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Editorial Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Die infektiologische Bedrohung ist schon lange bekannt

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Übersicht Ralf Stahlmann und Hartmut Lode, Berlin

Neue und alte Antibiotika

Eine aktuelle Bestandsaufnahme

Was versteht man unter einem „neuen“ Antibiotikum? Neu entdeckt? Neu zugelassen? Ist es ein Wirkstoff mit völlig neuartigem Wirkungsmechanismus oder handelt es sich um eine Abwandlung bekannter chemischer Strukturen? Das kann durchaus Einfluss auf den therapeutischen Einsatz haben, denn mögliche Kreuz- oder Parallelresistenzen werden im zweiten Fall eher zu erwarten sein. Echte Innovationen hat es im Bereich der antibakteriellen Therapie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Die Hintergründe sind bekannt: Aus Sicht der pharmazeutischen Industrie ist es ökonomisch sinnvoller, Arzneimittel zur Behandlung von chronischen Erkrankungen zu entwickeln als Antibiotika für eine kurzfristige Therapie mit kurativem Ansatz. Außerdem: Nach der Einführung eines innovativen Antibiotikums wird eine eher zurückhaltende Verwendung empfohlen. Um die Verordnung von Antibiotika weiter zu reduzieren und die Resistenzausbreitung zu verlangsamen, gibt es seit Jahren einen Trend zu einer möglichst kurzfristigen Therapiedauer. Zahlreiche weitere Maßnahmen zum zurückhaltenden Gebrauch werden unter dem Begriff Antibiotic Stewardship zu Recht und durchaus erfolgreich initiiert. Das sind schlechte Voraussetzungen für eine rein wirtschaftlich orientierte Arzneimittelentwicklung. Erst Ende 2019 hatte Johnson & Johnson die Antibiotikaentwicklung aufgegeben, zuvor bereits Bayer, Sanofi, Novartis und viele andere.
Arzneimitteltherapie 2021;39:2–10.

English abstract

Novel and older antibiotics

Research and development of antibiotics is conducted in an area of conflict between an increasing spread of resistent pathogens and an economically motivated withdrawal of the pharmaceutical industry from this area. As a result, older antibiotics experience a renaissance and development of established therapeutic principles continues. Today, the movement considers lack of agents for therapy of infections by Gram-negative pathogens. New ß-lacatamase inhibitors are combined with long known antibiotics to restore their activity. Just few developments consider other mechanisms of resistance as well. Cefiderocol, a siderophore cephalosporin, gets access to the bacterial cell via iron transporters and surmounts porin-associated resistance. Thus the advantage of the pathogens in the race with the therapeutics is catched up, however, true innovations are not recognizable since long.

Key words: antibiotics, development, resistent pathogens, ß-lacatamase inhibitors

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Arzneimittel in der Diskussion Ingo Stock, Bonn

Cefiderocol

Ein neues Siderophor-Cephalosporin bei komplizierten Harnwegsinfektionen und anderen schweren Infektionen mit aeroben gramnegativen Bakterien

Cefiderocol (Fetcroja®) ist ein neuartiges, parenteral zu applizierendes Cephalosporin mit einer sehr guten In-vitro-Wirksamkeit gegen gramnegative Bakterien. Die Substanz ist auch gegen multiresistente Problemkeime wie Carbapenemase-bildende Enterobacteriaceae und multiresistente Non-Fermenter aktiv. Im Gegensatz zu anderen Beta-Lactamen gelangt Cefiderocol über bakterielle Eisentransportsysteme in das Periplasma und zeigt eine hohe Hydrolyse-Stabilität gegenüber nahezu allen Beta-Lactamasen. Fetcroja® hat günstige pharmakokinetische Eigenschaften und erwies sich in klinischen Studien der Phase I und II als gut verträglich. In Phase-III-Studien wurden bei der Therapie von Pneumonien und septischen Infektionen durch multiresistente Erreger unter Cefiderocol vergleichsweise erhöhte Mortalitätsraten beobachtet. Fetcroja® wurde im April 2020 von der Europäischen Kommission für die Behandlung von Infektionen mit aeroben gramnegativen Bakterien bei Erwachsenen mit eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten zugelassen. Die Substanz steht als Pulver zur Zubereitung für Infusionslösungen zur Verfügung.
Arzeimitteltherapie 2021;39:13–8.

English abstract

Cefiderocol – a new siderophore cephalosporin for the treatment of complicated urinary tract infections and other severe infections caused by aerobic gram-negative bacteria

Cefiderocol (Fetcroja®) is a siderophore cephalosporin that can be administered parenterally. It has demonstrated potent in vitro activities against a wide range of gram-negative pathogens, including multidrug-resistant bacteria such as carbapenemase producing Enterobacteriaceae and multidrug-resistant nonfermenting bacilli. In contrast to other beta-lactams, cefiderocol reaches the periplasm via bacterial iron transport systems and shows high hydrolysis stability towards almost all beta-lactamases. Fetcroja® has favorable pharmacokinetic properties and has been shown to be well tolerated in phase I and II clinical studies. In phase III studies, however, comparatively higher mortality rates were observed in the treatment of pneumonia and septic infections caused by multidrug-resistant pathogens applying cefiderocol. Fetcroja® has been approved by the European Commission in April 2020 for the treatment of infections with aerobic gram-negative bacteria in adults with limited treatment options. The substance is available as a powder for preparation for infusion solutions.

Key words: Cefiderocol, siderophore, gram-negative bacteria, Enterobacteriaceae, nonfermenting bacilli, multidrug resistance, carbapenem resistance, beta-lactamase, carbapenemase, enhanced mortality, clinical trial

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Rezension Christine Vetter, Köln

Pharmakologie auf den Punkt gebracht

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Klinische Studie Dr. Matthias Desch, Kogl, Österreich

Perikarditis

Rilonacept zur Therapie einer wiederkehrenden Perikarditis

Eine wiederkehrende Perikarditis kann erfolgreich mit Colchicin oder Glucocorticoiden behandelt werden. Rilonacept, ein rekombinantes Fusionsprotein, das Interleukin 1α und 1β abfängt, erwies sich zur Therapie einer rekurrierenden Perikarditis als hoch wirksam.

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Rezension Prof. Dr. Egid Strehl, Freiburg

Kompass zu verantwortungsvollen ärztlichen Entscheidungen

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Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Die randomisierte kontrollierte OMEMI-Studie

Auswirkungen von Omega-3-Fettsäure-Präparaten bei älteren Patienten nach Myokardinfarkt

Mit einem Kommentar des Autors
In einer randomisierten Studie mit älteren Patienten, die einen Myokardinfarkt erlitten hatten, führte die tägliche Gabe von 1,8 g Omega-3-Fettsäuren im Vergleich zu Placebo zu keiner Reduktion schwerwiegender vaskulärer Endpunkte und der Sterblichkeit. Unter den Omega-3-Fettsäuren kam es tendenziell zu einer vermehrten Häufigkeit von Vorhofflimmern.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Diabetes mellitus

SGLT2-Inhibitoren und kardiovaskuläre Ereignisse: Eine retrospektive Kohortenstudie in Kanada

Mit einem Kommentar des Autors
In einer großen Beobachtungsstudie mit mehr als 418 000 Patienten mit Diabetes mellitus führte die Therapie mit SGLT2-Inhibitoren im Vergleich zur Anwendung von DPP-4-Inhibitoren zu einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Die Studie erfolgte unter Alltagsbedingungen in der klinischen Praxis in Kanada.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Die SCORED-Studie

Sotagliflozin bei Patienten mit Diabetes mellitus und eingeschränkter Nierenfunktion

Mit einem Kommentar des Autors
In einer randomisierten, Placebo-kontrollierten Studie bei 10 584 Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 und chronischer Nierenerkrankung reduzierte Sotagliflozin die Kombination aus Todesfällen durch kardiovaskuläre Ursachen, Krankenhausaufenthalten bei Herzinsuffizienz und dringenden Arztbesuchen wegen Herzinsuffizienz. Unter Sotagliflozin kam es vermehrt zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen wie genitalen Pilzinfektionen, Volumenmangel oder diabetischer Ketoazidose.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Die SOLOIST-WHF-Studie

