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31. Jahrgang Heft 4 April 2013

Neue Arzneimittel in der Diskussion
Ingo Stock, Bonn, und Christian Eckmann, Peine

Ceftarolin ist ein parenteral zu applizierendes, bakterizid wirkendes Cephalosporin mit einem breiten Wirkungsspektrum, das viele grampositive und gramnegative Bakterien umfasst. Unter den grampositiven Bakterien werden vor allem Staphylokokken und Streptokokken erfasst. Im Gegensatz zu anderen Cephalosporinen ist Ceftarolin auch gegen Staphylococcus-aureus-Stämme mit Methicillin-Resistenz (MRSA), einer als intermediär zu bewertenden Vancomycin-Empfindlichkeit (VISA) und Vancomycin-Resistenz (VRSA) aktiv. Penicillin- und Ceftriaxon-resistente Streptokokken werden ebenfalls erfasst. Unter den gramnegativen Bakterien wirkt Ceftarolin gegen Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis und viele Enterobacteriaceae, sofern diese keine Beta-Lactamasen mit einem erweiterten Spektrum (ESBL), Carbapenemasen oder dereprimierte beziehungsweise Plasmid-kodierte AmpC-Beta-Lactamasen bilden. Nicht fermentierende gramnegative Bakterien, Enterokokken und einige Anaerobier sind natürlich resistent gegen Ceftarolin. In den CANVAS-Studien wurde gezeigt, dass Ceftarolin bei der Behandlung komplizierter Haut- und Weichgewebsinfektionen wirksam und einer Vancomycin und Aztreonam enthaltenden Standardtherapie nicht unterlegen ist. Ein entsprechendes Ergebnis wurde auch in den FOCUS-Untersuchungen bei der Behandlung ambulant erworbener Pneumonien im Vergleich zu einer Standardtherapie mit Ceftriaxon dokumentiert. Aufgrund seiner guten Wirksamkeit und Verträglichkeit ist Ceftarolin als ein wichtiges neues Antibiotikum für die Therapie von Haut- und Weichgewebsinfektionen mit und ohne MRSA-Beteiligung sowie der ambulant erworbenen Pneumonie zu bewerten. In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen deuten darauf hin, dass Ceftarolin auch bei MRSA-Endokarditiden und zusammen mit dem Beta-Lactamase-Inhibitor Avibactam bei Infektionen mit multiresistenten Enterobacteriaceae erfolgreich eingesetzt werden könnte.

Ceftaroline, a new broad spectrum cephalosporin with anti-MRSA activity

Ceftaroline is a parenteral, bactericidal cephalosporin with a broad antibacterial spectrum of activity. Among Gram-positive pathogens, it is active against staphylococci and streptococci. Unlike other cephalosporins, ceftaroline is also active against strains of Staphylococcus aureus with methicillin resistance (MRSA), decreased (> intermediate< ) susceptibility to vancomycin (VISA) or vancomycin resistance (VRSA). Its spectrum of activity includes also penicillin- and ceftriaxone-resistant streptococci. Among Gram-negative pathogens, ceftaroline is active against Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis and many Enterobacteriaceae strains, provided they do not express beta-lactamases with an extended spectrum (ESBL), carbapenemases or derepressed/plasmid-encoded AmpC beta-lactamases. Non-fermenting Gram-negative bacteria, enterococci, and some anaerobes are naturally resistant to ceftaroline. The CANVAS studies showed that ceftaroline is successful to treat complicated skin and soft tissue infections, and it is not inferior to a standard therapeutic regimen using vancomycin and aztreonam. Similar results were also documented in the FOCUS studies in which the suitability and security of a ceftaroline containing regimen for the treatment of community-acquired pneumonia was compared to a standard therapy using ceftriaxone. Due to its good efficacy and tolerability, ceftaroline should be considered as an important new antibiotic for the treatment of skin and soft tissue infections with and without MRSA involvement. Ceftaroline is also suitable to treat community acquired pneumonia due to staphylococci (excepting MRSA strains) and some additional pathogens. In vitro and in vivo studies indicate that ceftaroline might also be applicable for the treatment of MRSA endocarditis and (in combination with the β-lactamase inhibitor avibactam) some severe diseases due to multi-drug resistant Enterobacteriaceae, including those strains that produce class A beta-lactamases (including ESBL enzymes and serine carbapenemases) or AmpC beta-lactamases (including derepressed and plasmid encoded enzymes).

Key words: ceftaroline, aztreonam, ceftriaxone, vancomycin, multidrug resistance, methicillin resistant Staphylococcus aureus, CANVAS studies, skin and soft tissue infections, FOCUS studies, community-acquired pneumonia.

Arzneimitteltherapie 2013;31:71–9.



