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32. Jahrgang Heft 9 September 2014

Editorial
Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg
Kontroversen sind der Vater des Fortschritts


Übersicht
Kerstin Hellwig, Robert Höpner und Ralf Gold, Bochum
Prävention, Diagnose und Therapie

Natalizumab ist, als monoklonaler Antikörper gegen VLA 4, seit 2006 in der Behandlung der hochaktiven multiplen Sklerose in Deutschland zugelassen. Die Behandlung mit Natalizumab kann zu einer beeindruckenden Reduktion der Krankheitsaktivität führen. Natalizumab ist generell gut verträglich, durch die vierwöchigen intravenösen Applikationsintervalle ist die Adhärenz in der Regel ebenfalls sehr gut. Die schwerste unerwünschte Wirkung unter der Therapie ist das Auftreten einer seltenen opportunistischen Gehirninfektion, der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Risikofaktoren für die Entwicklung einer PML sind die Behandlung länger als zwei Jahre, immunsuppressive Vortherapien und der Nachweis eines positiven JC-Virus-Antikörperstatus.

Arzneimitteltherapie 2014;32:227–32.

Progressive multifocal leukoencephalopathy during therapy with natalizumab: prevention, diagnosis, treatment

Natalizumab is a monoclonal antibody against VLA4, which is authorized in Germany for the treatment of multiple sclerosis since 2006. Treatment with Natalizumab may lead to an impressive reduction of disease activity. natalizumab is overall well tolerated. Due to the 4-weekly application intervals adherence is also very good. The most severe adverse effect during therapy is the incidence of a rare opportunistic brain infection: progressive multifocal leukoencephalopathy (PML). Risk factors for the development of a PML are treatment longer than two years, immunosuppressive previous treatments and antibodies against the JC virus.

Key words: Progressive multifocal leukoencephalopathy, PML, JC virus, prevention, diagnosis, treatment, natalizumab



Nadine Gilbert und Alfred Hager, München
Aktualisierte Therapieempfehlungen

Geänderte Lebensbedingungen, die zunehmend zu körperlicher Inaktivität und Übergewicht führen, sind vermutlich die Hauptursache für die Etablierung von Risikofaktoren für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, die bis vor einiger Zeit hauptsächlich bei älteren Menschen anzutreffen waren. Ein erhöhter Body-Mass-Index ist längerfristig ein wesentlicher Risikofaktor für eine primäre arterielle Hypertension im Kindes- und Jugendalter, denn er ist zugleich verantwortlich für strukturelle und funktionelle Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems. Ein grobes Screening auf Endorganschäden ist notwendig. Es stehen aber zunehmend neue Methoden zur Verfügung, deren Stellenwert noch Inhalt der aktuellen Forschung ist. Therapeutische Optionen sind Allgemeinmaßnahmen wie Gewichtsreduktion und regelmäßige körperliche Aktivität. Darüber hinaus sollte auch bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig mit einer medikamentösen Therapie begonnen werden, um den Zeitpunkt der Reversibilität von Endorganschäden nicht zu verpassen. Zu Beginn der Therapie ist je nach Patientenprofil eine Monotherapie mit einem Arzneimittel aus der Gruppe der ACE-Hemmer, AT1-Rezeptor-Antagonisten, Calciumkanalblocker oder Betablocker auszuwählen. Häufig kann allerdings der Blutdruck mit einer Monotherapie nicht in den Zielbereich eingestellt werden, sodass auf eine Kombinationstherapie übergegangen werden muss. Formen der sekundären arteriellen Hypertension mit endokrinologischer oder nephrologischer Ursache müssen ursachenspezifisch behandelt werden.

Arzneimitteltherapie 2014;32:234–44.

Treatment of arterial hypertension in children and adolescents – Update of therapeutic options

Changing living conditions, which lead to physical inactivity and obesity, are probably the main reason for the establishment of risk factors for cardiovascular diseases in children and adolescents. In the past those risk factors were typically seen only in the elderly. On long-term, the elevated body-mass-index is a very important risk factor for primary arterial hypertension in children and adolescents, because it is responsible for both structural and functional changes in the cardiovascular system. Regular screening for these target organ damages is necessary. However, the role of newer methods has still to be proven in current research. The primary therapeutical options for this group are life style interventions like body weight control and physical activity. Children and adolescents with arterial hypertension persisting despite life style interventions should receive medication early, in order to prevent persistent target organ damage. Drug therapy should start as mono therapy – depending on patient profile – with one ACE inhibitor, angiotensin II receptor antagonist, calcium channel blocker or beta-blocker. If blood pressure cannot be reduced into the target area by mono therapy, combination therapy with different mechanisms should be started. Forms of secondary arterial hypertension have to be treated according to the primary disease.

Key words: cardiovascular risk factors and diseases, body mass index, primary and secondary arterial hypertension, mono therapy and combination therapy, failing therapy

Zu diesem Artikel existiert ein Korrekturhinweis.



Klinische Studie
Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Angiotensin-II-Typ-2-Rezeptorantagonist EMA401 als Analgetikum

Der Angiotensin-II-Typ-2-Rezeptorantagonist EMA401 lindert Schmerzen bei Patienten mit postherpetischer Neuralgie besser als Plazebo. Dies ergab eine multizentrische, randomisierte Phase-II-Studie. Erstmals konnte damit die klinische Wirkung eines Angiotensin-II-Typ-2-Rezeptorantagonisten nachgewiesen werden.



Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung
Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Dupilumab bessert Symptomatik rasch und deutlich

Der humane monoklonale Interleukin-4-Antikörper Dupilumab verbessert die Symptome einer atopischen Dermatitis rasch und deutlich. Dies ergaben vier randomisierte, doppelblinde, Plazebo-kontrollierte Studien der Phase I und II.



Referiert & kommentiert: Therapiehinweise
Iris Hinneburg, Halle (Saale)
Pankreatitis-Risiko bei Inkretin-basierten Therapien evaluiert

Zwei aktuelle Studien haben kein erhöhtes Risiko für eine akute Pankreatitis beim Einsatz von Agonisten am Glucagon-like-Peptide-1(GLP-1)-Rezeptor und Inhibitoren der Dipeptidylpeptidase 4 (DPP-4) bei Diabetes mellitus Typ 2 feststellen können. Für eine umfassende Entwarnung reichen die Daten vermutlich aber nicht aus.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Erhöhen Biologika das Risiko opportunistischer Infektionen?

Rheumapatienten, die mit Biologika behandelt werden, haben ein leicht, jedoch signifikant erhöhtes Risiko, an einer opportunistischen Infektion wie einer Tuberkulose oder einer Virusinfektion zu erkranken. Dies ergab eine große Metaanalyse mit den Daten von 70 Studien und über 32 000 Patienten.



Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Infliximab zur Intensivierung der Primärtherapie geeignet?

Der Zusatz von Infliximab zur Primärbehandlung des akuten Kawasaki-Syndroms konnte die Therapieresistenz während einer Phase-III-Studie nicht senken. Jedoch war der Tumornekrosefaktor-alpha(TNF-α)-Blocker gut verträglich und reduzierte die Fieberdauer, einige Entzündungsmarker, den Z-Score für die linke vordere absteigende Koronararterie sowie Reaktionen auf intravenöse Immunglobulin-Gaben.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Überlebensvorteil durch Gemtuzumab Ozogamicin?

Wird Gemtuzumab Ozogamicin zusätzlich zu einer konventionellen Induktionstherapie bei Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) ohne ungünstige zytogenetische Charakteristika eingesetzt, ergibt sich ein signifikanter Überlebensvorteil. Dies ergab eine Metaanalyse mit den Daten von 3325 erwachsenen Patienten aus fünf randomisierten Studien [1].



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Simone Reisdorf, Erfurt
Einziges zugelassenes Arzneimittel gegen Gefäßmissbildungen bei Säuglingen

Für therapiebedürftige Hämangiome bei Säuglingen gibt es jetzt erstmals ein zugelassenes Arzneimittel. Das Präparat enthält Propranolol-Hydrochlorid und hat in einer Zulassungsstudie bei 60 % der Kinder eine (fast) vollständige Abheilung der Läsion bewirkt. Die Ergebnisse wurden auf einer Pressekonferenz von Pierre Fabre vorgestellt.



Michael Koczorek, Bremen
Integrin-α4β7-Antagonist als erstes darmselektives Biologikum zugelassen

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) sprechen auf konventionelle Therapien oder Tumornekrosefaktor-alpha(TNF-α)-Blocker häufig unzureichend oder im Verlauf der Erkrankung nicht mehr an. Für diese Patienten ist mit Vedolizumab (Entyvio®) seit Juli eine neue Therapieoption verfügbar. Der monoklonale Antikörper bindet selektiv an das α4β7-Integrin auf aktivierten Lymphozyten und verhindert die Adhäsion der Lymphozyten am Gefäßendothel und die nachfolgende Migration ins Darmgewebe, sodass die lokale Entzündung eingedämmt wird. Daten der Zulassungsstudien wurden bei einer Pressekonferenz der Takeda GmbH im Juni in Berlin vorgestellt.



