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32. Jahrgang Heft 5 Mai 2014

Editorial
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen


Übersicht
Michaela Bengner und Bettina Schmitz, Berlin

Epilepsie ist eine häufige Erkrankung, die oft im oder bereits vor dem gebärfähigen Alter beginnt. Entgegen vieler Vorurteile bekommen die meisten Frauen mit Epilepsie gesunde Kinder, auch wenn sie während der Schwangerschaft Arzneimittel einnehmen müssen. Viele dieser Frauen haben aber Sorge, dass Anfälle oder die Antiepileptika dem ungeborenen Kind schaden könnten. Sie sind besonders angewiesen auf eine gute ärztliche Beratung. Die Schwangerschaft einer Frau mit Epilepsie sollte frühzeitig geplant werden, idealerweise sollte bereits bei der Ersteinstellung die Sicherheit des Arzneimittels in der Schwangerschaft überprüft werden, die Frau sollte darüber aufgeklärt sein. Günstige Arzneimittel sind Lamotrigin und Levetiracetam. Valproinsäure sollte möglichst vermieden werden, da es mit einer erhöhten Rate an kindlichen Fehlbildungen und auch mit kognitiven Einschränkungen der Kinder verbunden ist. Günstig ist zudem, nur einen Arzneistoff einzunehmen. Lamotrigin, Levetiracetam und Oxcarbazepin werden in der Schwangerschaft beschleunigt ausgeschieden. Deshalb sollte die Serumkonzentration dieser Arzneistoffe vor der Schwangerschaft bestimmt und dann in der Schwangerschaft regelmäßig kontrolliert werden. Häufig muss die Dosis erhöht werden um Anfälle zu vermeiden. Frauen, die Antiepileptika nehmen, sollten 5 mg Folsäure täglich bereits vor der Konzeption und bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche einnehmen. Den Frauen sollte zudem eine frühe Ultraschall-Feindiagnostik angeboten werden. Die Geburt sollte in der Regel als vaginale Entbindung unter üblicher, bedarfsadaptierter Schmerzmedikation geplant werden. Stillen ist möglich und empfohlen. Bei Lamotrigin, Levetiracetam und Oxcarbazepin sollte nach der Entbindung auf Überdosierungserscheinungen geachtet werden: Falls aufdosiert wurde, muss die Dosis nun häufig reduziert werden. Im Umgang mit dem Kind sollte auf Sicherheitsmaßnahmen geachtet werden.

Arzneimitteltherapie 2014;32:119–24.

Family planning and pregnancy in women with epilepsy

Epilepsy is a prevalent disease that often starts in or even before childbearing years. Despite common prejudices, most women with epilepsy bear healthy children despite being on anti-epileptic drugs during pregnancy. Many women with epilepsy worry about the impact of seizures or antiepileptic drugs on theirs childrens health. They need special counseling by their neurologist. A future pregnancy in women with epilepsy should be planned well ahead. Ideally even the safety of the very first drug regarding a pregnancy should be considered. Favorable drugs are lamotrigine and levetiracetam. Valproic acid should be avoided if possible as it is associated with a higher rate of fetal malformations and a lower intelligence quotient if taken during pregnancy. Furthermore the women should be on a monotherapy if possible. Excretion of lamotrigine, levetiacateam and oxcarbazepine is accelerated during pregnancy. Thus, blood levels of these drugs should be measured before pregnancy and monitored regularly during pregnancy. Often dosage has to be elevated to prevent seizures. Women on antiepileptic drugs should take 5 mg of folate daily, starting before conception and continued until the end of the 12. week of pregnancy. Women should be offered an early ultrasound.

Delivery should be planned as vaginal delivery with common analgesics on demand. Breast feeding is possible and recommended. After delivery, women on lamotrigine, levetiracetam or oxcarbazepine should be attentive for overdosage; if dose was elevated during pregnancy it often has to be reduced now. Basic safety measures should be regarded in childcare.

Key words: Epilepsy, family planning, pregnancy, anti-epileptic drugs, malformation



Joachim G. Schulz, Karim Hajjar, Bessime Bozkurt, Daniel Müller, Jana-Isabel Huhn, Johannes Brenck und Hans-Christoph Diener, Essen

Die systemische intravenöse Thrombolyse mit dem rekombinanten Tissue-type-Plasminogen-Activator ist für ein Zeitfenster bis 4,5 Stunden nach Beginn der Symptome eines ischämischen zerebralen Insults in Deutschland zugelassen und verbessert das klinische Outcome trotz erhöhtem Risiko für eine symptomatische intrakranielle Blutung. Das Blutungsrisiko kann mit Veränderungen in der zerebralen Computertomographie, Vorerkrankungen und gerinnungsaktiver Vormedikation nur bedingt abgeschätzt werden. Mit zunehmender Latenz zwischen Ereignis und Lysebeginn verringert sich der Nutzen ohne Zunahme des Blutungsrisikos. Die „Door-to-Needle-Time“ sollte nicht länger als 60 Minuten betragen. Eine Kombinationstherapie mit Glykoprotein-IIb/IIIa-Antagonisten oder Acetylsalicylsäure verschlechtert das Outcome. Die mögliche Wirksamkeit von neuen Thrombolytika wird derzeit in klinischen Studien getestet.

