Brentuximab Vedotin

Frühe Konsolidierung beim Hodgkin-Lymphom


Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen

Eine frühe Konsolidierungstherapie mit dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Brentuximab Vedotin verlängerte bei Patienten mit CD30-positivem Hodgkin-Lymphom nach einer autologen Stammzelltransplantation das progressionsfreie Überleben (PFS) signifikant von 24,1 Monaten unter Placebo auf 42,9 Monate. Dies ergab die randomisierte, doppelblinde Phase-III-Studie AETHERA mit 165 Patienten.

Patienten, die an einem Hodgkin-Lymphom erkrankt sind, haben eine hohe Heilungschance, das Gesamtüberleben liegt bei 80 bis 90%. Tritt jedoch ein Rezidiv auf, verschlechtert sich die Prognose erheblich. Die meisten Patienten erhalten dann eine Hochdosis-Chemotherapie gefolgt von einer autologen Stammzelltransplantation. Von den Patienten, die nach einer Stammzelltransplantation ein Rezidiv erleiden, sterben mehr als 90%. Daher besteht für diese Patienten ein hoher Bedarf an neuen Therapiemöglichkeiten.

Die Reed-Sternberg-Zellen des Hodgkin-Lymphoms exprimieren vermehrt das Transmembranprotein CD30. Mit Brentuximab Vedotin (Adcetris®) steht seit Oktober 2012 ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) zur Verfügung, in dem ein monoklonaler Antikörper gegen CD30 an das Zytostatikum Monomethyl-Auristatin E (MMAE) gekoppelt ist (Kasten). Brentuximab Vedotin ist derzeit zur Behandlung von Erwachsenen mit rezidiviertem oder refraktärem CD30-positivem Hodgkin-Lymphom (HL) nach einer autologen Stammzelltransplantation (ASCT) oder nach mindestens zwei vorangegangenen Therapien zugelassen, wenn eine ASCT oder eine Kombinationschemotherapie nicht als Behandlungsoption infrage kommen. Darüber hinaus kann es zur Behandlung von Erwachsenen mit rezidiviertem oder refraktärem systemischem anaplastischem großzelligem Lymphom eingesetzt werden.

Frühe Konsolidierungstherapie

In der von Seattle Genetics und Takeda Pharmaceuticals International finanzierten Phase-III-Studie AETHERA wurde nun der Effekt einer früh nach autologer Stammzelltransplantation einsetzenden Konsolidierungstherapie mit Brentuximab Vedotin auf das progressionsfreie Überleben (PFS) von Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem Hodgkin-Lymphom untersucht. Die Patienten mussten mindestens einen Risikofaktor für eine Progression nach der Stammzelltransplantation aufweisen, z.B. primär refraktäres Hodgkin-Lymphom oder Rezidiv innerhalb von 12 Monaten nach Remission. Randomisiert erhielten die Patienten

  • 16 Zyklen Brentuximab Vedotin (1,8 mg/kg i.v. alle drei Wochen, n=164) oder
  • Placebo (n=165).

Die Therapie begann 30 bis 45 Tage nach der Stammzelltransplantation.

PFS fast verdoppelt

Nach einer medianen Beobachtungszeit von 30 Monaten wurde der primäre Endpunkt, das progressionsfreie Überleben, durch Brentuximab Vedotin im Vergleich zu Placebo signifikant von 24,1 auf 42,9 Monate verbessert (Hazard-Ratio 0,57; p=0,0013). Der Nutzen von Brentuximab Vedotin war in allen vordefinierten Subgruppen nachweisbar.

Eine Interimsanalyse des Gesamtüberlebens zeigte keinen Unterschied zwischen den beiden Behandlungsgruppen. Dies könnte damit erklärt werden, dass es den Patienten der Placebo-Gruppe bei Progression erlaubt war, in die Brentuximab-Vedotin-Gruppe zu wechseln, was auch 85% der Betroffenen nutzten.

Das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat wurde relativ gut vertragen. Am häufigsten traten unter Brentuximab Vedotin periphere Neuropathien als unerwünschte Wirkungen auf, die möglicherweise die Verblindung der Studie gefährdeten.

Diskussion

Die Autoren ziehen aus ihren Ergebnissen die Schlussfolgerung, dass eine Konsolidierungstherapie mit Brentuximab Vedotin bei Patienten mit Hodgkin-Lymphom und hohem Risiko die Chance auf eine Heilung erhöhen und eventuell eine Belastung mit nachfolgenden toxischen Therapien vermeiden könne.

Im begleitenden Editorial heißt es: „AETHERA ist eine positive Studie, die einen vielversprechenden neuen Therapieansatz für Patienten mit Hodgkin-Lymphom und hohem Rezidivrisiko etabliert.“ Allerdings hinterfragt der Verfasser des Editorials die Festlegung der Risikofaktoren in der AETHERA-Studie. Risikofaktoren sollten sich in der klinischen Praxis unkompliziert und eindeutig definieren lassen. Dies sei bei zwei der drei in der AETHERA-Studie ausgewählten Risikofaktoren nicht der Fall gewesen. Derzeit arbeite eine internationale Arbeitsgruppe an der Definition der Hochrisiko-Population, die einer Konsolidierungstherapie bedürfe.

Quellen

Moskowitz CH, et al. Brentuximab vedotin as consolidation therapy after autologous stem-cell transplantation in patients with Hodgkin’s lymphoma at risk of relapse or progression (AETHERA): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial Lancet 2015. Online publiziert am 19. 3. 2015. http://dx.doi.org/10.1016/S0140–6736(15)60165–9.

Engert A. Hodgkin’s lymphoma: who needs consolidation treatment? Lancet 2015. Online publiziert am 19. 3. 2015. http://dx.doi.org/10.1016/S0140–6736(15)60583–9.

Es stand in der AMT

Rezidivierte und refraktäre Lymphome – Brentuximab Vedotin gut wirksam und verträglich bei Hodgkin-Lymphom und systemischem anaplastisch-großzelligem Lymphom Arzneimitteltherapie 2015;33:39–40.

Arzneimitteltherapie 2015; 33(07)