Candesartan

Migräneprophylaxe mit einem Angiotensin-Rezeptorenblocker


Prof. Dr. med. Hans Christoph Diener, Essen

In einer Plazebo-kontrollierten Cross-over-Studie war der Angotensin-Rezeptorantagonist Candesartan (Atacand®, Blopress®) wirksam zur Migräneprophylaxe.

Bei fast allen Arzneimitteln, die zur Migräne-Prophylaxe eingesetzt werden, wurde die Wirkung zufällig entdeckt, weil Patienten, die diese Medikamente in einer anderen Indikation bekamen, berichteten, dass es bei Einnahme der Substanz zu einer Besserung der Migräne kam. Nachdem einige Patienten über eine Besserung der Migräne berichteten, wenn sie zur Behandlung ihrer Hypertonie einen Angiotensin-Rezeptorantagonisten einnahmen, wurde untersucht, ob eine migräneprophylaktische Wirkung von Candesartan nachweisbar ist.

In eine randomisierte doppelblinde Plazebo-kontrollierte Cross-over-Studie in Norwegen wurden 60 Patienten im Alter zwischen 18 und 65 Jahren mit 2 bis 6 Migräneattacken/Monat eingeschlossen. Zunächst wurden alle Patienten über 4 Wochen mit Plazebo behandelt und dann jeweils über 12 Wochen mit Candesartan oder Plazebo mit einer 4-wöchigen Plazebo „Wash-out-Phase“. Die Candesartan-Dosis betrug 16 mg am Tag. Der primäre Endpunkt war Tage mit Kopfschmerzen, sekundäre Endpunkte waren Stunden mit Kopfschmerzen, Migränetage, Stunden mit Migräne und ein Kopfschmerz-Intensitätsindex. Zusätzlich wurde die Einnahme von Arzneimitteln zur Behandlung akuter Migräneattacken erfasst. Von den 60 randomisierten Patienten schlossen 57 die erste Behandlungsphase und 52 die zweite Behandlungsphase ab.

In der 12-wöchigen Behandlungsphase mit Candesartan wurden 13,6 Kopfschmerztage gemessen, mit Plazebo 18,5 Tage. Dies entspricht einer Reduktion um 26 %, der Unterschied war signifikant. Signifikante Vorteile von Verum fanden sich auch für Stunden mit Kopfschmerzen, Migränetage (9 vs. 12,6) sowie Stunden mit Migräne. Die Zahl der eingenommenen 5-HT1B/1D-Agonisten oder Analgetika war allerdings in der Verum-Gruppe nicht signifikant niedriger als in der Plazebo-Gruppe. Untersucht wurde auch, bei welchem Anteil der Patienten es zu einer mindestens 50 %igen Reduktion der einzelnen gemessenen Kopfschmerzparameter kam (Ansprechrate). Für die Migränetage betrug die Ansprechrate unter Candesartan 40 %, in der Plazebo-Gruppe 3,5 %. Candesartan wurde gut vertragen. Bei den unerwünschten Wirkungen gab es keinen Unterschied zwischen Verum und Plazebo.

Die vorliegende Studie kann durchaus belegen, dass ein Angiotensin-Rezeptorantagonist in der Migräneprophylaxe möglicherweise wirksam ist. Leider wurde die Studie mit einer relativ geringen Patientenzahl durchgeführt. Auffällig ist, dass die Ansprechrate in der Plazebo-Gruppe zwischen 0 und 3 % schwankte, während für fast alle anderen Studien mit ähnlichem Design, Ansprechraten zwischen 15 und 30 % bei Plazebo beobachtet wurden. Ob dies nun an der untersuchten Population, nämlich Norwegern, liegt, die üblicherweise eine geringere Ansprechrate haben als Südländer, oder ob es sich um einen Zufallsbefund handelt, kann erst ermessen werden, wenn der Versuch unternommen wird, dieses Ergebnis in einer Plazebo-kontrollierten Parallelgruppen-Studie zu reproduzieren.

Quelle

Tronvik E, et al. Prophylactic treatment of migraine with an angiotensin II receptor blocker. A randomized controlled trial. JAMA 2003;289:65-9.

Arzneimitteltherapie 2003; 21(08)