HIV-Therapie bei antiretroviral-naiven Erwachsenen

400 mg-Tagesdosis Efavirenz ähnlich wirksam wie Standarddosis


Dr. Ingo Stock, Bonn

In einer doppelblinden Plazebo-kontrollierten Studie (ENCORE1) war eine antiretrovirale Kombinationstherapie mit Tenofovir, Emtricitabin und täglich 400 mg Efavirenz bei HIV-1-positiven antiretroviral-naiven Erwachsenen einer entsprechenden Standard-Kombinationstherapie mit 600 mg Efavirenz nach einer Behandlungszeit von 48 Wochen nicht unterlegen. In beiden Studienarmen wurde eine gute Wirksamkeit und Verträglichkeit dokumentiert. Bei Anwendung der reduzierten Efavirenz-Dosis waren mit der Einnahme von Efavirenz assoziierte unerwünschte Wirkungen weniger häufig.

Eine Kombinationstherapie mit dem nicht-nukleos(t)idischen Reverse-Transcriptase-Inhibitor (NNRTI) Efavirenz und den nukleos(t)idischen Reverse-Transcriptase-Hemmern (NRTI) Tenofovir und Emtricitabin gilt bei antiretroviral-naiven HIV-1-infizierten Erwachsenen und Kindern ab dem dritten Lebensjahr als eine Therapie der ersten Wahl. Bei Anwendung dieser Standardtherapie nehmen die Patienten täglich eine Tablette ein, die alle drei Wirkstoffe und eine Efavirenz-Dosis von 600 mg enthält (Atripla®).

Die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Therapie wurde inzwischen in zahlreichen Studien bestätigt. Obgleich sie als relativ gut verträglich gilt, sind Nebenwirkungen wie Hautausschläge oder das zentrale Nervensystem betreffende Wirkungen wie Kopfschmerzen, Angstzustände und Schlafstörungen relativ häufig. In den Zulassungsstudien zu Efavirenz, aber auch in einigen neueren Untersuchungen wurde gezeigt, dass Efavirenz in einer Dosis von 400 mg ebenfalls wirksam ist. Durch eine niedrigere Dosis könnten dosisabhängige toxische Effekte des Wirkstoffs vermindert und dadurch der individuelle Nutzen der Kombinationstherapie verbessert werden.

Studienziel und -design

ENCORE1 ist eine fortlaufende, multinationale, doppelblinde, Plazebo-kontrollierte Nichtunterlegenheitsstudie, in der die Wirksamkeit und Sicherheit einer Efavirenz, Tenofovir und Emtricitabin enthaltenden Kombinationstherapie bei Anwendung einer reduzierten Efavirenz-Dosis im Vergleich zur Efavirenz-Standarddosis untersucht wird. Eingeschlossen sind antiretroviral-naive Patienten mit einer HIV-1-Infektion im Alter von mindestens 16 Jahren, die eine HIV-1-RNA-Konzentration von mindestens 1000 Kopien pro Milliliter und eine CD4-T-Zellzahl von 50 bis 500 Zellen pro Milliliter aufweisen. Patienten mit AIDS-definierenden Erkrankungen zu Therapiebeginn waren ausgeschlossen (Ausnahme: pulmonale Tuberkulose). Die Patienten erhielten randomisiert:

  • einmal täglich 400 mg Efavirenz plus 300 mg Tenofovirdisoproxilfumarat und 200 mg Emtricitabin (als fixe Kombination)
  • einmal täglich 600 mg Efavirenz plus 300 mg Tenofovirdisoproxilfumarat und 200 mg Emtricitabin (als fixe Kombination)

Primärer Endpunkt der Studie war der Anteil der Patienten, bei denen nach 48-wöchiger Behandlung eine weitgehende Suppression der Plasmavirämie (weniger als 200 HIV-1-RNA-Kopien pro Milliliter) nachzuweisen war.

Studienergebnisse

Nach 48-wöchiger Therapie wiesen 302 (94,1%) von 321 Patienten im niedriger dosierten Efavirenz-Arm und 285 (92,2%) von 309 Patienten, die eine Efavirenz-Standarddosis erhalten hatten, eine weitgehende Virussuppression auf. Somit wurde eine gute Wirksamkeit der Therapie in beiden Studienarmen und die Nichtunterlegenheit der Therapie im niedriger dosierten Efavirenz-Arm nachgewiesen.

Die CD4-Zellzahlen der Patienten im 400-mg-Studienarm waren nach 48 Behandlungswochen signifikant höher als die der Patienten im 600-mg-Studienarm (im Mittel 25 Zellen pro Mikroliter).

In beiden Studienarmen waren mehr als 95% aller unerwünschten Ereignisse den Schweregraden 1 oder 2 zuzuordnen. In beiden Studienarmen berichtete ein ähnlicher Anteil der Patienten über unerwünschte Ereignisse (Efavirenz 400 mg: 89,1%, Efavirenz 600 mg: 88,4%). Mit der Einnahme von Efavirenz assoziierte unerwünschte Ereignisse traten im 600-mg-Studienarm signifikant häufiger auf als im 400-mg-Arm (146 [47%] vs. 118 [37%]; p=0,01). Statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Häufigkeiten der entsprechenden Einzelereignisse waren jedoch nicht festzustellen. Im 400-mg-Studienarm brachen 6 (2%), im 600-mg-Studienarm 18 (6%) Patienten die Therapie wegen einem Efavirenz-assoziierten Ereignis ab.

Fazit

Die tägliche Anwendung von 400 mg Efavirenz sollte als neue Standarddosis im Rahmen einer Efavirenz, Tenofovir und Emtricitabin enthaltenden antiretroviralen Kombinationstherapie bei antiretroviral-naiven HIV-1-positiven Erwachsenen empfohlen werden. Eine solche Dosisreduzierung wäre ein wichtiger Schritt, um die hohen Behandlungskosten der HIV-Therapie zu senken.

Quelle

ENCORE1 Study Group, et al. Efficacy of 400 mg efavirenz versus standard 600 mg dose in HIV-infected, antiretroviral-naïve adults (ENCORE1): a randomised, double-blind, placebo-controlled, non-inferiority trial. Lancet 2014;383:1474–82. doi: 10.1016/S0140–6736(13)62187-X.

Arzneimitteltherapie 2014; 32(07)