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30. Jahrgang Heft 6 Juni 2012

Editorial
Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg


Übersichten
Erhard Hiller, München
Risikofaktoren, Primär- und Sekundärprophylaxe

Zu den Risikofaktoren für venöse Thromboembolien (VTE) bei Tumorpatienten gehören die primäre Tumorlokalisation, das Tumorstadium, die Hospitalisation sowie zusätzliche Komorbiditäten wie die Chemo-/Strahlentherapie und die Therapie mit antiangiogenetischen Substanzen. Es existiert weder ein einzelner Laborparameter noch ein Spektrum von Laborbefunden, das es ermöglicht, das Thromboembolierisiko mit Sicherheit vorauszusagen. Ein vor Kurzem validiertes Risikomodell, das sich aus klinischen und Laborparametern zusammensetzt, könnte vielleicht in der Zukunft bei der Differenzierung zwischen Patienten mit hohem und Patienten mit niedrigem Risiko hilfreich sein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sollte die Hospitalisation als wichtigster Risikofaktor für die Entstehung einer venösen Thromboembolie gewertet werden. Nach den Leitlinien der verschiedenen Fachorganisationen sind alle stationären Tumorpatienten Risikopatienten und sollten mit niedermolekularen Heparinen (NMH) oder dem Pentasaccharid Fondaparinux prophylaktisch behandelt werden. Darüber hinaus muss beim Zusammentreffen verschiedener Risikofaktoren auch bei ambulanten Tumorpatienten eine Prophylaxe durchgeführt werden. Zur Behandlung venöser Thromboembolien kommen niedermolekulare Heparine bei geplanter Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten bis zum Erreichen des Ziel-INR-Werts zur Anwendung. Sie können aber auch über längere Zeiträume eingesetzt werden, da darunter weniger Rezidivthrombosen auftreten als unter Vitamin-K-Antagonisten.

Venous thromboembolism in patients with cancer

Clinical risk factors for venous thromboembolism (VTE) in cancer patients include primary tumor site, stage, hospitalization, and other comorbidities as well as chemo- and/or radiotherapy, and antiangiogenic therapy. There is neither a single laboratory test nor a panel of laboratory tests that actually may predict the occurrence of VTE during follow-up. A recently validated risk model, incorporating clinical and laboratory factors, may help in the future to differentiate patients at high and low risk for developing VTE. At the present time hospitalization of tumor patients should be considered as the most important risk factor for VTE. According to several medical guidelines all tumor patients admitted to the hospital should be considered as patients at risk for VTE and should therefore receive medical thrombosis prophylaxis with low-molecular weight heparin (LMWH) or with the pentasaccharide fondaparinux as this is mandatory for surgical tumor patients. If there are additive risk factors for VTE, thrombosis prophylaxis is also indicated for outpatients. For therapy of acute VTE LMWH can be given to bridge the time until vitamin-K antagonists are effective. It may also be administered for prolonged periods, since it is more effective than vitamin-K antagonists in preventing recurrent VTE.

Key words: Tumor patients, risk factors for venous thromboembolism, guidelines, thrombosis prophylaxis, low-molecular weight heparin

Arzneimitteltherapie 2012;30:177–84.



Ingo Stock, Bonn

Integrase-Inhibitoren bilden eine Gruppe neuartiger antiretroviraler Wirkstoffe, die durch die Hemmung der Integrase der humanen Immundefizienzviren (HIV) die „Integration“ der viralen Desoxyribonucleinsäure (DNS) in die DNS des Wirts unterbinden. Raltegravir ist der bislang einzige zugelassene Integrasehemmer und wird in einer Kombinationstherapie mit nucleos(t)idischen Reverse-Transcriptase-Inhibitoren erfolgreich für die Therapie von HIV-1-Infektionen bei antiretroviral vortherapierten und antiretroviral-naiven Patienten eingesetzt. Weitere Erfolg versprechende Integrase-Inhibitoren befinden sich in der klinischen Entwicklung. Zu ihnen gehören Elvitegravir und Dolutegravir, die einmal täglich in Anwesenheit eines „Boosters“ (Elvitegravir) oder „ungeboostert“ (Dolutegravir) eingesetzt werden müssen. Im Gegensatz zu Raltegravir und Elvitegravir zeigt Dolutegravir eine hohe genetische Barriere zur Resistenzausbildung und kann auch zur Therapie von HIV-1-Infektionen mit Raltegravir- und Elvitegravir-resistenten Virusvarianten eingesetzt werden. Raltegravir, Elvitegravir und Dolutegravir haben sich bei der Behandlung von HIV-1-Infektionen bislang als effektiv, sicher und relativ gut verträglich erwiesen. Aussagekräftige Prognosen über die Langzeittoxizität dieser Substanzen können derzeit noch nicht getroffen werden.

Role of integrase inhibitors for the treatment of HIV-1 infection

Integrase inhibitors are a group of novel antiretroviral drugs that suppress the integrase yielded by human immunodeficiency viruses (HIV) via inhibiting the integration“ of the viral deoxyribonucleic acid (DNA) into the hosts’ DNA genome. Raltegravir is the only approved integrase inhibitor so far and is used successfully in combination with nucleoside/nucleotide reverse-transcriptase inhibitors for the treatment of HIV-1 infections in antiretroviral-pretreated (-experienced) and antiretroviral-naive patients. Further promising integrase inhibitors are in clinical development, i. e. elvitegravir and dolutegravir. In contrast to raltegravir, these agents can be applied once daily in the presence of a „booster“ (elvitegravir) or “unboosted“ (dolutegravir). In contrast to raltegravir and elvitegravir, dolutegravir shows a high genetic barrier to resistance and may also be applicable for the treatment of HIV-1 infections with raltegravir or elvitegravir-resistant virus variants. During the last years, raltegravir, elvitegravir and dolutegravir have been proved in the treatment of HIV-1 infections as effective, safe and relatively well tolerated agents. Strengthen statement forecasts of long-term toxicity of these substances can not yet be made.

