Multiple Sklerose

BENEFIT-Studie: Krankheitsverzögerung durch frühzeitige Therapie mit Interferon beta-1b


Dr. Tanja Saußele, Stuttgart

Eine frühzeitige Behandlung mit Interferon beta-1b bereits nach einem ersten klinischen Multiple-Sklerose(MS)-Schub senkt sowohl das Risiko für das Auftreten eines zweiten MS-Schubs, und damit einer klinisch gesicherten MS, als auch das Risiko für bleibende körperliche Behinderungen. Das bestätigten die Ergebnisse der 5-Jahres-Daten der BENEFIT-Studie, die auf einer Pressekonferenz der Firma Bayer Vital GmbH im November 2008 in Leverkusen vorgestellt wurden.

Bisheriger Therapiestandard war es, bei Patienten eine Therapie der multiplen Sklerose (MS) dann zu beginnen, wenn viele Entzündungsherde im ZNS vorhanden waren. Die Diagnose wurde mithilfe von klinischen Symptomen, Magnetresonanztomographie (Gadolinium[Gd]-positive Läsionen) und histologischen Befunden (axonale Schädigung) gestellt.

2001 wurden die McDonald-Kriterien eingeführt, nach denen eine multiple Sklerose bereits dann diagnostiziert werden kann, wenn 31 Tage nach dem ersten Schub neue Herde bei Kernspin-Untersuchungen aufgetreten sind. Zu Beginn der Erkrankung sind die Schäden an den Axonen und Neuronen am größten. Die Plastizität des Gehirns ist jedoch so hoch, dass diese Schäden anfangs noch kompensiert werden können und entsprechende Beeinträchtigungen im täglichen Leben erst später auftreten.

BENEFIT-Studie

Dass eine frühzeitige Therapie mit Interferon beta-1b das Fortschreiten der Erkrankung im Vergleich mit einer Plazebo-Behandlung hinauszögern kann, wurde bereits in einer Zwichenauswertung der BENEFIT-Studie (Betaseron®/Betaferon® in newly emerging MS for initial treatment) ein Jahr nach einer zweijährigen Plazebo-kontrollierten und randomisierten Behandlungsphase gezeigt.

Studiendesign

In die Studie wurden 468 Patienten mit Verdacht auf MS nach einem ersten klinischen Schub eingeschlossen. Die Patienten wurden entweder jeden zweiten Tag mit 250 µg Interferon beta-1b subkutan (n=292) oder Plazebo (n=176) behandelt. Die Plazebo-kontrollierte Behandlung erfolgte über einen Zeitraum von zwei Jahren oder bis zum Auftreten einer klinisch gesicherten MS (CDMS). Im Anschluss konnten die Patienten an einer Nachbeobachtungsstudie mit Interferon beta-1b teilnehmen; so konnte der Langzeitverlauf der Erkrankung über fünf Jahre bei insgesamt 358 Patienten untersucht werden.

Studienergebnissse

Die mittlere Behandlungsdauer mit Interferon beta-1b betrug bei früher Behandlung ungefähr fünf Jahre und bei verzögerter Behandlung zwei Jahre und neun Monate.

In Übereinstimmung mit den 3-Jahresergebnissen der BENEFIT-Studie konnte durch eine frühzeitige Therapie mit Inteferon beta-1b im Vergleich zu einer Plazebo-Behandlung der Anteil der Patienten mit einer klinisch gesicherten MS über einen Zeitraum von fünf Jahren von 57% auf 46% gesenkt werden (p=0,003; Hazard-Ratio [HR] 0,63) (Abb. 1). Eine klinisch gesicherte MS konnte bei den Patienten mit der frühzeitigen Interferon-β-Therapie um 750 Tage hinausgezögert werden.

Abb. 1. Zeit bis zum Auftreten einer klinisch gesicherten MS. Zur absoluten Bestimmung des Unterschieds [d] wurde die 40. Perzentile gewählt, damit ein Vergleich der Daten in beiden Gruppen möglich war.

Auch das Risiko bleibender körperlicher Behinderungen, bestimmt mit der EDS-Skala (Expanded disability status), konnte durch eine frühzeitige Behandlung im Vergleich mit einer späteren Behandlung um 24% gesenkt werden, erreichte jedoch keine Signifikanz. Der Anteil der Patienten mit einer MS nach den McDonald-Kriterien war in der frühen Behandlungsgruppe im Vergleich mit der verzögerten Behandlungsgruppe über den 5-Jahreszeitraum ebenfalls reduziert (89% vs. 81%; p<0,0001; HR 0,55). Die Zahl aktiver Läsionen im MRT (neue oder vergößerte T2-Läsionen und Gd-positive Läsionen) waren ebenso signifikant reduziert (p=0,0062). Die kognitiven Leistungen, die mit einem Additionstest (PASAT) bestimmt wurden, waren in der frühen Behandlungsgruppe signifikant erhöht im Vergleich mit der späten Behandlungsgruppe (p=0,0045).

Das Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil von Interferon beta-1b stimmte mit dem bislang bekannten überein. Auch die Häufigkeit schwerer unerwünschter Arzneimittelwirkungen unterschied sich in den beiden Behandlungsgruppen nicht.

Fazit

Die 5-Jahres-Daten der BENEFIT-Studie zeigen, dass eine frühzeitige MS-Therapie mit Interferon beta-1b nach dem Auftreten eines ersten Ereignisses und vor der Diagnose einer klinisch gesicherten MS sowohl das Auftreten der klinisch gesicherten MS als auch die Progression der Erkrankung verzögern kann. Diese Vorgehensweise einer frühzeitigen Behandlung mit Interferon beta-1b sollte daher Einzug in die MS-Therapie finden, denn ungefähr 80 bis 90% der Patienten mit einem Symptom einer MS entwickeln eine klinisch gesicherte MS.

Quelle

Prof. Dr. Mark Freedman, Ottawa, Kanada, Prof. Dr. Ralf Gold, Bochum. Pressekonferenz „BENEFIT- Studie 5-Jahresdaten. Neuer Kurs in der MS-Frühtherapie“. Leverkusen, 12. November 2008, veranstaltet von Bayer Vital GmbH.

Arzneimitteltherapie 2009; 27(07)