Sotagliflozin bei Patienten mit Diabetes mellitus und Herzinsuffizienz

Mit einem Kommentar des Autors
Bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 und einer Herzinsuffizienz, die sich in letzter Zeit verschlechtert hatte, begannen die Ärzte vor oder kurz nach der Entlassung aus dem Krankenhaus eine Therapie mit Sotagliflozin. Sie führte im Vergleich zu Placebo zu einer signifikant niedrigeren Gesamtzahl an Ereignissen bestehend aus Todesfällen durch kardiovaskuläre Ursachen sowie Krankenhausaufenthalten und dringenden Arztbesuchen wegen einer Herzinsuffizienz.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

VERTIS-CV-Studie

Kardiovaskuläre Ereignisse unter Therapie des Diabetes mellitus mit Ertugliflozin

Mit einem Kommentar des Autors
In einer randomisierten Studie bei 8246 Patienten mit Typ-2-Diabetes und arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen war Ertugliflozin in Bezug auf schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse und die Progression der Nierenschädigung nicht wirksamer als Placebo.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Thrombozytenfunktionshemmung nach perkutaner Koronarintervention

Ticagrelor-Monotherapie versus Ticagrelor plus Acetylsalicylsäure bei Patienten ohne ST-Streckenhebungsinfarkt

Mit einem Kommentar des Autors
Die TWILIGHT-ACS-Studie zeigte bei Patienten mit oder ohne ST-Streckenhebungsinfarkt, dass eine Ticagrelor-Monotherapie jenseits des dritten Monats nach Stentimplantation mit einer geringeren Rate an schwerwiegenden Blutungsereignissen einhergeht verglichen mit einer Kombinationstherapie mit Acetylsalicylsäure [1]. Eine vordefinierte Subgruppenanalyse zeigt dieses Ergebnis auch bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom ohne ST-Streckenhebung.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Die randomisierte, offene ALPHEUS-Studie

Ticagrelor versus Clopidogrel bei elektiven perkutanen Koronarinterventionen

Mit einem Kommentar des Autors
In einer randomisierten Studie wurden Patienten 30 Tage vor, während und 30 Tage nach einer geplanten elektiven perkutanen Koronarintervention entweder mit Ticagrelor oder Clopidogrel vorbehandelt. Myokardinfarkte und größere Myokardnekrosen waren in beiden Behandlungsarmen gleich häufig. Unter Ticagrelor kam es allerdings häufiger zu nicht schwerwiegenden Blutungskomplikationen.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Die RIVER-Studie

Rivaroxaban bei Patienten mit Vorhofflimmern und einer biologischen Mitralklappe

Mit einem Kommentar des Autors
Bei Patienten mit Vorhofflimmern und einer biologischen Mitralklappe war Rivaroxaban hinsichtlich der mittleren Zeit bis zu Tod, kardiovaskulären Ereignissen wie Schlaganfall, transiente ischämische Attacke, systemische Embolie, Klappenthrombose oder Krankenhausaufenthalt wegen Herzinsuffizienz oder Blutungen über einen Zeitraum von 12 Monaten ähnlich wirksam wie Warfarin.

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Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Direkte orale Antikoagulanzien

Unterdosierung erhöht Sterblichkeit bei Patienten mit Vorhofflimmern

Mit einem Kommentar des Autors
Im GARFIELD-AF-Register mit 34 926 Patienten mit Vorhofflimmern erhielten die meisten Patienten (72,9 %) die empfohlenen DOAK-Dosierungen je nach länderspezifischen Empfehlungen oder Zulassungstexten. Die Verschreibung niedrigerer Dosierungen bei Patienten, die die Kriterien für eine Dosisreduktion nicht erfüllten, war mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko, vor allem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verbunden.

Seite 25 -37
Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Internationale Polycap-3-Studie

Prävention vaskulärer Ereignisse mit einer Polypille

Mit einem Kommentar des Autors
Die kombinierte Behandlung mit einer Polypille plus Acetylsalicylsäure führte in der TIPS-3-Studie zu einer geringeren Inzidenz von kardiovaskulären Ereignissen als Placebo bei Teilnehmern ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die ein mittleres kardiovaskuläres Risiko hatten.

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Rezension Prof. Dr. med. Petra Staubach-Renz, Mainz

Arzneimittelforschung für Jedermann – auch als Abendlektüre

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Notizen Dr. Maja M. Christ, Stuttgart

G-BA-Beschluss

Talazoparib bei Mammakarzinom (BRCA1/2-Mutation; HER2–)

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Notizen Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

G-BA-Beschluss

PSA-Test als Screening zur Früherkennung

Mit einem Kommentar von Prof. Dr. Clemens Unger, Freiburg

Seite 42 -48
Seite 49 -57
Pressekonferenz Dr. med. Peter Stiefelhagen, Starnberg

Schubförmige multiple Sklerose (RMS)

Ozanimod ist Interferon überlegen

Mit Ozanimod steht inzwischen ein selektiver S1P-Rezeptoragonist für die Therapie der schubförmigen multiplen Sklerose zur Verfügung. Die Substanz entfaltet ihre antiinflammatorische Wirkung, indem sie den Austritt der Lymphozyten aus den Lymphknoten verhindert. Die kürzlich erfolgte Zulassung basiert auf den Ergebnissen von zwei Phase-III-Studien. Sie zeigen im Vergleich mit Interferon eine Überlegenheit hinsichtlich der jährlichen Schubrate und der neu aufgetretenen Läsionen im MRT. Die Daten wurden im Rahmen eines von der Firma Celgene anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) veranstalteten digitalen Symposiums vorgestellt.

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Pressekonferenz Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Migräne

Subkutanes Sumatriptan nun auch in niedrigerer Dosis verfügbar

Eine wirksame Attackentherapie ist essenziell für die Behandlung der Migräne. Als neue Option steht nun Sumatriptan 3 mg s. c. zur Verfügung. Die Studiendaten für das Medikament erläuterten Experten auf dem deutschen Schmerzkongress im Oktober 2020. Die Veranstaltung wurde gesponsert von der Firma Hormosan.

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Pressekonferenz Sabine M. Rüdesheim, Frechen

Schmerztherapie mit medizinischem Cannabis

Ansprache des Endocannabinoid-Systems als Therapieoption im Versorgungsalltag

Der therapeutische Einsatz von Cannabinoiden hat sich bei einer Reihe von Erkrankungen bewährt. Wie eine Vielzahl klinischer Studien zeigt, sind die Phytocannabinoide wie Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) oder Cannabidiol (CBD) auch bei starken Schmerzen eine Option. Experten stellten diese Ergebnisse im Rahmen des deutschen Schmerzkongresses 2020 vor. Das Symposium veranstaltete die Firma Neuraxpharm.

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Pressekonferenz Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Infektionen mit nicht-tuberkulösen Mykobakterien

Liposomales Amikacin in Europa zugelassen

Die Therapie der pulmonalen Erkrankung durch eine Infektion mit nicht-tuberkulösen Mykobakterien ist anspruchsvoller als die der unkomplizierten Lungentuberkulose. Auf einer Pressekonferenz stellten Experten die Studiendaten vor, die zur Zulassung von liposomalem Amikacin in diesem Indikationsbereich geführt haben. Die Veranstaltung fand im November 2020 statt und wurde von der Firma Insmed organisiert.

Seite 49 -57
Pressekonferenz Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Metabolisch-assoziierte Fettlebererkrankung

Erkrankung und Komplikationen frühzeitig erkennen

Bei einem Live-Webinar im Oktober 2020 diskutierten Experten, auf was bei einer leitliniengerechten Versorgung von Patienten mit einer metabolisch-assoziierten Fettlebererkrankung zu achten ist. Es gibt noch Defizite, bei denen Hausärzte unterstützen können. Die Fortbildung wurde von der Firma Norgine veranstaltet.

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Pressekonferenz Dr. Maja M. Christ, Stuttgart

Onkologie

Neue Indikationen für Atezolizumab und Entrectinib

Auf den letzten onkologischen Kongressen wurden viele spannende Studien-Updates vorgestellt, die auf eine Erweiterung des therapeutischen Spektrums hinweisen – beim kleinzelligen und nichtkleinzelligen Lungenkarzinom, beim frühen oder fortgeschrittenen triple-negativen Mammakarzinom, beim metastasierten Urothelkarzinom und beim hepatozellulären Karzinom. In zwei im Herbst 2020 von der Firma Roche veranstalteten Webcasts stellten Experten neue Daten zu Alectinib, Atezolizumab und Entrectinib sowie zu dem noch nicht zugelassenen Pralsetinib vor.