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32. Jahrgang Heft 6 Juni 2014

Editorial
Prof. Dr. med. Johann D. Ringe, Westdeutsches Osteoporose Zentrum (WOZ), Klinikum Leverkusen
Erhöhtes kardiovaskuläres Risiko?


Übersicht
Mark Obermann, Steffen Nägel, Jan Burmeister, Hans-Christoph Diener und Dagny Holle, Essen

Die Häufigkeit der chronischen Migräne liegt in Deutschland bei etwas über einem Prozent der Allgemeinbevölkerung. Der hiermit verbundene Leidensdruck der Patienten und Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung ist hoch. Häufig werden Patienten falsch oder zu spät behandelt, was eine weitere Chronifizierung der Erkrankung zulässt und begünstigt. Arzneimittelübergebrauch und hohes Körpergewicht sind wichtige Risikofaktoren für die Chronifizierung. Doch existieren zunehmend therapeutische Möglichkeiten für die chronische Migräne. Mehrere, große Plazebo-kontrollierte Studien zeigten eine gute Wirksamkeit von Botulinumtoxin A und Topiramat. Invasive Methoden der Neurostimulation wie die des Nervus occipitalis major oder des Ganglion sphenopalatinum werden das therapeutische Spektrum in naher Zukunft möglicherweise erweitern.

Schlüsselwörter: chronische Migräne, Arzneimittelübergebrauch, Botulinumtoxin A, Topiramat, Neurostimulation

Arzneimitteltherapie 2014;32:155–8.

Treatment of chronic migraine

The prevalence of chronic migraine in Germany is little over one percent in the general population. The associated burden of the disease and the utilization of medical care is enormous. Often patients are treated incorrectly or too late, which allows and favours the development of chronic disease. Especially, medication overuse and high body weight are important risk factors for chronicity. However, the therapeutic options are expanding. Several large clinical controlled trials have shown a good efficacy of botulinum toxin A and topiramate for the treatment of chronic migraine. Invasive methods of neurostimulation as the stimulation of the greater occipital nerve or the sphenopalatine ganglion may further broaden the therapeutic spectrum in the near future.

Key words: Chronic migraine, medication overuse, botulinumneurotoxin A, topiramate, neurostimulation



Stefan Knop, Würzburg
Standortbestimmung und Ausblick

Das multiple Myelom (MM) ist eine nach wie vor unheilbare maligne Plasmazellerkrankung. Therapiebedürftig ist sie, sobald assoziierte Symptome im Sinne von „Endorganschäden“ auftreten. Zahlreiche „neue Substanzen“ (Proteasomhemmer, immunmodulierende Substanzen) wurden im vergangenen Jahrzehnt eingeführt, was eine deutliche Prognoseverbesserung zur Folge hatte. Um eine möglichst hohe Ansprechrate zu erreichen (mit dem Ziel einer möglichst lang dauernden Krankheitskontrolle), werden Polychemotherapie, alternierende Gaben und das Prinzip der „kontinuierlichen Therapie“ eingesetzt. Unter allen Patienten mit Krankheitsrezidiv sind diejenigen mit extramedullärer Erkrankung (EMD) aktuell am schlechtesten behandelbar. Es bleibt abzuwarten, ob und wann genomische Analysen durch Nächstgenerations-Sequenzierung dazu führen, dass das Auf und Ab der unterschiedlichen Tumor-Subklone verstanden wird. Möglicherweise führen solche Technologien schließlich dazu, dass künftig auch für das Myelom echte „zielgerichtete Therapien“ entwickelt werden können. Bislang fehlen solche praktisch noch völlig.

Arzneimitteltherapie 2014;32:159–66.

The multiple myeloma - current view and perspectives

The multiple myeloma (MM) is still an incurable malignant plasma cell disease. Therapy is necessary, once symptoms of end organ damage occur. Numerous “new substances” (proteasome inhibitors, immunomodulatory substances) were introduced in the past decade, resulting in improved treatment results. Polychemotherapy, alternating drug applications and the principle of „continuous therapy“ are used to achieve a high response rate (with the aim of a long-lasting disease control). Among all patients those with extramedullary disease (EMD) are currently the most difficult treatable patients. It remains to be seen whether and when genomic analyses by next generation sequencing will yield to an understanding of the ups and downs of various tumor subclones. Maybe such technologies result in the development of real targeted therapies for myeloma in the future. To date, such therapies are not available.