Arzneimitteltherapie 2014;32:125–32.

Thrombolysis in acute ischemic stroke

Systemic thrombolysis with recombinant tissue-type plasminogen activator is approved in Germany for a time window of 4.5 hours after ischemic stroke onset and improves clinical outcome despite increased risk for symptomatic intracranial bleeding. Estimation of bleeding risk with the help of cerebral computed tomography, medical history and prior coagulation-relevant medication is limited. The clinical benefit of thrombolysis decreases with increasing delay after symptom onset while bleeding risk remains constant. The door-to-needle time should be no longer than 60 minutes. Combination therapy with glycoprotein IIb/IIIa antagonists or acetylsalicylic acid worsens clinical outcome. Clinical trials evaluating the efficiency of novel thrombolytic agents are ongoing.

Key words: Ischemic stroke, thrombolysis, alteplase, bleeding



Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung
Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Anti-IL-6-Rezeptor-Antikörper Tocilizumab subkutan und intravenös vergleichbar wirksam

Bei Patienten mit mäßiger bis schwerer rheumatoider Arthritis, die auf andere krankheitsmodifizierende Antirheumatika nicht angesprochen hatten, reduzierte die einmal wöchentliche subkutane Injektion des humanisierten Anti-IL-6-Rezeptor-Antikörpers Tocilizumab Symptomatik und Krankheitsaktivität nicht schlechter als eine einmal monatliche intravenöse Tocilizumab-Infusion. Mit der neuen s. c. Formulierung des Antikörpers können Patienten sich ihre Injektionen selbst applizieren.



Dr. Claudia Bruhn, Schmölln
Ketamin als potenzielles Antidepressivum

Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Narkosemittel Ketamin, ein NMDA-Rezeptorantagonist, in subanästhetischen Dosen rasch antidepressiv wirkt und daher ein potenzielles neues Antidepressivum darstellt. Die Wirkungsmechanismen sind derzeit noch Gegenstand zahlreicher Tier- und Humanstudien, wie im Rahmen eines Symposiums auf dem DGPPN-Kongress in Berlin deutlich wurde.



Prof. Dr. Martin Storr, München
Ramosetron verbessert die Stuhlkonsistenz

Die symptomatische Therapie des Reizdarmsyndroms orientiert sich am Leitsymptom. Interessanterweise werden für viele Substanzen positive Effekte bei Frauen, nicht jedoch bei Männern, nachgewiesen. Dies liegt oft am Studiendesign. S. Fukudo et al. haben in einer multizentrischen, randomisierten, doppelt verblindeten, Plazebo-kontrollierten klinischen Studie, die im Journal Clinical Gastroenterology and Hepatology publiziert wurde, Ramosetron bei männlichen Patienten mit einem Diarrhö-betonten Reizdarmsyndrom untersucht und fanden, dass die Stuhlkonsistenz signifikant verbessert wird [1].

 Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Martin Storr



Referiert & kommentiert: Therapiehinweise
Prof. Dr. Eugen J. Verspohl, Münster
Lebensstil und Typ-2-Diabetes: Ein unerwartetes Ergebnis

In der Look-Ahead-Studie mit 5145 Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 wurde untersucht, ob eine intensive Lebensstiländerung, um einen Gewichtsverlust zu erzielen, zur Abnahme der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität führt. Die Anwort lautet leider nein. Andere Parameter, wie der Taillenumfang, HbA1c-Wert oder der systolische Blutdruck, konnten durch die Intervention alledings reduziert werden.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Chemotherapie-freie Behandlung möglich geworden

