ESC 2017

Highlights vom Kardiologenkongress


Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Des Lebens ungemischte Freude ward bekanntlich keinem Irdischen zuteil. Diese Lebenserfahrung mussten auch die Besucher des diesjährigen Europäischen Kardiologenkongresses (26.–30.08.2017) in Barcelona machen. Auch diesmal wurden zahlreiche neue Studien präsentiert, wobei sicherlich nicht alle Hoffnungen in Erfüllung gegangen sind. Aber auch negative Studien sind ein wichtiger Fortschritt. Insgesamt überwogen zweifelsohne aber die positiven Botschaften aus dem Bereich der Kardiologie.

Inflammation als neues Target

Im Mittelpunkt des Interesses standen sicherlich die beiden großen Studien zum Thema Sekundärprävention, nämlich die COMPASS- und die CANTOS-Studie. In beiden Studien untersuchte man Post-Infarkt-Patienten mit einer stabilen koronaren Herzkrankheit (KHK). Die tägliche Erfahrung mit KHK-Patienten zeigt, dass die Atherothrombose eine chronisch progrediente Erkrankung darstellt. Mit anderen Worten: Nach dem Infarkt ist vor dem Infarkt; denn trotz großer Fortschritte mit modernen Thrombozytenfunktionshemmern und Lipidsenkern besteht ein hohes Restrisiko für ein erneutes kardiovaskuläres Ereignis. Somit ist es geboten, nach neuen, noch effektiveren medikamentösen Präventionsstrategien zu suchen. Dies gelang in der COMPASS-Studie mit Acetylsalicylsäure (ASS) plusniedrig-dosiertem Rivaroxaban (2,5 mg 2×/Tag). Mit dieser Kombination konnte im Vergleich zu ASS die MACE-Ereignisrate sowohl bei der KHK als auch bei der PAVK (periphere arterielle Verschlusskrankheit) um 24% reduziert werden.

Im Rahmen der CANTOS-Studie wurde ein in der Kardiologie bisher vollkommen unbekanntes Therapieprinzip untersucht, nämlich ein in der Rheuma-Therapie bewährter monoklonaler Antikörper mit Namen Canakinumab, der gegen das bei der Inflammation eine orchestrierende Rolle spielende Interleukin 1-beta gerichtet ist. Dieser Antikörper führte bei KHK-Patienten mit erhöhtem hs-CRP als Marker für eine subklinische Inflammation zu einer signifikanten Abnahme der Ereignisrate um 15%. Es konnte auch eine antitumoröse Wirkung dokumentiert werden. Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass nicht nur das LDL-Cholesterin, sondern auch die Inflammation einen eigenständigen Risikofaktor darstellt und dies im Rahmen der medikamentösen Prävention berücksichtigt werden sollte. Lesen Sie mehr auf Seite 467.

Bessere Prognose durch Katheterablation

Was das Vorhofflimmern betrifft, so konnte jetzt erstmals im Rahmen der CASTLE-AF-Studie bei herzinsuffizienten Patienten gezeigt werden, dass die Katheterablation nicht nur symptomatisch wirksam ist, sondern auch die Prognose quo ad vitam verbessert und den Krankheitsverlauf der Herzinsuffizienz günstig beeinflusst. In einer anderen Studie zeigte sich, dass sich Patienten nach einer Katheterablation des Vorhofflimmerns wohler fühlen als unter Antiarrhythmika, obwohl bei der Rhythmuskontrolle zwischen beiden Verfahren kein signifikanter Unterschied bestand (CAPTAF-Studie).

PCSK9-Inhibition durch RNA

Bevor sich die PCSK9-Inhibitoren richtig etabliert haben, bekommen sie bereits Konkurrenz, und zwar in Form von Substanzen wie Inclisiran, die mit der RNA interagieren (RNAi). Damit kann die Bildung von PCSK9 auf der Ebene der RNA vollständig blockiert werden. Dieses innovative Therapiekonzept ist, wie die ORION-Studie zeigt, bezüglich LDL-Senkung ebenso stark wirksam wie die PCSK9-Inhibitoren. Die Substanz muss allerdings nur zweimal im Jahr gegeben werden.

Tradition versus Evidenz

In der Medizin wird manches eher von der Tradition und weniger von der Evidenz getragen. Dazu gehört die unkritische Gabe von Sauerstoff bei allen Infarktpatienten, also auch bei solchen ohne Hypoxämie. In der DETO2X-AMI-Studie konnte jetzt gezeigt werden, dass dies keinen Vorteil hat. Auch erwies sich die Intubation im Rahmen der Reanimation der einfachen Maskenbeatmung mittels Ambu-Beutel nicht überlegen (CAAM-Studie).

In der SCAAR-Studie konnte kein Benefit für eine prästationäre Gabe von Thrombozytenfunktionshemmern bei Infarktpatienten nachgewiesen werden.

Arzneimitteltherapie 2017; 35(11)