Highlights vom ASCO

„Man kann viel anbieten“


Dr. Maja M. Christ, Stuttgart

Das „Annual Meeting“ der American Society for Clinical Oncology (ASCO) ist einer der größten Krebskongresse und fand vom Ende Mai/Anfang Juni 2019 in Chicago statt. Highlights des Kongresses und zentrale Studiendaten wurden im Anschluss an den ASCO auf einer von Roche veranstalteten Pressekonferenz in Düsseldorf vorgestellt.

Update Mammakarzinom

Andreas Schneeweiss, Heidelberg, berichtete über neue Ergebnisse zu Substanzen zur Therapie des metastasierten Mammakarzinoms.

CLEOPATRA: Pertuzumab

Wird zu Trastuzumab und Chemotherapie der monoklonale Antikörper Pertuzumab (Perjeta®) hinzugegeben, kann das auch bei metastasiertem HER2-positivem Mammakarzinom zu einem verbesserten Überleben führen. Das zeigen die abschließenden Daten der Phase-III-Studie CLEOPATRA mit einem medianen Follow-up von 99 Monaten [5]. Therapienaive Patientinnen mit metastasiertem HER2-positivem Mammakarzinom erhielten 1 : 1 randomisiert Trastuzumab und Docetaxel mit Pertuzumab (n = 402) oder Placebo (n = 406).

Das mediane PFS betrug 18,7 Monate versus 12,4 Monate (HR 0,69). Der Anteil progressionsfreier Patientinnen lag nach 8 Jahren bei 17 % versus 10 %. Ungefähr jede dritte Patientin lebte nach diesem Zeitraum noch: Das Gesamtüberleben (OS) lag bei 37 % versus 23 %. Das mediane OS betrug 57,1 Monate versus 40,8 Monate (Unterschied 16,3 Monate; HR 0,69). Das Gesamtsicherheitsprofil der Kombination stimmte mit den bekannten Sicherheitsprofilen überein.

IMpassion130: Atezolizumab

Patientinnen mit metastasiertem triple-negativem Mammakarzinom (mTNBC) haben im Allgemeinen eine schlechtere Prognose als Patientinnen mit HER2-positivem Tumor. Vor allem Patientinnen mit einem positiven PD-L1-Status können von der Zugabe eines PD-L1-Checkpoint-Inhibitors zur Taxan-haltigen Chemotherapie profitieren [2]. Das zeigen die Ergebnisse der IMpassion130-Studie. In dieser Phase-III-Studie erhielten jeweils 451 Frauen mit mTNBC nab-Paclitaxel mit bzw. ohne Atezolizumab (Tecentriq®).

Das mediane OS betrug bei der zweiten Interimsanalyse (medianes Follow-up 18 Monate) 21,0 Monate versus 18,7 Monate (HR 0,86; p = 0,078). Das 2-Jahres-OS lag bei 42 % versus 39 %. Dieser relativ kleine Effekt wurde durch Patientinnen mit PD-L1+-Status hervorgerufen (Verum: n = 185; Placebo: n = 184). Betrachtete man nur diese Subgruppe, war der Effekt der Atezolizumab-Zugabe deutlich höher: Das mediane OS lag dann bei 25,0 Monate versus 18,0 Monate (HR 0,71), das 2-Jahres-OS bei 51 % versus 37 %. Das mediane PFS betrug 7,5 Monate versus 5,0 Monate (HR 0,62; p < 0,001). Die Safety-Analyse ergab keine neuen relevanten Sicherheitsbedenken. Die bekannten unerwünschten Nebenwirkungen (Hautausschläge, Schilddrüsenunter- und -überfunktionen, Grad 1/2) sind Schneeweiss zufolge gut behandelbar. Diese Nebenwirkungen hatten keinen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität. Sie rutschte in der Placebo-Gruppe aufgrund der früheren Progression früher ab als in der Atezolizumab-Gruppe.

Die Ergebnisse der Studie führten inzwischen in den USA zur FDA-Zulassung als Erstlinien-Behandlung für diese Patientengruppe. Die Zulassung in Europa wird zum Jahresende 2019 erwartet.

Cave: Vor der Kombinationsbehandlung sollte der PD-L1-Status der Tumor-infiltrierenden Immunzellen gemessen werden. Welcher der derzeit untersuchten Tests dafür am besten funktioniert, ist Schneeweiss zufolge frühestens Ende 2019 bekannt.

Update nichtkleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC)

Jürgen Wolf, Köln, stellte in seinem Vortrag verschiedene Studien zu Atezolizumab beim Lungenkarzinom vor. Die Stadien des NSCLC sind sehr heterogen, weshalb die Leitlinien auch relativ kompliziert sind. Wolf zufolge „schlägt“ man erst einmal „mit allem drauf, was man hat“. Nicht evidenzbasiert sei dabei die Reihenfolge der einzelnen Therapieansätze.