Übersicht
Carsten Schwarz, Berlin

Die Mukoviszidose ist eine autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselkrankheit. Die Mutation befindet sich auf dem langen Arm des Chromosoms 7. Durch einen Defekt am Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator (CFTR) ist der Chloridionen-Transport an der Zellmembran verringert. In der Folge lässt sich ein Krankheitsbild beschreiben, das auch als Exokrinopathie bezeichnet werden kann. Überall dort, wo in den Organen exokrine Drüsen vorhanden sind, treten Störungen im Zusammenhang mit dem gestörten Chloridtransport auf. Am stärksten ausgeprägt sind die Defekte in der Lunge und im Bronchialsystem. Die häufigste Todesursache ist demnach auch die pulmonale Manifestation mit ihrer respiratorischen Insuffizienz auf dem Boden der rezidivierenden bronchopulmonalen Infekte und der ausgeprägten Inflammation. Leider kann die Krankheit bis heute nicht geheilt werden. Neue Therapien, die spezifisch den CFTR beeinflussen, geben aber Anlass zu neuer Hoffnung auf einen deutlich besseren Therapieerfolg.

Drug therapy for cystic fibrosis

Cystic fibrosis (CF) is a genetic and multiorgan disease resulting in complications involving especially the lungs and pancreas. In the last two decades a lot of effective medications and therapies have been developed to increase the regimen for treating CF lung disease. New medical treatments such as inhaled antibiotics and anti-inflammatory drugs have improved survival, but the other two main components of CF treatment are still physiotherapy (including sports) and nutrition. With these strategies the median survival is approximately 40 years in patients with CF. However, these therapies do not offer a cure of the disease and they mainly treat downstream complications of the pathophysiology of CF lung disease. The result is a continued high treatment burden for patients with CF and an associated limited compliance and adherence to drug. Nowadays Ivacaftor offers a causal approach in a small group of patients with the G551D mutation. In addition, new formulations such as dry powder for inhaled antibiotics or for airway clearance therapies such as mannitol may decrease treatment burden and increase adherence to drug. Great hope lies in the research of CFTR modulators especially for patients with the most common mutation F 508.

Key words: cystic fibrosis, causal therapy, antibiotic therapy, anti-inflammatory therapy, mucolytica

Arzneimitteltherapie 2013;31:80–8.



Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung
Dr. Stefan Fischer, Stuttgart
Tedizolid als Alternative zu Linezolid

Tedizolid ist Linezolid bei Behandlung akuter bakterieller Infektionen der Haut und der Weichgewebe nicht unterlegen. Dies zeigte eine randomisierte Doppelblindstudie mit 667 Probanden (ESTABLISH-1).



Referiert & kommentiert: Therapiehinweise
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Acetylsalicylsäure zur Prävention von vaskulären Ereignissen

Niedrig dosierte Acetylsalicylsäure führt nach einer Antikoagulationsbehandlung bei Patienten mit venösen Thromboembolien nicht zu einer signifikanten Reduktion von erneuten venösen Thromboembolien gegenüber Plazebo. Die Behandlung reduzierte allerdings signifikant die Kombination von venösen Thromboembolien und anderen vaskulären Ereignissen. Das sind die Ergebnisse der kanadischen ASPIRE-Studie mit 411 Patienten, die bereits eine venöse Thromboembolie oder Lungenembolie hatten.

 Mit einem Autorenkommentar von Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener



Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Einfluss auf die vaskuläre und nicht vaskuläre Sterblichkeit

In einer Metaanalyse neun großer randomisierter Plazebo-kontrollierter Studien verhinderte die Gabe von Acetylsalicylsäure in der Primärprävention tendenziell nichttödliche kardiovaskuläre Ereignisse, hatte aber keinen Einfluss auf tödliche kardiovaskuläre Ereignisse, Schlaganfälle und die Gesamtsterblichkeit. Bei sorgfältiger Güterabwägung zwischen potenziellem Nutzen und dem Risiko schwerwiegender Blutungskomplikationen ergab sich, dass Acetylsalicylsäure nicht in der Primärprävention eingesetzt werden sollte.

 Mit einem Autorenkommentar von Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener



Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Schwerwiegende Blutungen bei Antikoagulation mit Warfarin häufig

Eine große Kohortenstudie in Kanada zwischen 1997 und 2008 mit Patienten, die wegen Vorhofflimmern mit dem Vitamin-K-Antagonisten Warfarin behandelt wurden, zeigte eine jährliche Rate an schwerwiegenden Blutungskomplikationen von 3,8 %. Das Blutungsrisiko war zur Beginn der Behandlung am größten.

