Editorial Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart

Die Arzneimitteltherapie in neuem Gewand

Übersicht Florian Raimann, Joanna Warszawska, Angelo Ippolito, Kai Zacharowski und Andreas Pape, Frankfurt am Main

Inhalationsanästhetika

Übersicht über aktuelle volatile Inhalationsanästhetika

Inhalationsanästhetika gehören in der modernen Anästhesie noch immer zu den am meisten verwendeten Substanzen. Wenngleich das „ideale“ volatile Anästhetikum bis heute nicht gefunden wurde, wurden in den letzten Jahrzehnten viele neue innovative Wirkstoffe entwickelt. Jedes aktuell auf dem Markt verfügbare Anästhetikum zeichnet sich durch substanzspezifische pharmakodynamische und pharmakokinetische Eigenschaften aus. Der folgende Artikel gibt einen Überblick über die in der Klinik verwendeten Inhalationsanästhetika.
Arzneimitteltherapie 2016;34:454–63.

English abstract

Volatile anesthetics

Volatile anesthetics are one of the substances most commonly used in today’s anesthesia. Although the “ideal” volatile anesthetic was not found until today, many new drugs have been identified in recent decades. Currently on the market available anesthetic are distinguished by different pharmacodynamic and pharmacocinetic properties. This article gives an overview of volatile anesthetic currently used in practise.

Key words: Volatile anesthetics, sevofluran, desfluran, isofluran

Übersicht Joanna Warszawska, Florian Raimann, Angelo Ippolito, Kai Zacharowski und Andreas Pape, Frankfurt am Main

Muskelrelaxanzien in der Anästhesie und Intensivmedizin

Die Muskelrelaxation ist ein fester Bestandteil der modernen Anästhesiologie. Sie verbessert signifikant die Intubationsbedingungen und vermindert dadurch die intubationsbedingte laryngeale Morbidität. Zudem trägt sie zur Verbesserung der operativen Bedingungen bei abdominellen und thoraxchirurgischen Eingriffen bei. Es stehen heutzutage einige moderne Muskelrelaxanzien zur Verfügung, wie etwa Cisatracurium, das organunabhängig nichtenzymatisch eliminiert wird und nebenwirkungsarm ist, oder Rocuronium, das eine sehr schnelle Anschlagzeit besitzt und somit eine Alternative zum alten nebenwirkungsreichen Succinylcholin bei der Indikation Ileuseinleitung darstellt. Ein ideales Muskelrelaxans, das durch eine rasche Anschlagzeit, kurze Wirkdauer, organunabhängige Elimination, leichte Reversierung und günstiges Nebenwirkungsprofil charakterisiert ist, wurde allerdings bis dato nicht gefunden. Tatsächlich führen die heute meist verwendeten mittellang wirksamen nichtdepolarisierenden Muskelrelaxanzien häufig zu einer relevanten postoperativen Restblockade. Die Konsequenz der Restrelaxierung ist vor allem eine signifikant erhöhte pulmonale Morbidität. Der Einsatz von objektiven relaxometrischen Messverfahren und gegebenenfalls Reversierung hilft die Inzidenz postoperativer Restblockaden zu reduzieren. Für die Aufhebung der neuromuskulären Blockade durch Rocuronium und Vecuronium steht neben den nebenwirkungsreichen Acetylcholinesterase(AChE)-Hemmern (Neostigmin, Pyridostigmin) seit ein paar Jahren Sugammadex zur Verfügung. Diese Substanz hat ein günstiges Nebenwirkungsprofil und ermöglicht dosisabhängig eine rasche Aufhebung selbst tiefer Restblockaden.
Arzneimitteltherapie 2016;34:467–77.

English abstract

Muscle relaxants in anesthesia and intensive care

Neuromuscular blockade constitutes an inherent part of the modern anesthesia. It improves the intubation conditions significantly and therefore reduces the intubation-associated laryngeal morbidity. Additionally, it improves the operative conditions in the abdominal and thoracic surgery. There are several modern muscle relaxants available e.g. Cisatracurium, which is eliminated non-enzymatically and organ-independently, and has few side effects or Rocuronium, which has a rapid onset of action and is therefore an alternative drug for the old and rich in side effects Succinylcholin during rapid sequence intubation. The ideal muscle relaxant, which would have a rapid onset of action, would be short acting, eliminated organ-independently, easy to reverse and would have no relevant side effects, has not been identified so far. Indeed, the most commonly used non-depolarising muscle relaxants lead very often to a relevant residual blockade. Most notably, the consequence of the postoperative residual curarization is the significantly increased pulmonary morbidity. The use of the objective neuromuscular monitoring techniques and block reversal (if required) helps to reduce the incidence of the postoperative residual paralysis. Rocuronium and Vecuronium induced neuromuscular blocks can be not only reversed by the Acetylcholinesterase (AChE) inhibitors (Neostigmine, Pyridostigmine), which have many side effects, but also by Sugammadex. This new reversing agent has no relevant adverse reactions and facilitates dose-dependently a quick reversal of even deep residual blocks.

Key words: anaesthesia, muscle relaxant, postoperative residual curarization, neuromuscular monitoring,reversal

Neue Arzneimittel in der Diskussion Ingo Stock, Bonn

Isavuconazol – ein neues Azol-Antimykotikum bei invasiven Pilzinfektionen

Isavuconazol ist ein neues Triazol-Derivat mit einer guten Aktivität gegen zahlreiche Pilze, einschließlich Aspergillus- und viele Mucoraceae-Arten. Es wurde kürzlich von der Europäischen Kommission zur Therapie Erwachsener mit invasiver Aspergillose oder Mucormykose zugelassen. In einer randomisierten Doppelblindstudie wurde gezeigt, dass seine Wirksamkeit in der Therapie der invasiven Aspergillose einer herkömmlichen Behandlung mit Voriconazol nicht unterlegen ist. In einer zusätzlichen offenen Studie konnte dokumentiert werden, dass Isavuconazol in der Therapie der invasiven Mucormykose zu ähnlichen Ergebnissen führt wie eine Standardtherapie mit Amphotericin B und Posaconazol. Isavuconazol ist wie andere Azole der zweiten Generation in einer intravenösen und oralen Formulierung verfügbar, weist günstige pharmakokinetische Eigenschaften, verglichen mit Voriconazol weniger Interaktionen mit anderen Substanzen und eine bessere Verträglichkeit auf.
Arzneimitteltherapie 2016;34:478–81.

Neue Arzneimittel in der Diskussion

Isavuconazol – ein neues Triazol-Antimykotikum

Aus Expertensicht

Isavuconazol ist zur Behandlung invasiver Aspergillus-Infektionen indiziert und das erste Arzneimittel in Deutschland, das für die Therapie von Patienten mit Mucormykose, bei denen eine Behandlung mit Amphotericin B nicht angemessen ist, zugelassen ist. Die Sicherheit und Wirksamkeit von Isavuconazol für die Behandlung einer invasiven Aspergillose wurde in einer Doppelblindstudie mit einem Voriconazol-Kontrollarm untersucht. In einer prospektiven, unkontrollierten Studie erhielten 37 Patienten mit gesicherter oder vermuteter Mucormykose Isavuconazol. Auf der Grundlage bisheriger Daten scheint Isavuconazol im Vergleich zu Voriconazol und Amphotericin B eine bessere Verträglichkeit und die für Azol-Antimykotika typischen Wechselwirkungen in geringerem Ausmaß zu besitzen, bei gleichzeitig günstigen pharmakokinetischen Eigenschaften.
Arzneimitteltherapie 2016;34:482–4.

Klinische Studie Britta Novak, Nordhorn

Infektiologie

Tenofovir verhindert die vertikale Transmission von Hepatitis B

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind etwa 3% der Weltbevölkerung (etwa 240 Millionen) chronisch mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) infiziert. Um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, werden verschiedene präventive Maßnahmen durchgeführt. Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei dem perinatalen Infektionsweg. In einer aktuellen Studie konnte nachgewiesen werden, dass Tenofovir eine vertikale Transmission bei hochvirämischen Schwangeren verhindern kann.

Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Demenz

Aducanumab: Die Therapie der Zukunft des Morbus Alzheimer?

Mit Autorenkommentar
Aducanumab ist der erste monoklonale Antikörper, der die Blut-Hirn-Schranke überwindet und bei Menschen mit beginnender Alzheimer-Erkrankung die Konzentration von Beta-Amyloid im Gehirn reduziert. Einhergehend mit dieser Reduktion kommt es zu einer Stabilisierung der kognitiven Funktionen.

Referiert & kommentiert: Aus Forschung und Entwicklung Dr.Susanne Heinzl, Reutlingen

Primäre biliäre Cholangitis

Neue Therapieoption Obeticholsäure

Obeticholsäure kann allein oder in Kombination mit Ursodeoxycholsäure (UDC) das Fortschreiten einer primären biliären Cholangitis (PBC) verlangsamen, wie die Ergebnisse der internationalen Phase-III-Studie POISE (PBC OCA International Study of Efficacy) zeigen [1]. Die neue Therapie verminderte die alkalische-Phosphatase-Spiegel und die Bilirubin-Werte signifikant stärker als Placebo. Auf Basis der POISE-Daten hat die amerikanische FDA Obeticholsäure am 27. Mai 2016 beschleunigt für die Behandlung der PBC in Kombination mit Ursodeoxycholsäure zugelassen, die EMA hat im Oktober 2016 die Zulassung empfohlen.

Referiert & kommentiert: Therapiehinweise Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Infektiologie

Langzeitantibiose zur Behandlung der Borreliose

Mit Autorenkommentar
Bei Patienten mit persistierenden Beschwerden bei chronischer Borreliose ist eine Langzeitantibiose nicht in der Lage, die Lebensqualität zu verbessern. Dies ist das Ergebnis einer in Europa durchgeführten und kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie.

Referiert & kommentiert: Therapiehinweise Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Antikoagulanzien

Andexanet alfa für die Behandlung schwerwiegender Blutungskomplikationen unter der Einnahme von Faktor-Xa-Hemmern

Mit Autorenkommentar
Bei Patienten, die unter einer Behandlung von Apixaban oder Rivaroxaban eine schwerwiegende Blutungskomplikation erleiden, reduziert die Bolus-Gabe von Andexanet alfa, gefolgt von einer 2-stündigen Infusion, die biologische Aktivität der beiden Faktor-Xa-Hemmer um 90%. Fast 80% der Patienten erreichen eine ausreichende Hämostase.

Referiert & kommentiert: Therapiehinweise Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Demenz

Führt eine Kontrolle von vaskulären Risikofaktoren zu einer geringeren Inzidenz von Demenz?

Mit Autorenkommentar
Eine Behandlung von vaskulären Risikofaktoren mithilfe eines speziellen durch ausgebildete Krankenschwestern vermittelten Behandlungsprogramms hat in den Niederlanden keinen Einfluss auf die Entwicklung einer Demenz oder vaskuläre Ereignisse bei alten Menschen.

Referiert & kommentiert: Therapiehinweise Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Zerebrale Blutung

Antithrombotische Therapie und Langzeit-Outcome bei Patienten, die eine intrazerebrale Blutung überlebt haben

Mit Autorenkommentar
Etwa die Hälfte aller Patienten, die eine intrazerebrale Blutung erleiden, hat ein hohes Risiko für Thromboembolien. Wenn diese Patienten oral antikoaguliert werden, reduziert dies signifikant die Sterblichkeit und thromboembolische Ereignisse, ohne das Risiko für erneute Blutungsereignisse zu erhöhen.

Referiert & kommentiert: Therapiehinweise Dr. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Familiäre Hypercholesterinämie

PCSK9-Inhibitor macht Lipid-Apherese häufig überflüssig

Die heterozygote familiäre Hypercholesterinämie (HeFH) ist mit einer Inzidenz von 1 auf 200 keine seltene Erkrankung. Personen mit dieser genetischen Störung haben ein sehr hohes Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis schon in jungen Jahren. Mit den bisher zur Verfügung stehenden Substanzen, nämlich Statinen und Ezetimib, können die angestrebten LDL-Cholesterin-Zielwerte oft nicht erreicht werden. Deshalb benötigen viele der Betroffenen eine Lipid-Apherese. Eine neue vielversprechende Therapieoption für diese Patienten sind PCSK9-Inhibitoren wie Alirocumab. Mit einer solchen Substanz hofft man, die belastende und teure Apherese-Therapie ersetzen zu können.

Notizen Bettina Christine Martini, Legau

Aktuelle Meldungen von EMA, FDA, BfArM und AkdÄ

Pressekonferenz Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Arterielle Hypertonie plus Hypercholesterinämie

Fixe Dreifachkombination verbessert die Adhärenz

Die Kombination von arterieller Hypertonie und Hypercholesterinämie ist häufig und führt im Vergleich zu einer Monomorbidität zu einer deutlichen Erhöhung des kardiovaskulären Risikos. Eine fixe Dreifachkombination aus Atorvastatin, Perindopril und Amlodipin vereinfacht die Therapie durch die Verminderung der Tablettenzahl, was wiederum die Adhärenz verbessert, so das Fazit eines von der Firma Servier veranstalteten Pressegesprächs.

Pressekonferenz Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Vorhofflimmern im Versorgungsalltag

Aktuelle Daten zu Apixaban

Die Versorgungsforschung liefert ergänzende Daten zu klinischen Studien. Die Ergebnisse aus der Versorgungsforschung sind Beobachtungsdaten, die die Effektivität einer Therapie im Versorgungsalltag bewerten. Im Rahmen eines von den Firmen Pfizer/BMS anlässlich der diesjährigen Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) veranstalteten Pressegesprächs wurden aktuelle Daten aus dem Versorgungsalltag zu den Nicht-Vitamin-K-antagonistischen oralen Antikoagulanzien (NOAKs) bei nichtvalvulärem Vorhofflimmern präsentiert.

Pressekonferenz Maria Weiß, Berlin

Intraoperative Hypotonie

Ältere Menschen sind besonders durch Blutdruckabfall gefährdet

Ein intraoperativer Blutdruckabfall ist eine relativ häufige Anästhesie-bedingte Komplikation, die in jedem Fall ernst genommen werden sollte. Bei besonders vulnerablen Patientengruppen wie älteren Menschen und Neugeborenen kann die Hypotonie unter Umständen fatale Folgen mit schwerwiegenden Organschäden haben. Auf einem Satellitensymposium auf dem „Hauptstadtkongress Anästhesiologie und Intensivmedizin“ diskutierten Anästhesisten wirksame Gegenstrategien in besonderen intraoperativen Risikosituationen.

Pressekonferenz Christine Vetter, Köln

Multiple Sklerose

Der Hirnatrophie Einhalt gebieten

Bei der Behandlung der multiplen Sklerose (MS) geht es primär darum, die Schubrate zu reduzieren und die Behinderungsprogression möglichst zu stoppen. Die Betroffenen leiden jedoch unter weiteren Symptomen wie der Entwicklung kognitiver Defizite und/oder einer Fatigue, die möglicherweise sogar zur Aufgabe der Berufstätigkeit führen können. Solche „verborgenen Symptome“ der MS ernst zu nehmen, haben Experten beim Workshop „2. MS Special(ists)“ in Berlin gefordert.

Pressekonferenz Dr.Susanne Heinzl, Reutlingen

Januskinase-Hemmer

Orale Therapieoption bei rheumatoider Arthritis

Tofacitinib ist ein oral applizierbarer Hemmer von Januskinasen (JAK), der im November 2012 von der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) als Monotherapie oder in Kombination mit einem konventionellen DMARD (Disease-modifying anti-rheumatic drug) nach Versagen von Methotrexat zur Behandlung von Patienten mit rheumatoider Arthritis zugelassen wurde und mittlerweile in mehr als 45 Ländern verfügbar ist. Die Zulassung in Europa wird für nächstes Jahr erwartet. Bei einer Pressekonferenz stellte der Hersteller Pfizer aktuelle Daten vor, die beim EULAR-Kongress 2016 in London präsentiert worden waren.

Pressekonferenz Ute Ayazpoor, Mainz

Fortgeschrittenes Nierenzellkarzinom

Lenvatinib in Kombination mit Everolimus in Deutschland zugelassen

Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom nach Anti-VEGF-Vortherapie können ab sofort erstmals mit der Kombination zweier zielgerichteter Substanzen therapiert werden. Die Europäische Kommission hat die zielgerichtete Kombinationstherapie beschleunigt zugelassen, nachdem sich in der globalen, multizentrischen, offenen Phase-II-Studie HOPE 205 das progressionsfreie Überleben gegenüber dem Zweitlinien-Standard Everolimus allein nahezu verdreifachte [1].