Akuter Schlaganfall

Präventive Behandlung mit Antibiotika nicht wirksam


Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Eine präventive Behandlung mit Ceftriaxon bei Patienten mit akutem Schlaganfall hat keinen Einfluss auf das funktionelle Outcome nach drei Monaten.
Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Bei etwa 30% aller Patienten, die einen akuten ischämischen Insult oder eine zerebrale Blutung erleiden, kommt es konsekutiv zu einer Infektion, meist sind es bakterielle Pneumonien oder Harnwegsinfekte. Fieberhafte Infekte nach einem Schlaganfall sind ein ungünstiger prognostischer Faktor. Bisher gibt es fünf kleinere randomisierte Studien und eine Cochrane-Metaanalyse [1], die untersucht haben, ob eine präventive Antibiose den funktionellen Outcome bei Patienten mit akutem Schlaganfall verbessert (siehe auch Westendorp et al. 2015). Die Ergebnisse waren widersprüchlich. Deswegen hat eine Forschungsgruppe aus Holland eine große prospektive Studie zu dieser Fragestellung initiiert.

Studiendesign

Es handelt sich um eine multizentrische randomisierte offene Studie, bei der die Endpunkte verblindet evaluiert wurden. Eingeschlossen wurden Patienten mit akutem Schlaganfall (innerhalb von 24 Stunden nach Eintreten der Symptome), die entweder über vier Tage mit 2 g Ceftriaxon i.v. einmal täglich behandelt wurden oder ohne Antibiose verblieben (Placebo). Die Therapie wurde zusätzlich zur Basistherapie in der Stroke-Unit gegeben (Verum). Die Patienten im Placebo-Arm erhielten lediglich eine Standardbehandlung in der Stroke-Unit. Der primäre Endpunkt war der funktionelle Outcome nach drei Monaten, gemessen mit der modifizierten Rankin-Skala. Diese Skala reicht von 0 (gesund) bis 5 (schwer pflegebedürftig) und 6 (Tod). Sekundäre Endpunkte waren Tod, Infektionsraten, Einsatz von Antibiotika und Dauer des Krankenhausaufenthalts.

Studienergebnisse

Zwischen Juli 2010 und März 2014 wurden 2550 Patienten in 30 Schlaganfallstationen in Holland aufgenommen. Die Intention-to-treat-Analyse schloss insgesamt 2538 Patienten mit 1268 Patienten unter Ceftriaxon und 1270 unter Placebo ein. Die präventive Antibiose hatte keinen Einfluss auf den funktionellen Outcome nach drei Monaten. Das Odds-Ratio für die Verteilung der Werte auf der modifizierten Rankin-Skala betrug 0,95 (95%-Konfidenzintervall [KI] 0,82–1,09, p=0,46). Nebenwirkungen waren in der aktiven Behandlungsgruppe kein größeres Problem. Auch hinsichtlich der Sterblichkeit, die jeweils 5% betrug, der Infektionsrate und der Krankenhausaufenthaltsdauer gab es keine Unterschiede. Auch für Subgruppen im Alter unter und über 75 Jahre, für Untergruppen bezüglich ischämischen Insults, transitorischer ischämischer Attacken oder zerebraler Blutungen und Schwere des Schlaganfalls ergaben sich keine Unterschiede.

Kommentar

Mit dieser sehr großen und gut durchgeführten randomisierten Studie dürfte das Thema einer präventiven antibiotischen Therapie bei Patienten mit akutem Schlaganfall erledigt sein. Damit sind auch die widersprüchlichen Ergebnisse der bisherigen kleinen Studien aus dem Weg geräumt. Wichtig ist, dass die Ergebnisse sowohl bei Patienten mit ischämischem Insult als auch bei zerebralen Blutungen nachweisbar waren. Man kann also in Zukunft auf Stroke-Units abwarten, bis eine Infektion eintritt, und diese dann entsprechend antibiotisch behandeln.

Quelle

Westendorp WF, et al., for the PASS investigators. The preventive antibiotics in stroke study (PASS): a pragmatic randomised open-label masked endpoint clinical trial. Lancet 2015;385:1519-26.

Literatur

1. Westendorp WF, et al. Antibiotic therapy for preventing infections in patients with acute stroke. Cochrane Database Syst Rev 2012;1:CD008530.

Arzneimitteltherapie 2015; 33(07)