Multiple Sklerose

Intramuskuläres Interferon beta-1a: frühe Therapie modifiziert den Krankheitsverlauf


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen

Eine früh einsetzende Behandlung kann den natürlichen Verlauf der multiplen Sklerose (MS) verlangsamen. Dies wurde für intramuskulär appliziertes Interferon beta-1a (Avonex®) in verschiedenen Studien nachgewiesen. Die aktuelle Datenlage wurde im Rahmen des World Congress on Treatment and Research in Multiple Sclerosis in Montreal (Kanada) im September 2008 auf einem von der Firma Biogen-Idec veranstalteten Satellitensymposium präsentiert.

Interferon beta-1a (i.m.) ist lange bewährt in der Behandlung der multiplen Sklerose. Es

  • reduziert die Entzündungsreaktion,
  • verhindert Schäden an der Blut-Hirn-Schranke und
  • begünstigt möglicherweise Schutz und Reparatur von Neuronen.

Indiziert ist Interferon beta-1a bei Patienten mit schubförmiger MS sowie bei Patienten nach einmaligem demyelinisierenden Ereignis mit entzündlichem Prozess.

Interferon beta-1a verringerte das Risiko, innerhalb von drei Jahren an einer klinisch manifesten MS zu erkranken im Vergleich zu Plazebo um 51% (p<0,001). Bei Patienten mit hohem Risiko (≥9 T2-Läsionen und 1 Gadolinium-anreichernde [Gd+] Läsion) wurde das Risiko sogar um 66% gesenkt (p=0,001). Fünf-Jahres-Daten zeigen eine relative Risikosenkung um 43% (p=0,008).

Die Schubrate wurde durch die Therapie mit Interferon beta-1a im Vergleich zu Plazebo reduziert:

  • Um 52% (p=0,004) in den ersten zwei Jahren der Behandlung
  • Um 47% (p=0,02) bei fünf Jahren Behandlung

Es verringerte T1-Veränderungen und Hirnatrophie um 68 bzw. 55% und das Risiko einer anhaltenden Behinderungsprogression um 37%.

Kognitive Funktion

Bis zu 65% der Patienten mit MS leiden an einer kognitiven Dysfunktion, wobei diese oft noch zu selten richtig diagnostiziert wird. Sie kann schon früh im Krankheitsverlauf auftreten und das Arbeitsverhältnis, die Aktivitäten des täglichen Lebens und das Sozialverhalten des Patienten beeinträchtigen. Interferon beta-1a verringert die kognitive Störung signifikant um 47%; p=0,023) (Abb. 1).

Abb. 1. Wirkung von Interferon beta-1a (i. m.) auf die kognitive Störung [MSCRG-Studie]

Langzeitwirkung nachgewiesen

In der offenen, multizentrischen über 15 Jahre laufenden ASSURANCE-Studie (Assessment of drug utilization, early treatment and clinical outcome) wurden bei Patienten, die in der MSCRG-Studie (Multiple Sclerosis Collaborative Research Group) mindestens zwei Jahre lang behandelt worden waren, die Wirkungen von Interferon beta-1a auf die Langzeitbehinderung und die Lebensqualität untersucht. In die Studie wurden 136 Patienten aufgenommen, 46% waren derzeitige Interferon-beta-1a-Anwender. Im Median wurden sie 13,3 Jahre behandelt.

Bei den Interferon-beta-1a-Anwendern waren die Ergebnisse wie folgt:

  • Niedrigere EDSS-Scores (p=0,011) im Vergleich zum Ausgangswert der MSCRG-Studie (siehe Kasten)
  • Weniger Progression zu EDSS ≥4 (p=0,06), ≥6 (p=0,008) und ≥7 (p=0,008)
  • Bessere Lebensqualität (p<0,0001)
  • Größere Unabhängigkeit bei der Selbstversorgung (p=0,0019)
  • Häufiger unabhängige Lebensgestaltung (p=0,031)

EDSS

Expanded disability status scale; detaillierte Beurteilung des Behinderungsgrads mit 0 = unauffälliger neurologischer Befund, und 10 = Tod an MS

Ein EDSS-Score von 4 steht für: Patient ist voll gehfähig ohne Hilfe und Rast über mindestens 500 m, selbstversorgend, aktiv während etwa 12 Stunden/Tag trotz relativ schwerer Behinderung.

Ein EDSS-Score von 6 steht für: Patient benötigt intermittierend, oder auf einer Seite konstant, Unterstützung (Krücke, Stock, Schiene), um etwa 100 m ohne Rast zu gehen.

Ein EDSS-Score von 7 steht für: Patient ist unfähig, selbst mit Hilfe mehr als 5 m zu gehen. Weitgehend an den Rollstuhl gebunden. Bewegt den Rollstuhl selbst und transferiert ohne Hilfe, im Rollstuhl aktiv etwa 12 Stunden/Tag.

Quellen

Heinz Wiendl, Würzburg, Satellitensymposium „Taking on MS – Targeting defined pathways”, veranstaltet von Biogen-Idec beim World Congress on Treatment and Research in Multiple Sclerosis, 18. September 2008, Montreal, Kanada.

Bermel RA, Weinstock-Guttmann B, Bourdette D, Foulds P, et al. Intramuscular Interferon beta-1a 15-year long-term follow-up study of patients with relapsing multiple sclerosis. World Congress on Treatment and Research in Multiple Sclerosis, 17. bis. 20. September, 2008, Montreal, Kanada, Poster 14.

Arzneimitteltherapie 2009; 27(07)