Klinische Studie
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Neue Option Candesartan

In einer Plazebo-kontrollierten, Cross-over-Studie war der Angiotensin-II-Rezeptorantagonist Candesartan in der Prophylaxe der Migräne vergleichbar wirksam wie Propranolol und besser wirksam als Plazebo.

 Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener



Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung
Dr. Iris Hinneburg, Halle (Saale)
Romosozumab erhöht Knochendichte

In einer Phase-II-Studie wurde der Effekt des monoklonalen Antikörpers Romosozumab auf die Knochendichte bei postmenopausalen Frauen untersucht. Der Arzneistoff bietet möglicherweise ein neues Wirkprinzip bei Osteoporose.



Referiert & kommentiert: Therapiehinweise
Dr. Iris Hinneburg, Halle (Saale)
Nutzen einer Vitamin-D-Supplementierung weiter unklar

Nach den Ergebnissen einer Metaanalyse gehen niedrige Vitamin-D-Spiegel in Beobachtungsstudien mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Obwohl die Analyse von Daten aus randomisierten kontrollierten Studien mit Vitamin D3 eine kleine Reduktion der Mortalität zeigte, warnen Forscher vor voreiligen Schlussfolgerungen.



Dr. Iris Hinneburg, Halle (Saale)
Makrolide und Pylorusstenosen bei Neugeborenen

In einer dänischen Kohortenstudie auf der Basis von Registerdaten stieg das Risiko für eine Pylorusstenose um den Faktor 30, wenn Neugeborene in den ersten beiden Lebenswochen mit einem Makrolid-Antibiotikum behandelt wurden.



Simone Reisdorf, Erfurt
Pregabalin ist wirksam und verursacht weniger Augmentationen

Zugelassen ist Pregabalin bisher zur Therapie neuropathischer Schmerzen, generalisierter Angststörungen und bestimmter epileptischer Anfälle. Dass es auch beim Restless-Legs-Syndrom wirkt, zeigt eine aktuelle Studie. Dabei unterscheiden sich unerwünschte Wirkungen und Augmentationsrate bei Pregabalin von den unerwünschten Wirkungen klassischer Anti-Restless-Legs-Arzneimittel wie Pramipexol.

 Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen



Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Kann eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern wieder begonnen werden?

Bei Patienten mit Vorhofflimmern, die eine Basalganglienblutung erlitten haben, und hohem Risiko für einen ischämischen Insult kann erwogen werden, nach einem Sicherheitsabstand von 10 Wochen, eine orale Antikoagulation erneut durchzuführen.

 Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener



Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen
Orale Antikoagulation vs. Thrombozytenfunktionshemmer zur Schlaganfallprävention

Das Risiko von Tod, Herzinfarkt, Hospitalisierung aufgrund von Herzversagen und intrakraniellen Blutungen unterscheidet sich bei Patienten mit Herzinsuffizienz und Sinusrhythmus nicht zwischen einer oralen Antikoagulation mit Warfarin und einer Behandlung mit Thrombozytenfunktionshemmern. Warfarin reduziert zwar das Risiko für einen ischämischen Insult, führt aber zu mehr schwerwiegenden Blutungen.

 Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Was bringt eine Albuminsubstitution?

Die Gabe von Albumin zusätzlich zu kristalloider Salzlösung zur Korrektur einer Hypoalbuminämie bei Patienten mit schwerer Sepsis auf der Intensivstation hat keinen Effekt auf das Überleben nach 28 und nach 90 Tagen. Dies ergab die offene ALBIOS-Studie (Albumin Italian Outcome Sepsis), die in 100 italienischen Zentren mit über 1800 Patienten durchgeführt wurde.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Michael Koczorek, Bremen
EUROMAX-Studie bestätigt Nutzen von Bivalirudin bei Patienten mit STEMI

Die antithrombotische Akuttherapie des ST-Hebungsinfarkts (STEMI) mit Bivalirudin ist der aktuellen präklinischen Standardtherapie mit unfraktioniertem Heparin überlegen. Sie reduzierte in der EUROMAX-Studie den primären kombinierten Endpunkt aus Tod und schweren, nicht Bypass-bedingten Blutungen signifikant. Damit bestätigen die 30-Tagesdaten der Studie die Vorgängerstudie HORIZONS-AMI und zeigen, dass die Ergebnisse auch auf die heutige präklinische Therapie übertragbar sind. Die Ergebnisse wurden im Rahmen der 80. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) auf einem Symposium der Medicines Company in Mannheim vorgestellt.