IMpower150: Atezolizumab

NSCLC-Patienten mit Lebermetastasen haben generell eine schlechte Prognose. In der Phase-III-Studie IMPower150 wurden 1202 Patienten gleichmäßig auf drei Arme verteilt (Kasten „Es stand in der AMT“). 162 der Patienten hatten bereits Lebermetastasen (Arm A: Atezolizumab plus Chemotherapie [Carboplatin und Paclitaxel], n = 53; Arm B: Atezolizumab plus Bevacizumab plus Chemotherapie [„Vierfachkombination“], n = 52; Arm C: Bevacizumab plus Chemotherapie [„Kontrollarm“], n = 57).

Zwischen der Vierfachkombination (Arm B) und dem Kontrollarm (Arm C) gab es einen signifikanten Unterschied im PFS, der besonders deutlich bei Patienten mit Lebermetastasen war [4]: Das mediane PFS betrug

  • Bei Patienten ohne Lebermetastasen 8,4 Monate versus 7,0 Monate (HR 0,61)
  • Bei Patienten mit Lebermetastasen 8,2 Monate versus 5,4 Monate (HR 0,41)

Das Gesamtüberleben war ebenfalls verlängert (mit Lebermetastasen: 13,3 vs. 9,4 Monate [HR 0,52]). Zwischen den beiden Dreierkombinationen (Arm A und C) gab es keine signifikanten Unterschiede im medianen PFS und OS. Im Vergleich zur Dreierkombination ist die Vierfachkombination etwas toxischer. Dennoch war das Regime insgesamt gut verträglich. Es gab keine neuen Sicherheitsbedenken.

J-ALEX: Alectinib

Auch zum ALK(anaplastische Lymphomkinase)-Inhibitor Alectinib (Alecensa®) gab es auf dem ASCO neue Daten [3] (Kasten „Es stand in der AMT“). Die Studie J-ALEX, das Pendant zu ALEX mit einem asiatischen Patientenkollektiv, umfasste 207 Patienten mit ALK(+)-NSCLC im Stadium IIIB/IV, die 1 : 1 randomisiert Alectinib oder Crizotinib erhielten. Das finale mediane PFS betrug 34,1 Monate versus 10,2 Monate (HR 0,37).

Es stand in der AMT

Nichtkleinzelliges Bronchialkarzinom (NSCLC) – Atezolizumab plus Bevacizumab: Kombinationstherapie für die Erstlinie. Arzneimitteltherapie 2019; 37:192–3.

Nichtkleinzelliges Bronchialkarzinom (NSCLC) – Alectinib für Patienten mit ALK-positivem Lungenkrebs. Arzneimitteltherapie 2017; 35:240–1.

Solide Tumoren bei Kindern

Entrectinib ist ein ZNS-gängiger oraler Inhibitor der TrkA-/B-/C-, ROS1- und ALK-Tyrosinkinasen, der sich aktuell in der klinischen Prüfung befindet. In einer Phase-I/Ib-Studie wurde der Tyrosinkinase-Inhibitor bei 29 Kindern und Jugendlichen mit rezidivierenden/refraktären soliden oder ZNS-Tumoren getestet [1]. Entrectinib wurde gut vertragen, dosislimitierende Toxizitäten waren erhöhtes Kreatinin, Dysgeusie, Müdigkeit und Lungenödeme. Alle Kinder mit refraktären ZNS- und soliden Tumoren, deren Tumoren entsprechende Mutationen der Ziel-Kinasen aufwiesen, sprachen anhaltend auf die Prüfsubstanz an.

Ausblick

Auch für Patientengruppen, für die es vor wenigen Jahren keine Therapieoptionen mehr gab, gibt es immer mehr und auch vielversprechende Onkologika. Doch diese neuen Arzneimittel müssen dem einzelnen Patienten auch tatsächlich zur Verfügung stehen. Dass das nicht der Fall ist, sollte der erste Teil des diesjährigen Mottos des ASCO-Kongresses verdeutlichen: „Caring for every patient, learning from every patient“. Der zweite Teil des Mottos zielt darauf ab, nicht nur die Erkenntnisse aus klinischen Studien, sondern auch die Erkenntnisse aus Real-World-Daten – z. B. Krankenkassen- oder Registerdaten – umfassend nutzen zu können, um die Patientenversorgung zu verbessern. Bis dieser Wunsch Wirklichkeit wird, wird es jedoch noch dauern.

Quelle

Prof. Dr. med. Jürgen Wolf, Köln, Prof. Dr. med. Andreas Schneeweiss, Heidelberg, Pressekonferenz „Aktuelles vom Amerikanischen Krebskongress 2019“, veranstaltet von Roche, 12. Juni 2019, Düsseldorf.

Literatur

1. Robinson GW, et al, J Clin Oncol 37, 2019 (suppl; abstr 10009).

2. Schmid P, et al. J Clin Oncol 37, 2019 (suppl; abstr 1003).

3. Seto T, et al. J Clin Oncol 37, 2019 (suppl; abstr 9092).

4. Socinski MA, et al. J Clin Oncol 37, 2019 (suppl; abstr 9012).

5. Swain S, et al. J Clin Oncol 37, 2019 (suppl; abstr 1020).



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Arzneimitteltherapie 2019; 37(10):382-385.