Fortgeschrittene gastroösophageale Karzinome

Die Chemotherapie für ältere und gebrechliche Patienten optimieren


Dr. Annette Junker, Wermelskirchen

In der GO2-Studie wurde bei älteren, gebrechlichen Patienten mit fortgeschrittenen Karzinomen im Gastrointestinaltrakt bzw. im Ösophagus versucht, eine Chemotherapie mit dem optimalen klinischen Benefit zu ermitteln, wobei die Verträglichkeit, Lebensqualität und Zufriedenheit des Patienten berücksichtigt wurden. Ein niedrig dosiertes Regime aus Oxaliplatin und Capecitabin zeigte sich effektiv bei diesen Patienten und wies akzeptable Nebenwirkungen auf. Die Ergebnisse der GO2-Studie wurden während des 55. Jahreskongresses der amerikanischen Onkologen (ASCO) präsentiert.

Patienten, bei denen ein inoperables oder metastasiertes Magen- oder Speiseröhren-(GO-)Karzinom diagnostiziert wird, sind zum Zeitpunkt der Diagnose im Median älter als 75 Jahre. Die meisten von ihnen haben abgesehen von der neuen Diagnose einen reduzierten Allgemeinzustand. In die bisherigen Studien zur palliativen Chemotherapie bei GO-Krebs wurden keine älteren oder gebrechlichen Patienten eingeschlossen, sodass der Nutzen einer Chemotherapie für diese Patienten fraglich ist. Die Standardtherapie für GO-Krebs war in Großbritannien lange ein EOCap-Schema. Aber in einer Vorgängerstudie, die die Kombinationen Epirubicin/Oxaliplatin/Capecitabin (EOCap) vs. OCap vs. Cap verglich, hatte sich schon gezeigt, dass die Zweierkombination nur aus Oxaliplatin und Capecitabin zu den besten Ergebnissen führt [1]. In der jetzt aufgelegten randomisierten Studie [2] wurde untersucht, ob auch niedrigere Dosierungen dieser Zweierkombination ausreichend sind (non-inferiority design).

Die GO2-Studie

Zwischen 2014 und 2017 wurden in 61 Zentren in Großbritannien 514 Patienten mit fortgeschrittenen GO-Karzinomen im Alter von 51 bis 96 Jahren eingeschlossen [2] (Tab. 1). Sie wurden randomisiert und mit den folgenden drei verschiedenen Dosis-Leveln von Oxaliplatin und Capecitabin (Cap) behandelt:

  • Level A: Oxaliplatin 130 mg/m2 Tag 1, Cap 625 mg/m2 2-mal täglich, Tage 1–21, alle 21 Tage
  • Level B: 80 % von Level A
  • Level C: 60 % von Level A

Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion (GFR 30–50 ml/min) erhielten nur 75 % der entsprechenden Capecitabin-Dosis. Zu Beginn und nach neun Wochen wurden die Patienten einem umfangreichen geriatrischen Assessment (OTU: overall treatment utility) unterzogen, in dem die Verträglichkeit der Therapie, die Lebensqualität und die Zufriedenheit des Patienten eibezogen wurden. Daraufhin wurde von den Ärzten die Entscheidung für oder gegen eine Weiterführung der Therapie getroffen.

Tab. 1. Design der GO2-Studie

Erkrankung

Gastroösophageale Karzinome

Studienziel

Wirksamkeit von Regimen mit reduzierter Dosis

Studientyp/Design

Randomisiert, kontrolliert, Phase III

Patienten

514

Intervention

  • Level A: Oxaliplatin 130 mg/m2 Tag 1, Capecitabin 625 mg/m2 2-mal täglich, Tage 1–21, alle 21 Tage
  • Level B: 80 % von Level A
  • Level C: 60 % von Level A

Primärer Endpunkt

Progressionsfreies Überleben

Sponsor

University of Leeds (UK)