Abdol A. Ameri, Weidenstetten
Neue Therapieoption mit Anti-IgE-Antikörper

Wenn unter einer Standardtherapie der chronischen spontanen Urtikaria mit H1-Antihistaminika – auch in bis zu vierfach erhöhter Dosierung – keine zufriedenstellende Reduktion von Quaddeln und Schwellung erreicht wird, steht mit Omalizumab eine neue Behandlungsoption zur Verfügung. Der bereits für die Zusatztherapie beim allergischen Asthma bronchiale zugelassene rekombinante humanisierte monoklonale Anti-IgE-Antikörper hat in einem umfangreichen Studienprogramm eine schnelle und ausgeprägte Abnahme der Urtikaria-Symptome gezeigt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Bemerkenswerte Fortschritte bei der Stammzelltransplantation

Die hämatopoetische Stammzelltransplantation (HSCT), die in den Anfängen den Ruf einer zwar effektiven, jedoch riskanten Alternative zur Arzneimitteltherapie bei Leukämie hatte, hat dank deutlicher Fortschritte bei Transplantations-Strategien und besseren Technologien wieder einen gangbaren Stellenwert für viele Patienten eingenommen. Einige dieser Fortschritte für bestimmte, auch Hochrisiko-Patienten wurden während der Jahrestagung der amerikanischen Hämatologen (ASH) im Dezember 2013 in New Orleans vorgestellt.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Erste Wahl bei Krebspatienten mit Thromboembolien

Zur Therapie und Prophylaxe von venösen Thromboembolien (VTE) bei Tumorpatienten werden derzeit in allen Leitlinien niedermolekulare Heparine (NMH) wie Tinzaparin (innohep®) empfohlen. Hierzu vorliegende und laufende Studien wurden beim 2. Onkologischen LEO-Experten-Meeting Ende März 2014 in Frankfurt diskutiert.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Ist die Zeit reif für die Wiedereinführung von Gemtuzumab-Ozogamicin?

Das Antikörperkonjugat Gemtuzumab-Ozogamicin (GO) hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich (Kasten). Seit der Marktrücknahme gibt es immer wieder klinische Studien, die darauf hinweisen, dass es für bestimmte Sonderfälle der akuten myeloischen Leukämie (AML) durchaus eine Berechtigung für eine Wiedereinführung geben könnte. Die Ergebnisse einer solchen Studie, die den Einsatz des Antikörperkonjugats bei Kindern mit neu aufgetretener AML testete, wurde während der Jahrestagung der amerikanischen Hämatologen (ASH) im Dezember 2013 in New Orleans vorgestellt.



Dr. Annette Junker, Wermelskirchen
Vergleich zwischen Rituximab und Obinutuzumab

Die Kombination aus Rituximab und Chemotherapie gehört zu einem der Standards in der Erstlinienbehandlung der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL). Auch wenn Rituximab ein effektiver Anti-CD20-Antikörper ist, so bleibt festzuhalten, dass er bei CLL nicht so effektiv ist wie bei einigen anderen Neoplasien. Außerdem ist die Kombination aus Rituximab und der dazu oft verwendeten Chemotherapie Fludarabin/Cyclophosphamid speziell für die oft älteren Patienten mit CLL recht toxisch. Eine Alternative besonders für diese Patienten und solche mit Komorbiditäten könnte der neue Anti-CD20-Antikörper Obinutuzumab (GA101) in Kombination mit dem weniger toxischen Chlorambucil als Chemotherapie-Komponente sein. Die Ergebnisse einer Interimsanalyse einer Phase-III-Studie, die seinen Einsatz mit einer Rituximab-Behandlung verglich, wurde während des amerikanischen Hämatologie-Kongresses (ASH) im Dezember 2013 vorgestellt [1, 2].



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau