Zerebrale Blutungen

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) erhöhen das Risiko für spontane intrakranielle Blutungen


Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Mit einem Kommentar des Autors
Die Einnahme von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern erhöht das Risiko intrakranieller Blutungen im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva. Im Vergleich zu Kontrollen ist das Risiko besonders in den ersten 30 Tagen der Einnahme und bei Patienten erhöht, die mit Antikoagulanzien behandelt werden.

Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verschriebenen Arzneimittel in Deutschland. Sie werden zur Behandlung von Depressionen und bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer haben unter anderem eine hemmende Wirkung auf die Thrombozytenfunktion. Seit Langem ist eine Assoziation zwischen der Einnahme von SSRIs und gastrointestinalen Blutungen bekannt. Jetzt sollte eine populationsbezogene retrospektive Studie untersuchen, ob es auch einen Zusammenhang zwischen SSRIs und spontanen intrakraniellen Blutungen gibt.

Die retrospektive Studie stützt sich auf den United Kingdom’s Clinical Practice Research Datalink (CPRD). In dieser großen Datenbank sind die Daten von 12 Millionen Patienten aus 650 Praxen von Hausärzten erfasst. Die Datenbank erfasst demographische Daten, Krankheiten, Diagnosen und Symptome, Laborwerte, Arzneimittelverschreibungen und Überweisungen zu Spezialisten sowie Krankenhausaufenthalte. Erfasst wurden Patienten im Alter über 18 Jahren, die zwischen Januar 1995 und Juni 2014 erstmalig ein Antidepressivum verschrieben bekamen. In der Datenbank wurden intrakranielle Blutungen, unter anderem parenchymatöse Hirnblutungen, Subduralhämatome und Subarachnoidalblutungen identifizert. Für jeden Patienten, der ein Antidepressivum verschrieben bekam, wurden bis zu 30 Kontrollen herangezogen, die bezüglich Geschlecht, Alter und Verlaufsbeobachtung gematcht waren.

Insgesamt wurden 1363990 Patienten registriert, die erstmalig ein Antidepressivum verschrieben bekamen. 773364 Patienten, entsprechend 56,7%, erhielten einen SSRI und 534587, entsprechend 39,2%, ein Trizyklikum. 56039 Patienten, entsprechend 4,1%, erhielten ein anderes Antidepressivum. Das mittlere Alter war 47,9 Jahre und 64% der Patienten waren weiblich. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 5,8 Jahre. In dieser Zeit erlitten 3036 Patienten eine intrakranielle Blutung. Als Kontrollen dienten 89702 gematchte Patienten. Wurde das intrakranielle Blutungsrisiko zwischen Patienten verglichen, die einen SSRI einnahmen und denen, die mit trizyklischen Antidepressiva behandelt wurden, fand sich eine relative Risikoerhöhung von 1,17 zu ungunsten der SSRIs. In absoluten Zahlen ist das Risiko um 6,7 pro 100000 Personenjahre erhöht. Das Risiko war in den ersten 30 Tagen der Einnahme am höchsten. Das Risiko war außerdem signifikant erhöht, wenn Patienten mit Antikoagulanzien behandelt wurden. Das Risiko einer intrakraniellen Blutung war nicht erhöht, wenn die Patienten Thrombozytenfunktionshemmer einnahmen.

Kommentar

Diese große populationsbezogene Studie aus England hat Konsequenzen für das Verschreibungsverhalten. Patienten mit erhöhtem Risiko für eine intrakranielle Blutung (beispielsweise mit einer Vorgeschichte einer intrakraniellen Blutung) sollten nach Möglichkeit mit Trizyklika und nicht mit SSRIs behandelt werden. Die am meisten gefährdete Population sind Patienten, die antikoaguliert sind. Angesichts eines um 73% erhöhten Risikos für intrakranielle Blutungen sollten diese Patienten, wenn möglich, ebenfalls mit Trizyklika und nicht mit SSRIs behandelt werden. Es sollte allerdings immer Berücksichtigung finden, dass eine effektive antidepressive Therapie einen höheren Stellenwert hat als das relativ geringe Risiko einer intrakraniellen Blutung unter Antikoagulanzien. Bleiben Patienten mit schweren Depressionen unbehandelt, ist das Suizid-Risiko sicher deutlich höher als das Risiko einer intrakraniellen Blutung.

Quelle

Renoux C, et al. Association of selective serotonin reuptake inhibitors with the risk for spontaneous intracranial hemorrhage. JAMA Neurol 2017;74:173–80.

Arzneimitteltherapie 2017; 35(06)