Therapie der echten Influenza

Mit Oseltamivir weniger Superinfektionen und einen Tag früher wieder wohlauf


Simone Reisdorf, Erfurt, Prof. Dr. Frank Lammert, Homburg

Die Symptome einer echten Influenza klingen etwas schneller ab, wenn die Patienten über fünf Tage alle zwölf Stunden mit dem Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir behandelt werden. Gemäß einer aktuellen Metaanalyse erreichten die Patienten unter Oseltamivir einen Tag früher eine Besserung aller Krankheitszeichen und es traten weniger Superinfektionen auf.
Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Frank Lammert, Homburg

Neun klinische Studien mit erwachsenen Patienten, die grippeähnliche Symptome zeigten, wurden in einer Metaanalyse von Dobson et al. zusammengefasst.

Die Teilnehmer wurden in den einzelnen Studien jeweils im Verhältnis 1:1 oder 2:1 auf eine fünftägige Behandlung mit zweimal täglich Oseltamivir (Tamiflu®) oder Placebo randomisiert. Letztlich erhielten 2360 Patienten das antivirale Arzneimittel und 1904 Patienten ein Scheinmedikament.

Tatsächlich mit dem Influenzavirus infiziert waren etwa zwei Drittel der Patienten jeder Gruppe: Bei 1565 Patienten (66%) des experimentellen Studienarms und 1295 Kontrollpatienten (68%) wurde eine positive Abstrichkultur oder ein mindestens vierfacher Anstieg des Antikörpertiters verzeichnet. Der größte Teil (88%) aller Grippeinfektionen wurden durch den Influenzasubtyp A verursacht.

Nur vier statt fünf Tage Grippesymptome

Die eingeschlossenen Patienten mussten protokollgemäß neben Fieber 38°C (ab 65 Jahren 37,5°C) mindestens ein respiratorisches Symptom wie Husten, Halsschmerz oder Schnupfen sowie mindestens ein Allgemeinsymptom wie Kopfschmerz, Muskelschmerz, Schweißausbrüche/Schüttelfrost oder Erschöpfung aufweisen.

Als primärer Endpunkt wurde der Zeitpunkt ermittelt, zu dem alle Symptome abgeklungen waren und für mindestens 21,5 Stunden nicht wieder auftraten. Die Berechnung erfolgte sowohl für die gesamte Intention-to-treat-Population (ITT) als auch für die Teilpopulation, bei der im Verlauf tatsächlich eine Influenzainfektion nachgewiesen wurde (ITT-infected).

Der Unterschied im primären Endpunkt war in der ITT-infected-Population signifikant (p<0,0001): Die tatsächlich grippekranken Patienten litten im Median 97,5 Stunden an Symptomen von mehr als nur milder Ausprägung, wenn sie mit Oseltamivir therapiert wurden, aber 122,7 Stunden, wenn sie Placebo bekamen. Das entspricht einer Verkürzung der Zeit bis zur Symptombesserung um 25,2 Stunden oder 21%; das Time-Ratio betrug 0,79 (95%-Konfidenzintervall [KI] 0,74–0,85).

Vorteil auch bei der ITT-Gesamtgruppe

Bei denjenigen Patienten, bei denen sich im Erkrankungsverlauf herausstellte, dass sie lediglich eine grippeähnliche Erkältungskrankheit hatten, aber keine Influenza, bewirkte die Therapie erwartungsgemäß keine Besserung: Das Time-Ratio betrug hier 0,99 (95%-KI 0,88–1,12; p=0,91).

Trotzdem blieb das Studienergebnis für die ITT-Gesamtpopulation signifikant mit p<0,0001. Hier lag das Time-Ratio bei 0,85 (95%-KI 0,80–0,90). Die Zeit bis zur Besserung aller Symptome war median um 17,8 Stunden verkürzt (95%-KI: –27,1 bis –9,3 Stunden). Demnach würde auch eine Patientenpopulation, bei der lediglich ein Verdacht auf Influenza besteht, von einer Therapie mit Oseltamivir hinsichtlich der Verkürzung der Zeit bis zur Symptomfreiheit profitieren.

Etwas abgeschwächt war der Vorteil von Oseltamivir (p<0,0097) lediglich in der Subgruppe der Hochrisikopatienten im Alter ab 65 Jahren und/oder mit chronischen Komorbiditäten; zwei der Studien schlossen implizit ältere bzw. herz- und lungenkranke Patienten ein.

Weniger Lungenentzündungen und Hospitalisierungen, aber mehr Übelkeit

Die Grippekranken profitierten von der Behandlung mit Oseltamivir auch hinsichtlich der Vermeidung von Komplikationen. So wurden im Zeitraum ab 48 Stunden nach Randomisierung deutlich seltener Erkrankungen der unteren Atemwege festgestellt, wenn der Neuraminidase-Hemmer eingesetzt wurde.

Bronchitiden, Pneumonien und nicht näher klassifizierte Erkrankungen des unteren Respirationstrakts traten bei 4,2% der mit Oseltamivir behandelten Patienten vs. 8,7% der Kontrollpatienten auf (ITT-infected-Population). Das Rate-Ratio betrug 0,56 (95%-KI 0,42–0,75; p=0,0001).

Einzeln betrachtet, betrug in der ITT-infected-Population das Risiko für Pneumonien 0,6% vs. 1,7%, für Bronchitiden 3,6% vs. 6,9% sowie für unklassifizierte akute Lungenerkrankungen 0,1% vs. 0,3% für Patienten unter Oseltamivir vs. der Kontrollgruppe.

Innerhalb des dreiwöchigen Beobachtungszeitraums mussten 0,6% der Oseltamivir- vs. 1,7% der Kontrollpatienten aus irgendeinem Grund ins Krankenhaus eingewiesen werden; das war eine relative Risikoreduktion um 63% (relatives Risiko [RR] 0,37; 95%-KI 0,17–0,83; p=0,013) unter Oseltamivir.

Die Oseltamivir-Therapie zeigte eine höhere Rate an unerwünschten gastrointestinalen Ereignissen, speziell Übelkeit mit 9,9% vs. 6,2% und Erbrechen mit 8,0% vs. 3,3%. Diarrhöen kamen unter Oseltamivir allerdings seltener vor; sie traten bei 5,8% der Verum- und 7,7% der Kontrollpatienten auf.

Fazit

Patienten mit echter Influenza leiden bei Behandlung mit Oseltamivir im Durchschnitt nur vier statt fünf Tage unter schweren Grippesymptomen. Auch in einer unselektierten Population mit grippeähnlicher Erkrankung wird die Zeit mit mehr als leichtgradiger Symptomatik durch Oseltamivir signifikant verkürzt.

Quelle

Dobson J, et al. Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials. Lancet 2015;385:1729–37.

Kommentar

Die Behandlung mit einem Neuraminidase-Hemmer verkürzt die Symptome einer Influenzainfektion von fünf auf vier Tage mit dem Preis von vermehrter Übelkeit und Erbrechen.

Arzneimitteltherapie 2015; 33(07)