Simone Reisdorf, Erfurt
Anti-IL-17A-Antikörper in der Pipeline

Patienten mit moderater bis schwerer Plaque-Psoriasis (Schuppenflechte) profitieren von der Therapie mit Secukinumab, einem monoklonalen Antikörper gegen Interleukin-17A (IL-17A). Secukinumab wirkt rasch und anhaltend gegen Juckreiz, Schuppung und Schmerz. Die meisten Patienten erreichen damit eine mindestens 75%ige Besserung. Aktuelle Daten wurden auf einer Pressekonferenz in Frankfurt/Main, im Nachgang zur Jahrestagung der American Academy of Dermatology (AAD) im März 2014 in Denver, präsentiert und diskutiert.



Dr. Tanja Saußele, Stuttgart
PCSK9-Inhibitoren: Neuer Therapieansatz zur Cholesterolsenkung

Inhibitoren der Proproteinkonvertase Subtilisin/Kexin Typ 9 (PCSK9) stellen ein neues Therapieprinzip bei Hyperlipidämie dar. Evolocumab und Alirocumab sind monoklonale Antikörper, die in Phase-II- als auch in Phase-III-Studien vielversprechende Ergebnisse gezeigt haben. Die Wirksamkeit und Sicherheit von Evolocumab wurden im Rahmen eines Symposiums der Firma Amgen im April 2014 auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim vorgestellt.

 Mit einem Kommentar von Dr. Tanja Saußele, Stuttgart



Simone Reisdorf, Erfurt
Insulin glargin U300 in Phase-III-Studien erfolgreich

Das Phase-IIIa-Studienprogramm EDITION zu Insulin glargin U300 ist noch nicht abgeschlossen. Es liegen aber bereits vielversprechende Daten aus allen sechs Studien vor. Diese wurden auf dem diesjährigen Kongress der American Diabetes Association (ADA) in San Francisco (USA) vorgestellt. Ein wichtiger Vorteil von Insulin glargin U300 ist seine geringere Hypoglykämierate, vor allem nachts und zu Therapiebeginn.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
PD1-Antikörper Pembrolizumab erzielt lang anhaltendes Ansprechen

Die Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Melanom mit dem PD1-Antikörper Pembrolizumab (MK-3475, früher Lambrolizumab) führte bei einem hohen Prozentsatz zu einem lang anhaltenden Ansprechen, das bei 88 % der Patienten derzeit noch besteht. 69 % der Patienten überlebten ein Jahr, so die Ergebnisse der großen Phase-I-Studie KEYNOTE-001, die beim ASCO Annual Meeting 2014 in Chicago vorgestellt wurden.



Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Chemotherapie plus Bevacizumab oder Cetuximab: 29 Monate Überlebenszeit

Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom und KRAS-Wildtyp erreichen bei der Erstlinientherapie mit dem Angiogenesehemmer Bevacizumab und dem Tyrosinkinase-Inhibitor Cetuximab jeweils zusammen mit Chemotherapie (FOLFIRI oder FOLFOX) ein ähnliches Gesamtüberleben von etwa 29 Monaten, so die beim ASCO vorgestellten Ergebnisse der CALGB/SWOG-80405-Studie.



Dr. Matthias Herrmann, Berlin
Therapie ist Marathon und Sprint zugleich

Ebenso wie für einen Marathon gilt auch für die Behandlung der schubförmigen multiplen Sklerose (RRMS): die Kräfte einteilen und das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität darf der Einstieg aber auch nicht zu gemächlich erfolgen, da weiterhin auftretende Schübe die Adhärenz gefährden können. Erforderlich ist dann ein „Sprint“, etwa durch die frühzeitige Ein- oder Umstellung auf Fingolimod, das sich anschließend auch für die „lange Distanz“ eignet. Die Daten wurden auf einer von Novartis veranstalteten Pressekonferenz im Juni in Berlin vorgestellt.



Dr. Claudia Bruhn, Schmölln
Einfluss von Cannabisextrakt auf Kognition und Fahrtüchtigkeit

Zwei aktuelle Studien haben ergeben, dass sowohl die Kognition als auch die Fahrtüchtigkeit nicht beeinträchtigt sind, wenn ein Cannabinoid-haltiges Oromukosalspray (Sativex®) als Add-on bei zuvor medikamentös unzureichend behandelter mittelschwerer bis schwerer Spastik angewendet wird. Dies wurde auf einem von der Firma Almirall veranstalteten Pressegespräch mitgeteilt.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau