Parkinson-Behandlung

Doch keine Neuroprotektion?


Bettina Polk, Stuttgart

Die Symptome der Parkinson-Krankheit beruhen auf einem fortschreitenden Abbau dopaminerger Neuronen. Diesen Untergang der Neuronen zu verlangsamen oder gar aufzuhalten wäre also der optimale Therapieansatz. Ob die bisher verfügbaren Substanzen neuroprotektive Eigenschaften haben, ist allerdings fraglich.

Studien mit den Dopaminagonisten Ropinirol (Requip®) und Pramipexol (Sifrol®) und auch dem Monoaminoxidase-(MAO-)B-Hemmer Selegilin (z. B. Xilopar®) legten neuroprotektive Eigenschaften dieser Substanzen im Vergleich zu Levodopa nahe:

  • In der REAL-PET-Studie (Requip as early therapy versus L-Dopa-PET) hatten jeweils 93 Patienten Levodopa (200–1 000 mg Levodopa) beziehungsweise Ropinirol (3–24 mg) über 2 Jahre bekommen. Die PET-Scans, die zentral ausgewertet wurden, ergaben eine nicht signifikante Abnahme des 18F-Fluorodopa-PET-Signals um 20,3 % unter Levodopa und um 13,4 % unter Ropinirol (p = 0,22).
  • In einer anderen Studie ergab ein Vergleich Pramipexol versus Levodopa bei Parkinson-Patienten eine Abnahme der [123I]β-CIT-Aufnahme von 16,0 % unter Pramipexol gegenüber 25,5 % unter Levodopa nach 46 Monaten (p = 0,01).
  • Für Selegilin legen einige Tierversuche eine neuroprotektive Wirkung nahe. In klinischen Studien konnten außerdem Levodopa-einsparende Effekte gezeigt werden, die nicht allein durch die symptomatische Wirkung erklärt werden können.

Dennoch muss man den Begriff „Neuroprotektion“ nach derzeitigem Kenntnisstand extrem vorsichtig verwenden. Die eingesetzten bildgebenden Verfahren sind PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und SPECT (Single-Photon-Emissions-Computertomographie). Sie nutzen geeignete radioaktiv markierte Tracer, um Gewebsdurchblutung und Stoffwechselverhalten darzustellen. Aber bei kritischer Betrachtung reichen Reproduzierbarkeit und Sensitivität dieser Verfahren nicht, um von Neuroprotektion zu sprechen. Die Verfahren lassen außerdem keine Aussage über die Anzahl der Neuronen zu, sondern nur über das Ausmaß des stattfindenden Stoffwechsels – ein Einfluss der Therapeutika auf den komplexen Metabolismus im ZNS kann keinesfalls ausgeschlossen werden. Dennoch sollte man den bildgebenden Verfahren ihren Nutzen nicht völlig absprechen, denn es existieren keine besseren Surrogatmarker. Aber aufgrund der mit diesen Verfahren erhobenen Befunde kann nicht auf neuroprotektive Eigenschaften geschlossen werden. Auch durch klinische Unterschiede im Krankheitsverlauf konnte bislang kein Hinweis auf neuroprotektive Eigenschaften im Vergleich zu Levodopa gefunden werden.

Zum Zeitpunkt der Diagnose eines Parkinson-Syndroms sind darüber hinaus bereits 60 % der dopaminergen Neuronen verschwunden. Neuere, allerdings sehr spekulative Vermutungen zur bis heute ungeklärten Pathophysiologie besagen, dass die Krankheit eigentlich in der Peripherie beginnt, zum Beispiel im Magen-Darm-Trakt, und es sich im weiteren Verlauf um eine aufsteigende Intoxikation handelt. Wenn diese Annahme, die im Modell von Braak beschrieben wurde stimmt, wäre zuerst eine Neuroprotektion des peripheren Nervensystems zu fordern.

Quelle

Prof. Dr. K. L. Leenders, Groningen, Prof. Dr. H. Przuntek, Bochum, Prof. Dr. P. Riederer, Würzburg. Satellitensymposium „Morbus Parkinson: Neuroprotektion heute – Neuroprotektion morgen“, veranstaltet von der Firma Cephalon im Rahmen des 3. Kongresses der Deutschen Parkinson-Gesellschaft, Dresden, 6. März 2003. 

Arzneimitteltherapie 2003; 21(08)