Lumbaler Bandscheibenvorfall

Sind Benzodiazepine bei der Behandlung der Ischialgie wirksam?


Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Mit einem Kommentar des Autors
Die zusätzliche Gabe von Benzodiazepinen zu Physio- und Schmerztherapie zur Behandlung radikulärer Schmerzen bei Patienten mit lumbalen Bandscheibenvorfällen erbrachte keinen Nutzen.

Rückenschmerzen und radikuläre Schmerzen sind außerordentlich häufig. In den meisten Leitlinien wird empfohlen, neben einer Behandlung mit Physiotherapie und nichtsteroidalen Antirheumatika auch Benzodiazepine als Muskelrelaxanzien einzusetzen. Allerdings gibt es dazu kaum gut geplante randomisierte prospektive Studien.

Studiendesign

Die vorliegende Studie wurde an der Neurologischen Universitätsklinik in Tübingen durchgeführt. Eingeschlossen waren 60 Patienten mit einem akuten lumbalen Bandscheibenvorfall. Während der ersten 7 Tage der konservativen Behandlung erhielten die Patienten entweder zweimal 5 mg Diazepam pro Tag (n=30) oder Plazebo, jeweils zusätzlich zu Physiotherapie und Schmerzmedikation. Einschlusskriterien waren Alter zwischen 18 und 75 Jahre, radikuläre Schmerzen ohne neurologische Ausfälle und ein computer- oder kernspintomographisch nachgewiesener lumbaler Bandscheibenvorfall.

Ziel der Studie war es, nachzuweisen, ob Physio- plus Schmerztherapie allein der zusätzlichen Gabe von Benzodiazepinen gleichwertig ist. Primärer Studienendpunkt war die Reduktion der Ausdehnung der Schmerzausstrahlung im betroffenen Bein an Tag 7. Sekundäre Endpunkte waren Dauer des Klinikaufenthalts, Beeinträchtigung, Schmerzintensität, neurologische Ausfälle, Gehstrecke und Arbeitsfähigkeit.

Das mittlere Alter der Studienteilnehmer betrug 42 Jahre, die mittlere Schmerzdauer lag zwischen 14 und 21 Tagen. Bei den meisten Patienten lag ein Bandscheibenvorfall im Bereich L4/5 oder L5/S1 vor.

Ergebnisse

Die Ausdehnung der Schmerzausstrahlung an Tag 7 war unter Plazebo im Mittel um 60% und unter Diazepam um 50% reduziert. Damit waren beide Therapien nach den vordefinierten Kriterien gleichwertig. Allerdings war die mittlere Aufenthaltsdauer im Krankenhaus bei den mit Plazebo behandelten Patienten kürzer (8 vs. 10 Tage; p=0,008) und die Responderrate bezüglich der Schmerzreduktion (≥50% auf einer visuellen Analogskala) war bei den Patienten der Plazebo-Gruppe mit 79% fast doppelt so hoch wie bei den mit Diazepam behandelten Patienten (41%; p<0,0015). Für die übrigen Endpunkte ergab sich kein Unterschied zwischen Verum und Plazebo.

Kommentar

Es ist außerordentlich lobenswert und erfreulich, dass endlich eine Arbeitsgruppe die Aufgabe übernommen hat, den therapeutischen Wert von Benzodiazepinen bei Patienten mit lumbalen Bandscheibenvorfällen und radikulären Schmerzen in einer Plazebo-kontrollierten Studie zu untersuchen. Die Studienergebnisse sind ganz eindeutig: Im primären Endpunkt sowie für die meisten sekundären Parameter ergab sich kein Unterschied zwischen Plazebo und Benzodiazepin. Bezüglich der Dauer des stationären Aufenthalts und der Reduktion der Schmerzintensität auf der visuellen Analogskala ergab sich sogar eine Überlegenheit von Plazebo. Die Empfehlung, Benzodiazepine bei Patienten mit diesen Beschwerden zu verordnen, müsste daher aus den Leitlinien gestrichen werden.

Quelle

Brötz D, et al. Is there a role for benzodiazepines in the management of lumbar disc prolapse with acute sciatica? Pain 2010;149:470–5.

Arzneimitteltherapie 2011; 29(01)