 Mit einem Autorenkommentar von Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener



Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Erhöhte postoperative Atemwegskomplikationen durch Muskelrelaxanzien

Der Einsatz intermediär wirksamer Muskelrelaxanzien während der Anästhesie scheint mit einem erhöhten Risiko für klinisch bedeutsame Atemwegskomplikationen verbunden zu sein. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie am Massachusetts General Hospital in Boston.



Dr. Dr. Tanja Neuvians, Ladenburg
Faktor-VIII-Produkte und Antikörperentwicklung

Kinder mit schwerer Hämophilie A (Bluterkrankheit) sind auf den Ersatz des Gerinnungsfaktors VIII angewiesen, um Blutungen zu vermeiden und Gelenkschäden vorzubeugen. Nicht wenige Betroffene entwickeln hemmende Antikörper, die eine weitere Behandlung erheblich erschweren. Die vorliegende Studie vergleicht verschiedene Faktor-VIII-Produkte und deren Einfluss auf die Antikörperentwicklung.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Tyrosinkinasehemmer bei schwer zu behandelnder AML

Eine neue zielgerichtete Monotherapie hat sich als sichere und effektive Option bei einer schwer zu behandelnden Subgruppe der akuten myeloischen Leukämie (AML) gezeigt. Die entsprechenden Daten wurden während der 54. Jahrestagung der American Society of Hematology (ASH) in Atlanta vorgestellt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Neuer Signalweg kann effektiv gehemmt werden

In zwei Studien wurde der orale Bruton’s-Tyrosinkinase-Inhibitor Ibrutinib bei der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) sowohl in der Erst- als auch der Zweitlinientherapie eingesetzt und führte auch bei Hochrisikopatienten zu sehr guten Ansprechraten und einer langen Therapiewirksamkeit bei akzeptabler Toxizität. Diese Studien wurden während der 54. Jahrestagung der amerikanischen Hämatologen (ASH) im Dezember 2012 in Atlanta vorgestellt. Optimisten titulierten Ibrutinib während der Tagung bereits als „das Imatinib der CLL“.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Überlebensvorteil mit Pomalidomid

Eine multizentrische randomisierte Phase-III-Studie (MM-003) bei Patienten mit stark vorbehandeltem, refraktärem oder rezidivierendem multiplem Myelom (MM) zeigte, dass eine Kombination aus Pomalidomid mit niedrig dosiertem Dexamethason zu einem signifikant längeren progressionsfreien und auch einem signifikant längeren Gesamtüberleben führt als eine Therapie mit hoch dosiertem Dexamethason. Die Daten wurden während der 54. Jahrestagung der American Society of Hematology im Dezember 2012 in Atlanta präsentiert.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Hämatokrit zum Therapieziel machen

Die anormal erhöhte Produktion roter Blutkörperchen bei der Polycythaemia vera (PC) führt zu einem erhöhten Risiko für thromboembolische und kardiovaskuläre Ereignisse. In einer randomisierten Studie konnte jetzt erstmals bewiesen werden, dass der Hämatokrit-Wert ein sinnvoller Zielparameter bei der Behandlung von Polycythaemia vera ist. Die Ergebnisse der zweiarmigen Studie wurden während der 54. Jahrestagung der American Society of Hematology im Dezember 2012 in Atlanta vorgestellt und gleichzeitig im New England Journal of Medicine veröffentlicht.



Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Riociguat verlängert die Sechs-Minuten-Gehstrecke

Die chronische thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) ist eine Erkrankung mit schlechter Prognose. Der bisherige Therapiestandard ist die chirurgische Therapie mittels pulmonaler Endarteriektomie. Riociguat ist der erste Vertreter einer neuen Wirkstoffklasse, nämlich der sGC-Stimulatoren. In dem Phase-III-Studienprogramm CHEST konnte Riociguat seine Wirksamkeit im Hinblick auf eine Verlängerung der Sechs-Minuten-Gehstrecke und Sicherheit unter Beweis stellen. Die Ergebnisse wurden im Rahmen eines Pressegesprächs der Firma Bayer auf der 57. Jahrestagung der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) vorgestellt.



Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Keine sinnvolle Option für Typ-2-Diabetiker

Die Kombination des Renin-Inhibitors Aliskiren mit einem Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten oder einem ACE(Angiotensin-Konversionsenzym)-Hemmer ist bei Typ-2-Diabetikern nicht indiziert, da sie nach den Ergebnissen der ALTITUDE-Studie keinen zusätzlichen Benefit bringt, sondern die Komplikationsrate und insbesondere das Hyperkaliämierisiko erhöht. Die Ergebnisse der Studie wurden im Rahmen eines von der Firma Novartis anlässlich der 36. Wissenschaftlichen Tagung der Deutschen Hochdruckliga e. V. veranstalteten Satellitensymposiums diskutiert.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau