunächst bei der dualen Standardkombinationstherapie bleibt. Weiterhin sind zahlreiche zusätzliche Nebenwirkungen und ein komplexes Einnahmeschema bei der Anwendung von Telaprevir und Boceprevir zu beachten. Zudem liegen bisher kaum Erfahrungen für besondere Patientensubgruppen wie Transplantierte, Kinder oder Patienten mit HIV-Koinfektion vor, bei denen der Einsatz der beiden Protease-Inhibitoren durch mögliche Medikamenteninteraktionen kompliziert wird. In weiteren, derzeit laufenden Studien wird untersucht, ob durch Kombination mehrerer direkt antiviral wirksamer Medikamente mit und ohne Interferon alfa eine noch effektivere Therapie zur erfolgreichen Eradikation des Hepatitis-C-Virus entwickelt werden kann.

New therapeutic approaches for chronic hepatitis C

Chronic hepatitis C virus (HCV) infection is one of the most common chronic liver diseases worldwide. Due to the high persistence of acute HCV infection, chronically infected patients face severe hepatologic complications such as liver cirrhosis and hepatocellular carcinoma. With the current available anti-viral therapeutic regime, using pegylated interferon alfa and ribavirin, only 40–50 % of patients infected with genotype 1, the most common genotype in Europe and North America, can be cured. In addition to the limited efficiency and the prolonged duration of the antiviral therapy up to 72 weeks, therapy-associated side effects play a major role in the compliance of the treated patients. Numerous direct antiviral drugs are currently in preclinical and clinical development. The addition of the first recently approved NS3/4A-protease inhibitors, telaprevir and boceprevir, to standard therapeutic regimes has led to a significant improvement of viral eradication rates by about 25 % percentage points compared to standard combination therapy. However, the efficacy of telaprevir and boceprevir is mainly limited on genotype 1. Patients infected with other genotypes will further be treated with standard combination therapy, until additional direct antiviral agents with a broader spectrum of activity get also approved for clinical use. Furthermore, additional side effects and a complex dosing regimen are observed upon the use of telaprevir and boceprevir. Finally, therapeutic experience is missing so far for specific subgroups of patients such as transplant recipients, children or patients with HIV co-infection, in which distinct drug interactions are expected upon the use of telaprevir and boceprevir. Further ongoing studies are currently evaluating whether the combination of several direct antiviral drugs is able to induce a successful eradication of HCV in interferon-free regimens.

Key words: Hepatitis C, direct antivirals, telaprevir, boceprevir, pharmacokinetic

Arzneimitteltherapie 2012;30:8–18.



Klinische Studie
Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Neuer nichtnukleosidischer Reverse-Transkriptase-Hemmer Rilpivirin

In der Behandlung therapienaiver HIV-1-Patienten ist der neue nichtnukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer (NNRTI) Rilpivirin in einer täglichen Einmalgabe von oral 25 mg in Kombination mit einer Backbone-Medikation aus der Gruppe der Nukleosid- oder Nukleotid-Reverse-Transkriptase-Hemmer mindestens ebenso wirksam wie das Standardtherapeutikum Efavirenz. Die Verträglichkeit ist unter dem neuen NNRTI besser als unter Efavirenz. Das waren die Ergebnisse der zwei multizentrischen Phase-III-Studien THRIVE und ECHO, die im November 2011 zur EU-Zulassung von Rilpivirin führten.



Referiert & kommentiert: Therapiehinweise
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Kaudale epidurale Glucocorticoid-Injektionen sind nicht wirksam

Epidurale Injektionen von Triamcinolonacetonid sind bei chronischer lumbaler Radikulopathie nicht wirksam, wie eine randomisierte, verblindete Studie in Norwegen zeigte.



Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Kein Effekt von Irbesartan auf die Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse

Bei Patienten mit Vorhofflimmern bewirkte die Einnahme von Irbesartan (z. B. Aprovel®) neben der gerinnungshemmenden Therapie zwar eine Blutdrucksenkung, hatte aber keinen Einfluss auf die Häufigkeit tödlicher und nichttödlicher kardiovaskulärer Ereignisse während der gut vierjährigen Beobachtungzeit.



Bettina Christine Martini, Legau
Kein Nutzen durch Blutdrucksenkung mit Candesartan in der akuten Phase

Die Senkung hoher Blutdruckwerte mit dem Angiotensinrezeptorblocker Candesartan (Atacand®) in den ersten sieben Tagen nach einem Schlaganfall verbessert das langfristige Behandlungsergebnis der Patienten nicht; möglicherweise ist die Therapie sogar eher nachteilig.



Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Wenig Nutzen von Pregabalin bei zentralen Schmerzen nach Schlaganfall

Pregabalin reduzierte die Schmerzintensität bei Patienten mit zentralen Schmerzen nach Schlaganfall nicht signifikant. Bei verschiedenen sekundären Endpunkten wie Schlaf, Angst und globaler Einschätzung war es allerdings Plazebo überlegen, so die Ergebnisse einer randomisierten, Plazebo-kontrollierten Doppelblindstudie.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Colchicin verhindert Rezidive

Auch wenn der Mitosehemmer Colchicin bereits seit längerem zur Behandlung der Perikarditis eingesetzt wird, gab es bisher keine evidenzbasierten Daten dafür. Jetzt konnte erstmals in einer doppelblinden, randomisierten Studie (CORP-Studie) die überzeugende Wirksamkeit der Substanz dokumentiert werden. Die Ergebnisse wurden beim Kongress der Europäischen Kardiologengesellschaft (ESC) im August 2011 vorgestellt.



Dr. Claudia Bruhn, Schmölln
Pneumokokken: Impfraten bei Senioren zu gering

Die Pneumokokken-Impfung wird derzeit als Standardimpfung für Kinder im Alter zwischen zwei Wochen und 24 Monaten und für Erwachsene ab 60 Jahren empfohlen. Erhebungen zufolge lassen sich jedoch nur 20 bis 25 % der Senioren impfen. Experten empfehlen dringend, die Impfraten in dieser Altersgruppe zu verbessern, denn von den jährlich in Deutschland durch schwere Pneumokokken-Erkrankungen verursachten rund 12 000 Todesfällen betreffen 80 bis 90 % über 60-Jährige. Darauf wurde bei einem Pressegespräch der Firma Sanofi Pasteur MSD im Oktober 2011 hingewiesen [1].



Simone Reisdorf, Erfurt-Linderbach
Stickstoffmonoxid-Inhalation gegen pulmonale Hypertonie bei Patienten mit Herzoperationen

Die Zulassung von Stichstoffmonoxid zur Inhalation wurde erweitert: Es steht nun Menschen jeden Alters zur Verfügung, bei denen im Rahmen einer Herzoperation der pulmonal-arterielle Druck gesenkt und die rechtsventrikuläre Funktion sowie die Oxygenierung verbessert werden sollen. Der Einsatz des Gases wurde bei einer wissenschaftlichen Sitzung der Linde Gas Therapeutics GmbH im Rahmen des Hauptstadtkongresses der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) in Berlin vorgestellt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Chemotherapie direkt in die Leber verlängert das krankheitsfreie Überleben

Bei Patienten mit Aderhautmelanomen mit Leberbefall konnte durch die intrahepatische Chemosaturation mit Melphalan die Überlebenszeit ohne weitere Metastasenstreuung in der Leber um über sechs Monate verlängert werden. Die Ergebnisse einer Phase-III-Studie wurden beim multidisziplinären europäischen Krebskongress (ESMO, ECCO, ESTRO) im September 2011 in Stockholm vorgestellt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Immuntherapie mit Ipilimumab in der Zweitlinientherapie

Im Juli 2011 erhielt Ipilimumab (Yervoy®) die Zulassung der Europäischen Kommission für die Behandlung von fortgeschrittenen (nichtresezierbaren oder metastasierten) Melanomen. Entscheidend waren die Ergebnisse einer randomisierten doppelblinden Phase-III-Studie, in der die 1- und 2-Jahres-Überlebensraten deutlich gesteigert wurden und damit erstmals seit 30 Jahren ein signifikanter Vorteil einer Therapie beim Gesamtüberleben gezeigt werden konnte. Der neue Wirkstoff wurde in einer Pressekonferenz der Firma Bristol-Myers Squibb vorgestellt [1].



Dipl.-Biol. Andrea Warkpakowski, Itzstedt
Immuntherapie verlängert Überleben auch in der First-Line-Therapie

In Kombination mit dem Alkylans Dacarbazin verlängert der monoklonale Antikörper Ipilimumab im Vergleich zu Dacarbazin allein signifikant das Überleben und progressionsfreie Überleben von zuvor unbehandelten Patienten mit fortgeschrittenem Melanom. Diese Ergebnisse einer Phase-III-Studie wurden in einer Plenarsitzung beim letzten Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt sowie zusammen mit Daten zur Monotherapie bei vorbehandelten Patienten auf einer Veranstaltung des Unternehmens Bristol-Myers Squibb diskutiert.



Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Bei Therapieanpassung hat Tenofovir einen hohen Stellenwert

Durch eine antivirale Therapie der chronischen Hepatitis B können die Leberzirrhose und das hepatozelluläre Karzinom bei vielen Patienten verhindert werden, auch wenn durch eine solche Therapie nur eine immunologische Kontrolle und keine Viruselimination gelingt. Die Leitlinie für die Therapie der chronischen Hepatitis B wurde kürzlich aktualisiert, wobei neue Empfehlungen sowohl für die Indikationsstellung als auch die Therapieanpassung und -dauer gegeben wurden. Die neuen Leitlinien wurden im Rahmen eines von der Firma Gilead Sciences GmbH anlässlich der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) veranstalteten Satellitensymposiums im September 2011 vorgestellt und diskutiert.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau