Das Aus für die Positivliste: Ein Sieg der Vernunft!


Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Bei der wissenschaftlichen Beurteilung der Positivliste wurde immer wieder ein bestimmtes Medikament in den Mund genommen (natürlich im übertragenen Sinne!), dessen Nennung für einen kultivierten Menschen nur mit Hilfe der lateinischen Sprache überhaupt möglich ist. Die Rede ist vom „anus bovis“, auf gut Deutsch: Kuharsch, von den einen vornehm als Organotherapie gepriesen, von den anderen in ordinärer Weise als Dreckapotheke verschmäht. Nach dem aktuellen gesundheitspolitischen Sachverstand schien es sich aber in der Tat um ein unverzichtbares Medikament zu handeln. Wie mir zugetragen wurde, wird es sogar als De-luxe-Präparat – also für Privatpatienten – angeboten, nämlich als „anus bovis aureum“. Sicherlich ein krasses Beispiel für eine nicht hinnehmbare Zwei-Klassen-Medizin!

Auf der Suche nach der Indikation

Mangels eigener Erfahrungen mit diesem Medikament – ich könnte mich eines gewissen Unbehagens, das mich bei seiner Anwendung überkäme, auch nicht erwehren – habe ich mich zunächst mit Hilfe der Roten Liste auf die Suche nach den geeigneten Indikationen für dieses sicher interessante Therapieprinzip gemacht. Hier bin ich allerdings nicht fündig geworden. Auch eine Befragung im Kollegenkreis brachte mich nicht wesentlich weiter. Ein befreundeter Chirurg antwortete gar: „Keine Ahnung, mit Phytopharmaka kenne ich mich nicht aus!“ Er mag wohl weniger an das zu therapeutischen Zwecken eingesetzte tierische Organ selbst, als vielmehr an den vegetarischen Inhalt desselben gedacht haben; denn Rindviecher sind ja bekanntlich Pflanzenfresser. Vielleicht liegt ja gerade in diesem phytopharmakologischen Milieu des Anus die vermeintliche Wirksamkeit. Der Schließmuskel selbst wäre also nur die organische Verpackung, sprich Galenik des Ganzen. Diese Zusammenhänge zu erkennen, ist ja nicht immer einfach, oder wussten Sie etwa, dass es sich bei dem als Laxans eingesetzten „Flohsamen“ um ein pflanzliches und nicht um ein tierisches Produkt handelt?

Selbstreferentialität auch für die Politik

Zurück zum eigentlichen Thema! Anus bovis ist, so die offizielle politische Aussage, ein Medikament der besonderen Therapieart und dabei gilt – dies ist sogar gesetzlich verbrieft – das Prinzip der Selbstreferentialität, also der Binnenanerkennung. Die mit diesen Substanzen Behandelnden können also selbst darüber befinden, ob die eingesetzte Substanz wirksam ist. So kann das ganze Füllhorn an unwirksamen, absurden, exotischen und phantasievollen alternativen Heilungsmethoden zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung über die Patienten ausgeschüttet werden; denn solche Substanzen sind von der strengen wissenschaftlichen Beurteilung ausgenommen. So könnten auch tibetanische Klangtrommeln oder meditatives Ikebana durchaus von den Krankenkassen finanziert werden, wenn es einigen Patienten irgendwann einmal gut getan hat. Warum soll allerdings das Prinzip der Selbstreferentialität nur für die Medizin und nicht auch für die Politik gelten? So könnte doch vielleicht ein Geschwader mit fliegenden Teppichen die teure Entwicklung moderner Kampfflugzeuge überflüssig machen; denn es gibt sicherlich alternative Verteidigungsexperten, die an fliegende Teppiche glauben.

Bei welchen Patienten sollte nun aber „anus bovis“ eingesetzt werden? Ich empfehle, sich hierbei ganz einfach an den allgemein gültigen Behandlungsgrundsatz der Homöopathie zu halten: similia similibus curantur!

Arzneimitteltherapie 2003; 21(09)