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Editorial Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

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Inhalatives Budesonid bei COVID-19

Seite 186 -195
Übersicht Simon Faissner, Marielena Bongert und Ralf Gold, Bochum

Progression bei multipler Sklerose

Stillstand durch fortschrittliche Behandlungen

Die multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Demyelinisierung, axonalen Schaden und Neurodegeneration gekennzeichnet ist. In den meisten Fällen beginnt sie als schubförmig verlaufende Erkrankung (RRMS), die sich bei insuffizienter Behandlung nach etwa 15 Jahren zu einer progredienten MS mit schleichender Behinderungszunahme entwickelt. Durch das zunehmend bessere Verständnis der inflammatorischen Vorgänge der MS gibt es mittlerweile eine Vielzahl immunmodulatorischer Medikamente, die für die RRMS zugelassen sind. Diese sind bei der primär progredienten (PPMS) oder sekundär chronisch-progredienten MS (SPMS) bislang nur unzureichend oder überhaupt nicht wirksam. Gründe hierfür liegen in einer Änderung dominierender Pathomechanismen, die unter anderem eine chronisch-diffuse Inflammation durch T- und B-Zellen, aktivierte Mikroglia, oxidativen Stress, Eisenakkumulation und mitochondrialen Schaden umfassen. Diese Prozesse beschleunigen die Neurodegeneration mit konsekutiver Behinderungszunahme. Mit der Zulassung des B-Zell depletierenden Antikörpers Ocrelizumab für die PPMS sowie des S1P-Rezeptor-Modulators Siponimod für die SPMS hat es in den letzten Jahren positive Entwicklungen in der Behandlung von progredienten MS-Verlaufsformen gegeben. Translationale Studien zu neuroprotektiven Substanzen, wie unter anderem Riluzol, Fluoxetin und Amilorid, waren hingegen negativ. Neuere Ansätze verfolgen die Hemmung der Bruton’s-Tyrosin-Kinase in B-Zellen und myeloiden Zellen durch Blut-Hirn-Schranken-gängige Therapeutika sowie die Entwicklung weiterer neuroprotektiver und remyelinisierender Medikamente wie Clemastin. In dem folgenden Übersichtsartikel werden wir Meilensteine der Behandlung von progredienten Verlaufsformen sowie vielversprechende neue Therapieansätze diskutieren.
Arzneimitteltherapie 2021;39:186–95.

English abstract

Progression in multiple sclerosis - arrest due to new therapeutics

Multiple sclerosis (MS) is a chronic inflammatory disease of the central nervous system, characterized by demyelination, axonal damage and neurodegeneration. Most of the patients initially face a relapsing-remitting disease (RRMS), which evolves to a secondary-progressive disease course (SPMS) in undertreated patients, characterized by continuous accumulation of disability. The better understanding of inflammatory mechanisms led to the development of a considerable amount of effective treatments for RRMS. Those, however, are often ineffective in primary-progressive (PPMS) or secondary-progressive (SPMS) disease courses. This is mostly related to a shift of dominating pathomechanisms to chronic-diffuse inflammation by T- and B-cells, activated microglia, oxidative stress, iron accumulation and mitochondrial damage, speeding up neurodegeneration and associated disability accumulation. The approval of the B-cell depleting antibody ocrelizumab for PPMS and the S1P-receptor modulator siponimod for SPMS was a milestone for the treatment of progressive MS courses. Studies investigating neuroprotective substances such as riluzole, fluoxetine and amiloride were, however, unsuccessful. New approaches target the Bruton’s-tyrosine-kinase in B-cells and myeloid cells. Moreover, other neuroprotective or remyelinating medications such as clemastine are underway. In the following review we will cover milestones of treatment approaches for progressive disease courses and promising new therapeutic approaches.

Key words: secondary-progressive multiple sclerosis, primary-progressive multiple sclerosis, ocrelizumab, siponimod, neuroprotection, remyelination, BTK-inhibition

Seite 198 -202
Übersicht Quoc Thai Dinh, Rathenow, und Robert Bals, Homburg/Saar

Asthma bronchiale

Molekulare pharmakologischen Targets der Biologika-Therapie

Asthma bronchiale ist eine chronisch entzündliche und obstruktive Atemwegserkrankung mit unterschiedlichen pathophysiologischen Formen (Phänotypen). Eine Subpopulation von Asthmatikern (5 bis 10 %) erleidet trotz einer leitliniengerechten Therapie mit hochdosiertem inhalativem Glucocorticoid, zwei Kontrollern (langwirksames Beta-2-Sympathomimetikum und Anticholinergikum) sowie einem Leukotrien-Rezeptorantagonisten häufig ein schweres Asthma bronchiale mit Exazerbationen. Mit der Charakterisierung der unterschiedlichen Asthma-Phänotypen wurde eine neue Ära in der Pharmakotherapie des Asthmas bronchiale eingeleitet. Für das allergische Asthma bronchiale ist seit 2005 eine Anti-IgE-Antikörper-Therapie (mit Omalizumab) in Deutschland verfügbar. Für das nicht-allergische Asthma bronchiale (eosinophiles Asthma) wurden mittlerweile drei monoklonale Antikörper, Mepolizumab (2015), Reslizumab (2016) und Benralizumab (2018), gegen Interleukin 5 zugelassen. Seit März 2019 steht Dupilumab für die Therapie des TH2-vermittelten Asthmas bronchiale bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren zur Verfügung. Dupilumab zielt auf Patienten mit schwerem Asthma bronchiale und TH2-Dominanz mit Komorbiditäten wie allergische Rhinitis und atopische Dermatitis. Die Übersichtsarbeit beschreibt die pharmakologische Therapie bei Asthma bronchiale nach der aktuellen Leitlinie und befasst sich mit den molekularen pharmakologischen Targets der Biologika-Therapie des schweren Asthma bronchiale.
Arzneimitteltherapie 2021;39:198–202.

English abstract

Pharmacological therapy of bronchial asthma

Bronchial asthma is a chronic inflammatory and obstructive airway disease with various pathophysiolocial phenotypes. A small subpopulation of asthmatics (5 % to 10 %) suffers despite of the guideline therapy with high dose of inhaled steroid, two controllers (long acting beta 2 sympathomimetic and anticholinergic), as well with a leukotriene receptor antagonist from severe bronchial asthma with exacerbation.

With the characterisation of different asthmatic phenotypes, a new era in the pharmacotherapy of bronchial asthma is being ushered. In Germany, an anti-IgE-therapy with omalizumab is for allergic bronchial asthma available since 2005. For the nonallergic bronchial asthma, an eosinophilic asthma, three monoclonal antibodies targeting interleukin-5, mepolizumab (2015), reslizumab (2016) and benralizumab (2018) have been approved. Dupilumab is available for the therapy of bronchial asthma with Th2-mediated inflammation in adults and adolescents aged 12 years and above since march 2019. Dupilumab aims to treat patients with severe bronchial asthma with Th2-dominance and comorbidities such as allergic rhinitis and atopic dermatitis.

The review describes the pharmacological therapy of bronchial asthma according to the current guideline and deals with the molecular pharmacological targets of the biological therapy of severe bronchial asthma.

Key words: Severe bronchial asthma, asthmatic phenotypes, biological, omalizumab, mepolizumab, reslizumab, benralizumab, dupilumab

Seite 203
Rezension Dr. Marianne Schoppmeyer, Nordhorn

Umfassender Überblick der pädiatrischen Rheumatologie

Seite 204 -205
Klinische Studie Dr. Sabine Fischer, Stuttgart

Malignes Pleuramesotheliom

Erstlinientherapie mit Nivolumab plus Ipilimumab

Bislang beschränken sich die systemischen Behandlungen des nicht resezierbaren malignen Pleurameothelioms (MPM) auf Chemotherapien. Diese bieten allerdings nur einen moderaten Überlebensvorteil. Nivolumab in Kombination mit Ipilimumab zeigte bei anderen Tumorarten wie dem nichtkleinzelligen Lungenkarzinom einen klinischen Nutzen. In der vorliegenden CheckMate-743-Studie untersuchten die Studienautoren die Wirkung dieses Regimes auf das Gesamtüberleben bei MPM.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Morbus Alzheimer

Donanemab reduziert Amyloid-Plaques

Mit einem Kommentar des Autors
In einer randomisierten, Placebo-kontrollierten Studie bei 257 Patienten mit beginnender Alzheimer-Krankheit führte Donanemab, ein monoklonaler Antikörper, der an Beta-Amyloid bindet, zu einer minimalen Besserung kognitiver Funktionen.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Geriatrische Depression

Könnte Methylphenidat auch als Antidepressivum eingesetzt werden?

Methylphenidat ist bei ADHS und Narkolepsie zugelassen. Sein Wirkungsmechanismus lässt auch auf einen Nutzen bei einer Depression schließen. Mit einer systematischen Literaturarbeit klärten Smith und Kollegen, welche Evidenz zum Thema bereits vorliegt.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Glioblastom

Sind Cannabinoide bei der Therapie des Rezidivs eines Glioblastoms wirksam?

Mit einem Kommentar des Autors
In einer kleinen, Placebo-kontrollierten Studie an Patienten mit einem Rezidiv eines Glioblastoms war Nabiximols als oromukosales Cannabinoid-Spray bei personalisierter Dosierung gut verträglich. Es wurden keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten wie Temozolomid identifiziert. Die beobachteten Überlebensunterschiede zugunsten von Nabiximols sollten zu einer größeren und adäquat gepowerten, randomisierten, kontrollierten Studie führen.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Inflammatorische Polyneuritis

Zweite Gabe von Immunglobulinen bei Guillain-Barré-Syndrom mit schlechter Prognose

Mit einem Kommentar des Autors
Eine randomisierte Studie in den Niederlanden bei Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom und schlechter Prognose zeigte keinen therapeutischen Nutzen einer zweiten intravenösen Gabe hochdosierter Immunglobuline. Daher wird ein zweiter Behandlungszyklus mit Immunglobulinen nicht empfohlen.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Schizophrenie

Langwirksame Depotpräparate im Vergleich mit oralen Antipsychotika

Der Vorteil von langwirksamen Depotantipsychotika in der Rezidivprophylaxe der Schizophrenie ist umstritten. Eine aktuelle Metaanalyse wertete nun auch die neu hinzugekommene Literatur aus und könnte Hinweise für die klinische Praxis liefern.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Dr. Sabine Fischer, Stuttgart

Atemwegsinfektionen

Verzögerter Einsatz von Antibiotika bei Kindern

Atemwegsinfekte bei Kindern sind ein häufiger Grund für einen Arztbesuch. Der Einsatz von Antibiotika ändert oft wenig am Verlauf der Erkrankung, dennoch werden sie oft verschrieben. In der vorliegenden Studie untersuchten die Autoren Wirksamkeit und Sicherheit der verzögerten Verschreibung von Antibiotika im Vergleich zur sofortigen Verordnung bei Kindern mit unkomplizierten Atemwegsinfekten.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Dr. Larissa Tetsch, Maisach

Chronisch obstruktive Lungenerkrankung

Prophylaktische Einnahme von Makrolid-Antibiotika kann COPD-Exazerbationen reduzieren

Viele Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) erleiden Phasen einer akuten Verschlimmerung ihrer Symptome. Diese Exazerbationen beschleunigen das Fortschreiten der Krankheit, erhöhen die Mortalität und verringern die Lebensqualität der Betroffenen. Eine Netzwerk-Metaanalyse der Ergebnisse aus zwölf klinischen Studien liefert jetzt Hinweise dafür, dass die prophylaktische Gabe von Makrolid-Antibiotika Exazerbationen reduzieren und gleichzeitig die Lebensqualität erhöhen kann.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Dr. Maja M. Christ, Stuttgart

Nichtkleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC)

Durvalumab auch unter Real-World-Bedingungen und nach sequenzieller Radiochemotherapie sicher

Auf dem diesjährigen European Lung Cancer Virtual Congress 2021 wurden neue Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit des Checkpoint-Inhibitors Durvalumab bei Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) vorgestellt, darunter erste Sicherheitsdaten der PACIFIC-6-Studie und Ergebnisse der PACIFIC-R-Studie.

Seite 206 -219
Referiert & kommentiert Dr. Maja M. Christ, Stuttgart

Vorhofflimmern

„Ein Schlaganfall als Erstmanifestation dokumentiert eine suboptimale medizinische Versorgung“

Die Prävalenz für Vorhofflimmern steigt. Im Rahmen der 87. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, die vom 7. bis 9. April 2021 stattfand, stellten Experten Screening-Tools und Optionen einer patientenorientierten Therapie vor. Das Symposium wurde von Bristol-Myers Squibb und Pfizer veranstaltet.

Seite 220
Notizen Stefan Fischer, Stuttgart

G-BA-Beschluss

Alpelisib beim Mammakarzinom

Seite 222 -224
Seite 225 -229
Pressekonferenz Michael Koczorek, Bremen

Epilepsie

Perampanel als frühe Zusatztherapie und als neue evidenzbasierte Therapie bei Kindern

Der AMPA-Rezeptor-Antagonist Perampanel ist als antiepileptische Zusatztherapie anhaltend wirksam und verträglich – auch bei frühem Einsatz. Nach der kürzlich erfolgten Zulassungserweiterung können nun auch Kinder ab dem 4. bzw. ab dem 7. Lebensjahr behandelt werden. Wesentliche Studienergebnisse hierzu wurden im Rahmen des von Eisai veranstalteten 14. Valentinssymposiums präsentiert.

Seite 225 -229
Pressekonferenz Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Cholangiokarzinom

Pemigatinib zugelassen im fortgeschrittenen oder metastasierten Stadium bei FGFR2-Fusion oder -Rearrangement

Patienten mit Cholangiokarzinom, bei denen eine chirugische Resektion nicht möglich ist, haben eine schlechte Prognose und ihre Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Im März erteilte die Europäische Kommission jedoch die Zulassung für den Kinaseinhibitor Pemigatinib in der Zweitlinientherapie. Die Ergebnisse der Zulassungsstudie stellten Experten auf einer Online-Pressekonferenz im April 2021 vor. Die Veranstaltung wurde von der Firma Incyte organisiert.

Seite 225 -229
Pressekonferenz Dr. med. Peter Stiefelhagen, Starnberg

Kardiovaskuläre Prävention

RNA-basierter Lipidsenker halbiert das LDL-C

Einer der entscheidenden Risikofaktoren für kardiovaskuläre Ereignisse ist ein erhöhtes LDL-Cholesterin. Da die Patienten auch mit einer hochdosierten Statintherapie bzw. einer Kombination mit Ezetimib die Zielwerte oft nicht erreichen, besteht Bedarf für neue Therapiestrategien. Eine neue Behandlungsoption ist Inclisiran, eine small interfering RNA (siRNA). Die Substanz wird in dem umfangreichen ORION-Studienprogramm untersucht. Die Ergebnisse dieser Studien wurden im Rahmen eines von der Firma Novartis veranstalteten virtuellen Symposiums bei der 87. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) diskutiert.