Key words: HIV-1 infection, therapy, antiretroviral-experienced patients, antiretroviral-naïve patients, integrase inhibitors, raltegravir, elvitegravir, dolutegravir, clinical efficacy, toxicity, resistance, genetic barrier

Arzneimitteltherapie 2012;30:187–96.



Klinische Studie
Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Risikoreduktion durch Semuloparin bei Krebspatienten unter Chemotherapie

In einer Phase-III-Studie reduzierte das ultra-niedermolekulare Heparin Semuloparin bei Krebspatienten unter einer Chemotherapie das Risiko für venöse Thromboembolien signifikant, ohne die Inzidenz schwerwiegender bzw. klinisch relevanter Blutungen zu erhöhen.



Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung
Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Laquinimod senkt Schubrate und Progressionsrisiko

Der oral applizierbare Immunmodulator Laquinimod senkte nach den Ergebnissen der Phase-III-Studie ALLEGRO (Assessment of oral laquinimod in preventing progression in multiple sclerosis) bei Patienten mit schubförmig remittierender multipler Sklerose (MS) die jährliche Schubrate signifikant um 23 % und das Progressionsrisiko um 36 % im Vergleich zu Plazebo.



Referiert & kommentiert: Therapiehinweise
Dr. Iris Hinneburg, Halle
Nutzen einer starken Blutzuckersenkung fraglich

Typ-2-Diabetiker haben nicht immer einen Vorteil von einer intensiven Diabetes-Therapie. In einer Metaanalyse aus 13 randomisierten, kontrollierten Studien fanden sich nur für wenige diabetische Folgeschäden Hinweise auf einen möglichen Nutzen einer verstärkten Senkung des Blutzuckerspiegels gegenüber der Standardtherapie. Durch eine Intensivierung der Therapie steigt aber gleichzeitig das Risiko für schwere Hypoglykämien.



Dr. Dr. Tanja Neuvians, Ladenburg
Keine Primärprophylaxe bei Gesunden

Nutzen und Risiken einer regelmäßigen Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) zur Prophylaxe bei Personen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen wurden in einer aktuellen Metaanalyse anhand von neun randomisierten, Plazebo-kontrollierten Studien untersucht. Dabei zeigte sich, dass durch die Einnahme von ASS zwar das Risiko nichttödlicher Myokardinfarkte und aller kardiovaskulärer Ereignisse insgesamt signifikant vermindert wird, dass aber gleichzeitig das Risiko klinisch relevanter Blutungen deutlich steigt. Acetylsalicylsäure hatte keinen Einfluss auf die Krebssterblichkeit. Eine breite Anwendung von ASS zur Primärprophylaxe bei Gesunden ist daher nicht gerechtfertigt. Im Einzelfall müssen Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Dr. Claudia Bruhn, Schmölln
Zulassungserweiterung für Ivabradin

Seit Februar 2012 kann der If-Kanalblocker Ivabradin (Procoralan®) auch zur Behandlung einer chronischen Herzinsuffizienz der NYHA-Klassen II bis IV bei Patienten mit systolischer Dysfunktion und Sinusrhythmus eingesetzt werden, wenn deren Herzfrequenz in Ruhe ≥ 75 Schläge pro Minute beträgt. Basis der Zulassungserweiterung waren die Ergebnisse der SHIFT-Studie (Systolic heart failure with the If inhibitor ivabradine trial), in der Ivabradin das Risiko für verschiedene kardiovaskuläre Morbiditäts- und Mortalitätsendpunkte signifikant gegenüber Plazebo verminderte. Die Studienergebnisse wurden bei einem von Servier veranstalteten Pressegespräch vorgestellt.



Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Azilsartanmedoxomil, eine neue Therapieoption

Mit Azilsartanmedoxomil steht seit Kurzem ein neuer Angiotensin-II-Rezeptorantagonist zur Behandlung der essenziellen Hypertonie zur Verfügung. Azilsartanmedoxomil war in Vergleichsstudien besser wirksam als Ramipril, Olmesartanmedoxomil und Valsartan. Dabei war das neue Sartan gleich gut verträglich wie die anderen Vertreter dieser Wirkstoffklasse. Ergebnisse der Zulassungsstudien wurden bei einer von Takeda Pharma veranstalteten Pressekonferenz vorgestellt.



Abdol A. Ameri, Weidenstetten
Verbesserte Sedierung mit Dexmedetomidin

Eine adäquate Sedierung ist ein wesentlicher Bestandteil in der Versorgung kritisch kranker Patienten. Der selektive Alpha2-Rezeptoragonist Dexmedetomidin bewirkt eine gut steuerbare Sedierung. Die Patienten können durch Ansprache geweckt werden, sie sind orientiert und kooperativ. Das neue Sedativum wurde bei einer von Orion Pharma veranstalteten Pressekonferenz im Rahmen des 11. Kongresses der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin vorgestellt.



Dr. Petra Jungmayr, Esslingen
Vemurafenib bei BRAF-mutierten Melanomen

Seit drei Jahrzehnten kommt erstmals Bewegung in die Therapie des malignen Melanoms. Eine der neuen Optionen ist der BRAF-Inhibitor Vemurafenib, der seit Februar 2012 zur Therapie des nicht resezierbaren oder metastasierten Melanoms zugelassen ist. Die Daten der Zulassungsstudie wurden am 23. Februar 2012 bei einer von der Firma Roche veranstalteten Pressekonferenz vorgestellt.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau