Bekannte Wirkstoffe für neue Krebstherapien nutzen


Madeline Günther und Prof. Dr. Carsten Culmsee, Marburg

Radikalkur

Mit alten Wirkstoffen zu neuen Krebstherapien

Von Ernst Küsters. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden, 2020. 310 Seiten, zahlreiche Tabellen und Graphiken. Kartoniert 29,95 Euro. ISBN 978-3-86888-163-9.

Die Literatur zum Thema „Krebsursachen und Therapie“ füllt ganze Bibliotheken und die Entwicklung geht weiter; es werden aus der Forschung beinahe unerschöpflich neue Erkenntnisse nachgeliefert und von der Industrie immer komplexere, stratifizierte und personalisierte Therapieansätze entwickelt – und vermarktet. Ist dies wirklich die einzige Möglichkeit, den Kampf gegen Krebs zu gewinnen?

Ernst Küsters hinterfragt in seinem Werk diesen Ansatz durchaus kritisch und zeigt auf, dass die immer aufwendiger werdende Entwicklung neuer Wirkstoffe nicht die einzige „Waffe“ gegen Krebs bleiben muss. Vielmehr weist er daraufhin, dass der Medizin bereits viele Werkzeuge in die Hand gelegt wurden, um die Erkrankung Krebs beherrschbar, ja möglicherweise sogar heilbar zu machen. Sie müssten nur genutzt werden, ganz im Sinne des „Repurposing“, also durch Neubewertung altbekannter Arzneistoffe für neue Indikationsgebiete, auch und gerade in der Krebstherapie.

Dabei reduziert Küsters diesen Ansatz keineswegs auf eine stark vereinfachende Formel, wie der Titel „Radikalkur“ vielleicht vermuten lässt. Es handelt sich hier vielmehr um ein doch recht umfassendes Werk, das zunächst in grundlegende Mechanismen der Tumorentstehung einführt und auch auf wahrlich komplexe biochemische Prozesse und die metabolischen Besonderheiten von Krebszellen eingeht.

Im Hauptteil des Buchs werden die biochemischen Grundlagen des Stoffwechsels von Tumorzellen als mögliche therapeutische Angriffspunkte sehr anschaulich herausgearbeitet. Hier bietet sich dem vorinformierten Leser eine Fundgrube, die auch durch das ausführliche Quellenverzeichnis hervorragend gestützt wird. Die Darstellungen zum Zusammenhang zwischen Glucose-Stoffwechsel, Radikalentstehung und den Behandlungsansätzen bei Krebs bewegen sich dabei auf hohem Niveau und spiegeln sehr gelungen die Komplexität dieser Erkrankung wider. Abgeschlossen wird das Buch mit Erläuterungen zu den aktuell klinisch eingesetzten Chemotherapeutika, sinnvollen Wirkstoffkombinationen, die sich sowohl aus „alten“ als auch aus „neuen“ Arzneistoffen zusammensetzen müssten, und sinnvollen klinischen Studien, die dringend benötigt werden. Anknüpfend hieran macht Küsters auch gleich realistische Vorschläge, wie dies von der Theorie in die klinische Praxis umgesetzt werden kann.

Dies ist auf der Grundlage der dargestellten wissenschaftlichen Zusammenhänge eines der Hauptanliegen des Autors – nämlich bestehende Erkenntnisse und verfügbare Wirkstoffe aus anderen Indikationsgebieten zu nutzen, um mit den „alten Wirkstoffen neue Krebstherapien“ konkret anzugehen und zwar abseits der derzeitig durch Patentrechte und Gewinnstreben geprägten Gesundheitssysteme. Damit hat das Buch zudem eine politische Botschaft, mit deutlicher Kritik an den bestehenden Praktiken und Regularien der Wirkstoffforschung und Strategien der Pharmaindustrie. Auch hier fordert Küsters eine Radikalkur – Titel und Werk spannen also den Bogen von der Wissenschaft zu Forderungen nach gesundheitspolitischen Veränderungen. Zusammen mit Anekdoten und Gedankenspielen bleibt es im Kern ein Werk, das sich aufgrund der Komplexität der biochemischen Grundlagen vornehmlich an die Wissenschaft bzw. die klinische Forschung richtet.

Der Autor trägt hier eine große Bandbreite von altbekannten und verfügbaren Wirkstoffklassen, pflanzlichen Inhaltsstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln zusammen, die über Radikalbildung oder veränderten Glucose-Stoffwechsel das Tumorwachstum hemmen können. Damit ist das Buch eine wahre Fundgrube für neue Ansätze und Strategien, die allerdings in einigen Fällen noch zu wenig gesichert scheinen, um damit unmittelbar in die klinische Anwendung zu gehen, in anderen Fällen aber zum Weiterdenken anregen und erkennbares Potenzial für neue Therapiestrategien haben sollten. Ein lohnendes Buch, kurzweilig geschrieben und mit Gedankenexperimenten angereichert, das keine vereinfachenden Belehrungen liefert, sondern dazu inspiriert, mit verfügbaren Mitteln und bestehenden Erkenntnissen die Radikalkur gegen den Krebs neu anzugehen.

Arzneimitteltherapie 2021; 39(07):238-238.