Neuroleptika

Partieller Dopamin-Agonist Aripiprazol auch für die Langzeittherapie geeignet


Veröffentlicht am: 28.11.2019

Dr. Barbara Kreutzkamp, München

Aripiprazol, der erste Vertreter der neuen Neuroleptika-Wirkstoffklasse der partiellen Dopamin-Agonisten, erwies sich in einer Langzeitstudie bei Schizophrenie-Patienten als mindestens ebenso wirksam wie Haloperidol, verbesserte jedoch Negativ- und depressive Symptomatik stärker als das klassische Neuroleptikum bei gleichzeitig verminderter Nebenwirkungsrate.

Die Einführung der atypischen Neuroleptika brachte für viele Schizophrenie-Patienten Vorteile gegenüber den klassischen Neuroleptika vor allem bei der Verbesserung der Negativsymptomatik wie depressive Stimmungslage oder sozialer Rückzug. Nebenwirkungen wie extrapyramidale Störungen treten seltener auf. Allerdings limitieren Gewichtszunahme, Hyperprolaktinämie und negative Auswirkungen auf den Glucose- und Lipidstoffwechsel zumindest bei einigen Patienten den in der Schizophrenie-Therapie erforderlichen Langzeiteinsatz.

Eine weitere Verbesserung bei Wirksamkeit und Verträglichkeit erhofft man sich nun durch die neue pharmakologische Gruppe der partiellen Dopamin-Agonisten mit dem ersten Substanzvertreter Aripiprazol (vorgesehener Handelsname: Abilify®; Abb. 1). Partielle Dopamin-Agonisten zeigen am Dopamin-2-Rezeptor eine niedrigere intrinsische Aktivität als volle Agonisten. Dadurch reagieren sie jeweils in Abhängigkeit vom Spiegel des natürlich vorkommenden Neurotransmitters eher als Agonist (bei Dopamin-Mangel) oder als Antagonist (bei Dopamin-Überschuss). Diese „funktionelle“ Pharmakologie kommt der Pathophysiologie der Schizophrenie entgegen: Schizophrenie-Patienten haben nämlich im mesolimbischen System einen exzessiven Dopamin-Überschuss. Dieser Zustand wird für die produktive (Positiv-)Symptomatik wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Aggressivität verantwortlich gemacht. Dagegen herrscht in den mesokortikalen Bereichen eher ein Dopamin-Mangel, der die Negativsymptomatik sowie die kognitiven Defizite hervorruft.

Aripiprazol zeigt darüber hinaus partiell agonistische Aktivitäten an 5-HT1A-Rezeptoren des serotonergen Transmittersystems, wodurch sich eine Wirksamkeit gegen Angst und Depression ergibt.

Langzeitstudie über 52 Wochen

Nachdem sich Aripiprazol in Kurzzeitstudien bereits als gut wirksam und verträglich erwiesen hat, wurden nun in zwei Studien mit vergleichbarem Design seine Langzeit-Wirksamkeit und -Verträglichkeit im Vergleich zu Haloperidol überprüft. Einbezogen waren insgesamt 1 294 Patienten mit einer nach DSM-IV-Kriterien diagnostizierten Schizophrenie, die als Neuroleptika-Responder eingestuft werden konnten. Sie erhielten randomisiert und doppelblind entweder 30 mg/Tag Aripiprazol oder 10 mg/Tag Haloperidol. Die Studie dauerte 52 Wochen.

In allen geprüften Symptomscores zeigte Aripiprazol eine Haloperidol vergleichbare oder überlegene Langzeitwirksamkeit. Eine Überlegenheit ergab sich in den Subskalen zur Negativsymptomatik und in Skalen, in denen sich depressive Symptome niederschlugen.

Die Zeit bis zum Absetzen der Medikation war unter Aripiprazol hochsignifikant länger als unter Haloperidol (p = 0,0001), das gleiche galt für das Absetzen aufgrund von Nebenwirkungen oder mangelnder Wirksamkeit (p = 0,0001). Bei Studienende nahmen noch 43 % der ursprünglich einbezogenen Patienten Aripiprazol und 30 % Haloperidol (p < 0,001).

Extrapyramidale Nebenwirkungen waren unter dem partiellen Dopamin-Agonisten seltener und weniger stark ausgeprägt als unter Haloperidol (p < 0,001). In Bezug auf Gewichtsveränderungen ergab sich im Mittel kein Unterschied zwischen den beiden Behandlungsgruppen. Die Stratifizierung nach Body-Mass-Index (BMI) offenbarte jedoch eine deutlichere Zunahme unter Aripiprazol bei niedrigerem Ausgangswert (BMI < 23 kg/m2). Bei hohem Ausgangswert (BMI > 27 kg/m2) kam es eher zur Gewichtsabnahme. Die Prolactin-Spiegel lagen bei den meisten Patienten im Normbereich. Hinweise auf klinisch relevante EKG-Veränderungen ergaben sich nicht.

Verbesserung bei der Negativsymptomatik

Damit erweist sich Aripiprazol in der Schizophrenie-Langzeittherapie Haloperidol mindestens als ebenbürtig. Eine Überlegenheit zeigt sich vor allem in Bezug auf die Negativ- und depressive Symptomatik. Diese Symptome schränken das Leben aber genau so stark ein wie die Positivsymptomatik und sind häufig ein Grund für den Rückzug der Patienten aus beruflichem und sozialem Umfeld sowie den Verbleib in psychiatrischen Kliniken.

Auch die länger aufrecht erhaltene kontinuierliche Therapie stabilisiert die Patienten langfristig und vermindert die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Die höhere Therapietreue dürfte vor allem auf die bessere Verträglichkeit zurückzuführen sein.

Quellen

Kasper S, et al. Efficacy and safety of aripiprazole vs. haloperidol for long-term maintenance treatment following acute relapse of schizophrenia. Int J Neuropsychopharmacol 2003;6:325–37.

Lieberman JA. Dopamine partial agonists. A new class of antipsychotic. CNS Drugs 2004;18:251-67.

Abb. 1. Aripiprazol

Beilagenhinweis: Arzneimitteltherapie express Nr. 76. Wir bitten unsere Leser um Beachtung.

Arzneimitteltherapie 2004; 22(06)