Therapie von Kopf-Hals-Tumoren

Vereinbarkeit von Effektivität und Lebensqualität


Dr. Claudia Bruhn, Schmölln

Ein rasches Ansprechen, ein möglichst langes progressionsfreies Überleben und idealerweise auch die Verlängerung des Gesamtüberlebens sind die medizinischen Ziele einer Tumorbehandlung. Doch dabei müssen auch die individuelle Lebensqualität und die Wünsche des Patienten im Fokus bleiben. Dies wurde auf einem von Merck Serono unterstützten Symposium im Rahmen des Deutschen Krebskongresses 2014 thematisiert, in dessen Mittelpunkt Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren standen.

Kopf-Hals-Tumoren, an denen häufiger Männer als Frauen (51% vs. 39%) erkranken, sind weltweit auf dem Vormarsch.

Das große Problem ist die hohe Sterblichkeit (5-Jahres-Überleben 42%), die vor allem darin begründet ist, dass die Erkrankung relativ spät erkannt wird (Kasten).

Aufklärung tut not – Die „MAKE SENSE“-Kampagne

Vom 22. bis 26. September 2014 findet die zweite europaweite Aufklärungswoche zu Kopf-Hals-Tumoren statt. Hauptziel ist es, das Bewusstsein für diese Tumorart zu schärfen und damit letztendlich die Prognose für Betroffene zu verbessern.

Weitere Informationen: http://makesensecampaign.eu/de/

Erstmalig Überlebensvorteil gezeigt

Kopf-Hals-Tumoren sind durch Operation, Bestrahlung und Arzneimittel behandelbar, wobei häufig mehrere Optionen kombiniert werden (Operation mit anschließender Bestrahlung, Radiochemotherapie, Antikörper plus Radiotherapie). Der monoklonale Antikörper Cetuximab (Erbitux®) gegen den EGFR (Epidermal growth factor receptor) ist seit 2006 in Kombination mit einer Strahlentherapie zur Behandlung des lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinoms von Kopf und Hals (Squamous cell carcinoma of the head and neck, SCCHN) und seit 2008 auch zur Erstlinientherapie der rezidivierenden und/oder metastasierenden Erkrankung in Kombination mit einer Platin-basierten Chemotherapie zugelassen [1].

Bereits in der Zulassungsstudie EXTREME (Erbitux® in the 1st line treatment of recurrent or metastatic head and neck cancer) war ein Überlebensvorteil erreicht worden. In der randomisierten, kontrollierten Phase-III-Studie, die 442 Patienten mit zuvor nicht behandeltem rezidivierten und/oder metastasierten SCCHN einschloss, führte die Zugabe von Cetuximab zur Platin-basierten Chemotherapie zu einer signifikanten Verlängerung des medianen Gesamtüberlebens um 2,7 Monate (10,1 vs. 7,4 Monate), was einer Reduktion des Sterberisikos um 20% entsprach (Hazard-Ratio [HR] 0,80; p=0,04) [2].

Deutlicher war der Überlebensvorteil in der 2010 veröffentlichten sogenannten Bonner-Studie [4]. Sie untersuchte an 424 Patienten die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Cetuximab in Kombination mit einer Radiotherapie gegenüber der alleinigen Radiotherapie. Über das Erreichen des primären Endpunkts hinaus (Verlängerung der lokoregionären Tumorkontrolle) zeigte sich darin nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 54 Monaten ein verlängertes Gesamtüberleben (49,0 vs. 29,3 Monate), was mit einer signifikanten Senkung des Sterberisikos um 27% einherging (HR 0,73; p=0,018) [3].

Vereinbarkeit von Effektivität und Lebensqualität

Zulassungsstudien und Untersuchungen, die auf diesen Kollektiven basieren, bilden jedoch nur einen Teil der Patientenpopulation ab. Um Patienten unter realen Bedingungen beurteilen und darauf basierend Therapieentscheidungen treffen zu können, sind auch Studien nach der Markteinführung wichtig. Für Patienten mit rezidiviertem/metastasiertem SCCHN startete beispielsweise im letzten Jahr eine prospektive, nichtinterventionelle Studie, die aktuell an 64 Zentren durchgeführt wird. Diese Studie (SOCCER – Untersuchung zur Symptomkontrolle bei Patienten mit rezidiviertem und/oder metastasiertem SCCHN unter Erstlinientherapie mit Erbitux®) ist die erste und einzige nichtinterventionelle Studie in dieser Indikation, die das Ziel hat, den therapeutischen Erfolg der Erstlinienbehandlung mit einer vom Patienten erfassten Symptomlinderung zu verknüpfen.

Problem: Kollisionsdermatose

Neben Komorbiditäten, die bei Therapieentscheidungen eine Rolle spielen, ist auch die Art und Schwere der zu erwartenden unerwünschten Wirkungen von Bedeutung. Bei Cetuximab ist das akneiforme Exanthem eine bekannte Nebenwirkung. Wird der Antikörper mit einer Radiotherapie kombiniert, kann sich zusätzlich eine radiogene Dermatitis entwickeln. Das gleichzeitige Auftreten beider Nebenwirkungen wird als Kollisionsdermatose bezeichnet.

Um dieser vorzubeugen, eignet sich ein konsequenter Sonnenschutz (LSF >25) und die Verwendung parfümfreier feuchtigkeitsspendender Cremes und Lotionen zur Hautpflege. Tritt eine radiogene Dermatitis auf, wird eine zweimal tägliche Lokaltherapie mit Dexpanthenol-Creme (Gesicht) bzw. -Lotion (Körper) empfohlen.

Beim akneiformen Exanthem erfolgt die Therapie nach einem Stufenschema, das zunächst eine lokale Wundversorgung mit Eosin und gegebenenfalls Hydrokolloid-Verbänden (z.B. Varihesive®) beinhaltet. Falls notwendig, werden Serokrusten durch Ölbäder oder lokal mithilfe von Olivenöl gelöst. Außerdem wird eine orale Antibiose (z.B. Minocyclin 2-mal 50 mg/Tag) ab Beginn der Cetuximab-Therapie empfohlen.

Quelle

Prof. Dr. med. Ulrich Keilholz, Berlin, Prof. Dr. med. Andreas Dietz, Leipzig, Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Jürgen Debus, Heidelberg; Symposium „Kopf-Hals-Tumore im Fokus innovativer Therapiestrategien“, veranstaltet von Merck Serono im Rahmen des 31. Deutschen Krebskongresses, Berlin, 20. Februar 2014.

Literatur

1. Fachinformation Erbitux® 5 mg/ml Infusionslösung, Stand Dezember 2013.

2. Vermorken JB, et al. Platinum-based chemotherapy plus cetuximab in head and neck cancer. N Engl J Med 2008;359:1116–27.

3. Bonner JA, et al. Radiotherapy plus cetuximab for locoregionally advanced head and neck cancer: 5-year survival data from a phase 3 randomised trial, and relation between cetuximab-induced rash and survival. Lancet Oncol 2010;11:21–8.

Arzneimitteltherapie 2014; 32(07)