Larotrectinib


Aus Expertensicht

Veröffentlicht am: 28.09.2020

Prof. Dr. Clemens Unger, Freiburg

Arzneimitteltherapie 2020;38:422.

Die zielgerichtete Krebstherapie überwindet zunehmend die alten Indikationsgrenzen. Tumoren werden vielleicht künftig nicht mehr nach Lokalisation und Herkunft der Zellen eingeteilt, sondern nach den molekularen Veränderungen, die das Tumorwachstum vorantreiben. Wir würden dann nicht mehr von Darm-, Brust- oder auch Lungentumoren sprechen, sondern fragen, welche molekularen Kennzeichen der biopsierte oder operierte Tumor aufweist, und danach die entsprechende Therapie ausrichten.

Im September 2019 wurde in der Europäischen Union erstmals ein Medikament tumor-unabhängig zugelassen. Es handelt sich um Larotrectinib (Vitrakvi®), einen selektiven Tyrosinkinase(TRK)-Inhibitor, der die Funktion von TRK A, B und C hochspezifisch hemmt. Grundlage der antitumoralen Wirksamkeit ist im Beitrag von Maximilian Günther (s. Seite 418ff.) ausführlich beschrieben.

Die Zulassung des Medikaments stützt sich auf die gepoolten Daten von drei Phase-I/II-Studien mit insgesamt 102 Patienten einschließlich Kindern, Jugendlichen und älteren Patienten. Die Verträglichkeit wurde an insgesamt 125 Patienten dokumentiert und beurteilt. Präliminäre Studiendaten zeigen eine Ansprechrate verschiedener Tumoren von über 50 % bei gleichzeitig guter Verträglichkeit.

Patienten, die mit einer bekannten Standardtherapie behandelt werden können, kommen für die Behandlung mit Larotrectinib zunächst nicht infrage. Patienten, für die keine prioritären Therapieoptionen bestehen bzw. für die keine etablierten Standardtherapien verfügbar sind, können auf das TRK-Fusionsprotein hin getestet werden.

Grundsätzlich sollte dann allen Patienten, die einen TRK-Fusions-positiven Tumorbefund aufweisen, der TRK-Inhibitor angeboten werden. Patienten sollten bevorzugt gescreent werden, wenn der Tumor eine größere Sicherheit auf einen positiven Rezeptor-Nachweis verspricht. Dieses sind unter anderem Patienten mit folgenden Tumoren: Weichteilsarkom, infantiles Fibrosarkom, Lungenkarzinom, ZNS-Tumoren, Schilddrüsenkarzinome, malignes Melanom.

Weiterhin sollten Patienten mit lokal fortgeschrittenen Tumoren gescreent werden, bei denen eine chirurgische Entfernung des Tumors erhebliche Mutilation und signifikante Morbidität bedeuten würde.

Bei Patienten, die mit Larotrectinib behandelt werden, sollten in 2-wöchigen Abständen die Leberwerte überprüft werden. Neurologische Nebenwirkungen werden häufiger beobachtet, WHO-Schweregrade 3 und 4 in allerdings weniger als 10 % der Patienten.

Fazit

Mit Larotrectinib steht ein neues innovatives Medikament zur Verfügung, das, trotz limitierter Studienerfahrung, für Patienten mit metastasierten/fortgeschrittenen Tumoren und Positivität des TRK-Fusionsproteins eine weitere Behandlungsoption darstellt. Soweit bisher bekannt, kommt es unter Therapie zu über 50%igen Ansprechraten bei guter Verträglichkeit. Zur längerfristigen Einordnung dieses Therapieprinzips sind allerdings noch weitere Studien und Behandlungserfahrungen notwendig.

Prof. Dr. med. Clemens Unger war zwischen 1993 und 2011 Direktor der Klinik für Internistische Onkologie der Universität Freiburg und ist seit 2011 Leitender Arzt des Zentrums für Krebsmedizin/Freiburg. Seit 2012 ist er Leitender Onkologe in der Max-Grundig-Klinik in Bühl.

Arzneimitteltherapie 2020; 38(10):418-422