Studienregisternummer

ISRCTN 44687907

Niedrige Dosierung ist am Nützlichsten

Bei den Patienten, die mit den Dosierungen des Levels C behandelt worden waren, war es zu den wenigsten therapiebedingten Toxizitäten gekommen. Mehr der Level-C-Patienten erzielten bessere OTU-Scores (43 %) im Vergleich zu 35 % bzw. 36 % in den Gruppen A und B. Selbst bei jüngeren, weniger gebrechlichen Patienten kam es in der Level-C-Gruppe zu den besten OTU-Ergebnissen. Im Hinblick auf die Wirksamkeit profitierten die Patienten nicht von den höheren Chemotherapie-Dosierungen in den Gruppen mit dem Dosis-Level A bzw. B.

Die Nichtunterlegenheit der Level-B-Dosis gegenüber Dosis A in Bezug auf das progressionsfreie Überleben wurde bestätigt (Hazard-Ratio [HR] 1,09; 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,89–1,32); ebenso im Vergleich zwischen Level C und Level A (HR 1,10; 95%-KI 0,90–1,33) (Abb. 1).

Abb. 1. Im Hinblick auf das progressionsfreie Überleben erreichte die GO2-Studie ihr Studienziel und bewies die Nichtunterlegenheit des niedrig dosierten Dosislevels C der Kombination aus Oxaliplatin und Capecitabin bei Patienten mit fortgeschrittenen gastroösophagealen Karzinomen (nach [2])

Auch das Gesamtüberleben in den drei Gruppen war ähnlich: Im Median überlebten die Patienten 7,5 Monate in der Level-A-Gruppe, 6,7 Monate in der Level-B-Gruppe und 7,6 Monate in der Level-C-Gruppe. Die Patienten in der Level-C-Gruppe konnten am längsten therapiert werden.

Zu Nebenwirkungen Grad 3 und mehr kam es bei 56 % der Patienten (Level A und Level B), aber nur bei 37 % der Level-C-Gruppe.

Fazit und nächste Schritte

Der Studienleiter Peter S. Hall, Edinburgh, fasste zusammen, dass mit den Ergebnissen dieser Studie die Patienten mit fortgeschrittenen GO-Karzinomen nun eine besser fundierte Entscheidung darüber treffen könnten, ob und mit welcher Chemotherapie-Dosierung sie behandelt werden wollen. Denn sie wissen jetzt, dass diese niedrig dosierte Chemotherapie nachweislich zu einem Vorteil führt, ihnen aber auch noch ein gewisses Maß an Lebensqualität erlaubt, zumal sie die Krankheitsprogression verlangsamt. Subgruppenanalysen dieser Studie, die noch durchgeführt werden sollen, können vielleicht zeigen, welche Patienten besonders von der einen oder anderen Dosierung profitierten.

Während des ASCO-Kongresses wurde außerdem kommentiert, dass die Verwendung des OTU-Assessment ein neues Paradigma sein könne, um den Benefit von Chemotherapien für ältere Populationen von Patienten in einem späten Krankheitsstadium bewerten zu können. Dafür werden die neun Faktoren (Gewichtsverlust, Beweglichkeit, Fallhistorie, Neuropsychiatrie, Alltagskompetenz, soziales Umfeld, Stimmung, Fatigue, Polypharmazie), die in das OTU in dieser Studie eingegangen waren, noch einmal genau analysiert, um festzustellen, ob der ein oder andere davon dominanter ist und den Gesundheitszustand des Patienten besonders beeinflusst.

Literatur

1. Hall PS, et al. A randomised phase II trial and feasibility study of palliative chemotherapy in frail or elderly patients with advanced gastroesophageal cancer (321GO). Br J Cancer 2017;116:472–8.

2. Hall PS, et al. Optimizing chemotherapy for frail and elderly patients (pts) with advanced gastroesophageal cancer (aGOAC): The GO2 phase III trial. J Clin Oncol 2019;37(Suppl): abstr. 4006.

Arzneimitteltherapie 2019; 37(10):367-378.