Chronische Sialorrhö

Quälendes Begleitsymptom verschiedener neurologischer Erkrankungen


Abdol A. Ameri, Weidenstetten

Unkontrollierter Speichelfluss ist eine häufige Begleiterscheinung neurologischer Erkrankungen. Obschon eine chronische Sialorrhö mit einem hohen Leidensdruck, Stigmatisierung, Beeinträchtigungen der Lebensqualität sowie mit einem erhöhten Pneumonie-Risiko verbunden ist, gab es bislang keine effektiven und gut verträglichen medikamentösen Therapiemöglichkeiten. Neue Hoffnung für die Patienten bietet die ultraschallgestützte Injektion von Botulinumtoxin in die großen Speicheldrüsen. Die in den USA bereits zugelassene Behandlungsmöglichkeit wurde während einer Pressekonferenz der Firma Merz Pharmaceuticals im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) im November 2018 vorgestellt.

Für eine normale Speichelkontrolle sind eine geordnete Lippen- und Kieferkontrolle sowie eine intakte Schluckfunktion notwendig [3]. Die schnelle Folge der Schluckphasen muss mit der Atmung koordiniert werden, da ein Herunterschlucken zeitgleich einen Verschluss der Atemwege erfordert. Neurologische Defizite, fehlende Integrität der Mund-Kiefer-Region und Nebenwirkungen mancher Arzneimittel können Sialorrhö induzieren (Tab. 1). Am häufigsten betroffen sind Patienten mit Morbus Parkinson [1], amyotropher Lateralsklerose (ALS) [5] sowie Schlaganfallpatienten. Auch Kinder mit Zerebralparese entwickeln in 33 % bis 58 % der Fälle eine Sialorrhö [4, 7]. Im HNO-Bereich spielen tumorbedingte Defekte im Kopf-Hals-Bereich und Schluckstörungen eine wichtige Rolle als Ursache für eine Sialorrhö.

Tab. 1. Ursachen einer Sialorrhö [3]

Neurologische Defizite

  • Zerebralparese, Hirntrauma, Hirninfarkt
  • Neurologische Erkrankungen (u. a. Parkinson, amyotrophe Lateralsklerose, Schlaganfall)

Fehlende Integrität der Mund-Kiefer-Region

  • Fehlbildungen (z. B. Zahnfehlstellungen, Malokklusion)
  • Gewebsdefekte: Patienten mit Kopf-Hals-Malignomen in den verschiedenen Betreuungsphasen (postoperativ, per- oder postradiogen sowie palliativ)

Gesteigerte Speichelproduktion als unerwünschte Arzneimittelwirkung

  • Atypische Antipsychotika (v. a. Clozapin)
  • Dopaminantagonisten bei Provokation eines Parkinsonoids mit verminderter Schluckfrequenz

Hoher emotionaler und sozialer Leidensdruck

Die Patienten sind in ihrer Lebensqualität, im Berufsleben, in den sozialen Aktivitäten und auch in der Familie und Partnerschaft erheblich beeinträchtigt.

Sialorrhö ist auch ein ernsthaftes klinisches Problem. Nicht zu unterschätzen ist das Risiko einer Aspirationspneumonie [3]. „Aber allein die soziale Isolation durch das Stigma des Speichelverlusts aus dem Mund ist als Behandlungsindikation zu berücksichtigen“, so Prof. Dr. Wolfgang Jost, Wolfach. Um die Häufigkeit und Ausprägung der Sialorrhö im klinischen Alltag zu erfassen, können standardisierte Fragebögen wie der DSFS (Drooling severity and frequency scale) eingesetzt werden [3]. Die aktualisierte, noch nicht veröffentlichte Version der Leitlinie „Hypersalviation“ empfiehlt, bei allen Patienten eine frühe multidisziplinäre Erstbeurteilung durchzuführen. Dazu gehören unter anderem Untersuchungen des Hirnnervenstatus, des Muskeltonus, der Mundhöhle, des Zahnstatus sowie eine Prüfung der orofazialen Motilität und der Lippenkraft [3].

Eine funktionelle logopädische Schlucktherapie zur Reduktion des Aspirationsrisikos ist die Basis der Therapie [3]. Anticholinergika können zwar den Speichelfluss eindämmen, sind aber mit erheblichen Nebenwirkungen assoziiert und fast ausschließlich nicht für die Behandlung der Sialorrhö zugelassen. In Anbetracht des erheblichen Leidensdrucks besteht noch ein hoher Bedarf an effektiven, gut verträglichen und bei Sialorrhö zugelassenen Medikamenten. Gute Erfahrungen hat Jost mit der sonographisch kontrollierten, intraglanulären Injektion von Botulinumtoxin in die großen Speicheldrüsen gemacht. Dadurch lässt sich der Speichelfluss ohne systemische Nebenwirkungen langanhaltend verringern [3]. In der Leitlinie wird diese Therapieoption als effektive und sichere Behandlungsform bei chronischer Sialorrhö empfohlen [3]. Im Rahmen einer multizentrischen, randomisierten, Placebo-kontrollierten Phase-III-Studie wurde die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Incobotulinumtoxin A (Xeomin®) bei Erwachsenen mit chronischer Sialorrhö (n = 184) bestätigt [2]. Die Studiendaten haben zur Zulassung von Incobotulinumtoxin A zur Behandlung der chronischen Sialorrhö bei Erwachsenen in den USA geführt [6]. Für Deutschland ist der Zulassungsantrag bereits eingereicht.

Quelle

Prof. Dr. Wolfgang Jost, Wolfach, Prof. Dr. Rainer Laskawi, Göttingen, Meet-the-Expert „Begleiterscheinungen neurologischer Erkrankungen. Chronische Sialorrhö – chronisch unterschätzt?“, veranstaltet von Merz Pharmaceuticals im Rahmen des DGN-Kongresses, Berlin, 1. November 2018.

Literatur

1. Hill F, et al. Botulinum toxin for drooling in Parkinson’s disease. Cochrane Database Syst Rev 2016;10:D012408.

2. Jost WH, et al. SIAXI: Efficacy and safety of xeomin (incobotulinumtoxin A) for the treatment of sialorrhea in Parkinson’s disease (PD) and other neurological conditions: Results of a phase III, placebo-controlled, randomized, double-blind study. Neurology 2018;90(Suppl): Abstract S2.0007, http://n.neurology.org/content/90/15_Supplement/S2.007 (Zugriff am 09.11.2018).

3. Leitlinie „Hypersalviation“, AWMF-Registernummer 017/075.

4. Tahmassebi JF, Curzon ME. Prevalence of drooling in children with cerebral palsy attending special schools. Dev Med Child Neurol 2003;45:613–7.

5. Tiigimäe-Saar J, Tet al. Does botulinum neurotoxin type A treatment for sialorrhea change oral health? Clin Oral Investig 2017;21:795–800.

6. US-amerikanische Fachinformation Xeomin®, Stand Juli 2018, https://www.accessdata.fda.gov/drugsatfda_docs/label/2018/125360s073lbl.pdf (Zugriff am 09.11.2018).

7. Walshe M, et al. Interventions for drooling in children with cerebral palsy. Cochrane Database Syst Rev 2012;11:CD008624.

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Arzneimitteltherapie 2019; 37(01):42-51.