Im August 2013 erteilte die Europäische Arzneimittelagentur EMA Lapatinib die Zulassung für den Einsatz in Kombination mit Trastuzumab zur Behandlung von Patientinnen mit HER2-positivem, Hormonrezeptor-negativem metastasiertem Brustkrebs nach Progression auf eine Trastuzumab-Chemotherapie-Kombination. Der kombinierte zielgerichtete Ansatz wird als „vertikale duale Blockade“ bezeichnet, weil er sich gegen verschiedene Angriffspunkte des gleichen HER2-Rezeptors, die sich „ober-“ und „unterhalb“ der Zellmembran (vertikal) befinden, richtet. Die Daten, die zur Zulassung geführt hatten, wurden im Februar 2014 in Berlin während des 31. Deutschen Krebskongresses auf einer Pressekonferenz der Firma GlaxoSmithKline vorgestellt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Angiogenesehemmer Cediranib verlängert das Überleben

Bei Patientinnen mit Eierstockkrebs, die nach Chemotherapie einen Rückfall erlitten hatten, führte eine Therapie mit dem VEGF-Inhibitor Cediranib zu einer Verlängerung des progressionsfreien und Gesamtüberlebens. Das konnte in einer Phase-III-Studie, die während des europäischen Krebskongresses (ECCO, ESMO, ESTRO) in Amsterdam vorgestellt wurde, gezeigt werden.



Dr. Claudia Bruhn, Schmölln
Zielgerichtete Behandlung mit Vintafolid

Der konjugierte Wirkstoff Vintafolid, mit dessen Zulassung noch im Laufe dieses Jahres gerechnet wird, ist eine potenzielle neue Therapieoption für das Ovarialkarzinom. Sein Wirkprinzip und aktuelle Studienergebnisse wurden auf einem von MSD veranstalteten Symposium im Rahmen des diesjährigen Krebskongresses in Berlin vorgestellt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Patienten mit ungünstiger Prognose profitieren ganz besonders von Nintedanib

Im Oktober 2013 hat Boehringer Ingelheim bei der European Medicines Agency (EMA) die Zulassung für den 3-fach zielgerichteten Angiokinase-Inhibitor Nintedanib beantragt. Der Zulassungsantrag umfasst den Einsatz von Nintedanib in Kombination mit Docetaxel bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem, metastasiertem oder rezidiviertem Adenokarzinom der Lunge nach Versagen einer Erstlinien-Chemotherapie. Nintedanib ist seit fast zehn Jahren das erste Arzneimittel, das mit Überlebensvorteil die Therapieoptionen in der Zweitlinie des NSCLC erweitern kann. Die Daten der LUME-Lung 1 wurden in Lancet Oncology publiziert und im Februar 2014 auf einer Pressekonferenz von Boehringer Ingelheim während des Deutschen Krebskongresses vorgestellt.



Simone Reisdorf, Erfurt
Crizotinib auch nach Krankheitsprozess geben?

Der Tyrosinkinase-Inhibitor Crizotinib ist zugelassen „bei Erwachsenen zur Behandlung des vorbehandelten anaplastische-Lymphomkinase- (ALK-) positiven, fortgeschrittenen nichtkleinzelligen Bronchialkarzinoms“. Die Behandlung kann bis zur Erkrankungsprogression laufen, es kann aber auch „die Fortführung der Behandlung nach objektiver Krankheitsprogression … bei ausgewählten Patienten erwogen werden“. Wie dies praktisch umzusetzen ist, wurde auf dem Krebskongress in Berlin im Rahmen eines Symposiums der Firma Pfizer genauer erörtert.



Andrea Warpakowski, Itzstedt
Bei BRAF-Mutation längeres Überleben mit Dabrafenib

Mit der Einführung neuer zielgerichteter Substanzen und der Immuntherapie hat sich mittlerweile die Behandlungsmöglichkeit beim metastasierten, nicht operablen Melanom deutlich verbessert. Mit Dabrafenib steht für Patienten mit einer BRAF-V600-Mutation in dieser Situation ein BRAF-Inhibitor mit hohen Ansprechraten und vergleichsweise guter Verträglichkeit zur Verfügung. Was heutzutage mit der systemischen Therapie des metastasierten Melanoms erreicht werden kann, diskutierten Experten im Rahmen des deutschen Krebskongresses in Berlin auf einem Symposium des Unternehmens GlaxoSmithKline.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Individualisierung anstreben

Die deutsche CLL-Studiengruppe (DCCLSG) hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Studien initiiert, um Wirkung und Nebenwirkungen verschiedener Therapieprotokolle bei Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie zu erforschen. Eine der neuesten Studien ist die sogenannte CLL10-Studie, deren Interimsergebnisse während der Jahrestagung der American Society of Hematology (ASH) 2013 und im Februar 2014 während des Deutschen Krebskongresses in Berlin auf einer Pressekonferenz von Mundipharma vorgestellt wurden. Ihre Ergebnisse weisen auf ein Spannungsfeld zwischen Wirksamkeit und Verträglichkeit hin, was zu einer individualisierten Therapie führen sollte.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau